Sipri-Jahresbericht Nuklearmächte modernisieren ihre Arsenale

2021 ist die Zahl der Atomwaffen weltweit gesunken. Kein Grund zur Entwarnung, heißt es im Jahresbericht des Friedensforschungsinstituts Sipri. Die Sprengköpfe werden modernisiert, und die Gesamtzahl wird bald wieder steigen.
Militärparade in Moskau im Juni 2020

Militärparade in Moskau im Juni 2020

Foto: Alexander Zemlianichenko / AP

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Nuklearwaffen weltweit gesunken. Gleichzeitig werden Atomarsenale moderner und wichtiger für globale Militärstrategien – und innerhalb der nächsten zehn Jahre werden sie wahrscheinlich auch numerisch wieder wachsen. Das sind die Haupterkenntnisse des Jahresberichts des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri, der sich unter anderem mit der Proliferation von Atomwaffen beschäftigt.

»Alle nuklear bewaffneten Staaten bauen ihre Arsenale aus oder auf«, sagt Sipri-Forscher Wilfred Wan, der vor allem Massenvernichtungswaffen untersucht. Außerdem würden Atommächte »ihre nukleare Rhetorik verschärfen und die Rolle, die Atomwaffen in ihren militärischen Strategien spielen«, warnt er. »Dies ist ein sehr beunruhigender Trend.«

Die geschätzte Gesamtzahl der nuklearen Sprengköpfe weltweit belief sich zu Beginn dieses Jahres laut Sipri auf 12.705 Stück. Dass es fast 380 Sprengsätze weniger als vor einem Jahr sind, liegt nach Einschätzungen der Forscherinnen und Forscher vor allem daran, dass alte Waffen abgebaut wurden. Vor allem die beiden Hauptatommächte – Russland und die USA – hätten Atomwaffen demontiert, die sie bereits vor Jahren aus dem militärischen Betrieb genommen hatten. Die Zahl der tatsächlich einsetzbaren Sprengköpfe der beiden Staaten blieb hingegen stabil.

Besorgniserregender Trend

Nach Einschätzung von Sipri ist der Trend besorgniserregend. »Es gibt eindeutige Anzeichen dafür, dass die Verringerung der weltweiten Atomwaffenarsenale seit dem Ende des Kalten Krieges beendet ist«, sagt Friedensforscher Hans M. Kristensen. Ein weiterer Grund zur Sorge sind laut Sipri-Bericht die offenen Drohungen Russlands, im Kontext seines Angriffskriegs gegen die Ukraine Atomwaffen einzusetzen.

Russland und die USA besitzen zusammen mehr als 90 Prozent aller Atomwaffen weltweit. Auf die beiden Atommächte entfallen laut Sipri auch fast alle nuklearen Sprengköpfe weltweit, die »in hoher Alarmbereitschaft gehalten wurden«, also zum sofortigen Einsatz bereit wären. Das sind nach Sipri-Angaben etwa 2000 Sprengsätze.

Großbritanniens »HMS Vanguard«: Das U-Boot kann mit ballistischen Atomraketen ausgestattet werden

Großbritanniens »HMS Vanguard«: Das U-Boot kann mit ballistischen Atomraketen ausgestattet werden

Foto: David Moir / REUTERS

Doch auch die anderen Atommächte rüsten auf. Insbesondere versucht China anscheinend, die große Kluft zu Russland und den USA zu verringern. Laut Sipri ist Peking dabei, sein Atomwaffenarsenal »substanziell« zu erweitern. Dies zeige unter anderem der Bau von mehr als 300 neuen Raketensilos, der sich über Satellitenaufnahmen beobachten ließ.

Auch westliche Länder erweitern oder modernisieren ihre Arsenale. Großbritannien etwa hat 2021 beschlossen, die Obergrenze für seinen Atomwaffenbestand zu erhöhen, heißt es in dem Bericht. Außerdem habe London angekündigt, keine genauen Zahlen mehr über sein tatsächlich funktionsfähiges Atomwaffenarsenal zu veröffentlichen. Frankreich startete im vergangenen Jahr ein Programm zur Entwicklung von neuen nuklear getriebenen U-Booten, die mit ballistischen Raketen und atomaren Sprengköpfen ausgestattet werden können.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un bei einer Militärübung

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un bei einer Militärübung

Foto: Rodong Sinmun / YONHAP / dpa

Weitere Staaten, die laut Sipri ihre Atomwaffenarsenale weiterentwickeln, sind die beiden südasiatischen Atommächte Indien und Pakistan sowie Nordkorea und Israel. Für Pjöngjang bleiben militärische Atomprogramme im Mittelpunkt der eigenen Verteidigungsstrategie. Die tatsächliche Stärke von Nordkoreas atomarer Ausstattung kann aber nur geschätzt werden. Jerusalem dagegen gibt bis heute öffentlich nicht zu, Nuklearwaffen zu besitzen – Sipri geht dennoch von 90 Sprengköpfen aus.

Gefährliche Zweideutigkeit

Nach Ansicht des Stockholmer Instituts macht die Zweideutigkeit der Atommächte die weltweite Dynamik besonders problematisch: »Obwohl im vergangenen Jahr einige bedeutende Fortschritte sowohl bei der nuklearen Rüstungskontrolle als auch bei der nuklearen Abrüstung zu verzeichnen waren, scheint das Risiko des Einsatzes von Atomwaffen heute höher zu sein als jemals zuvor seit dem Höhepunkt des Kalten Krieges«, sagt Sipri-Direktor Dan Smith.

Positiv ist die weitere Einhaltung des Abrüstungsabkommens New Start zwischen den USA und Russland, das die Zahl der strategischen Atomwaffen eingrenzt. Die Vereinbarung gilt jedoch nur für strategische Nuklearsprengköpfe. Sogenannte taktische Atomwaffen, die etwa im Kontext eines konventionellen Gefechts eingesetzt werden können, zählen nicht dazu. Zu den weltweiten Fortschritten gehört auch das Inkrafttreten des Atomwaffenverbotsvertrags TPNW, der von Dutzenden Ländern unterzeichnet oder ratifiziert wurde. Dazu gehören die Atommächte jedoch nicht. Fünf von ihnen – die USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien – hatten erst im Januar dieses Jahres ein gemeinsames Statement veröffentlicht, in dem es heißt: »Der Atomkrieg kann nicht gewonnen und darf niemals geführt werden.«

Seit Russlands Überfall auf die Ukraine wirken solche Aussagen wie aus einer anderen Ära: »Die Beziehungen zwischen den Großmächten der Welt haben sich in einer Zeit weiter verschlechtert, in der die Menschheit und der Planet vor einer Reihe von tief greifenden und dringenden gemeinsamen Herausforderungen stehen, die nur durch internationale Zusammenarbeit bewältigt werden können«, sagte Stefan Löfven, Vorsitzender des Sipri-Verwaltungsrats.

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