Schwester Chiara spricht mit einer Prostituierten, die an der Schnellstraße SS385 auf Sizilien arbeitet
Schwester Chiara spricht mit einer Prostituierten, die an der Schnellstraße SS385 auf Sizilien arbeitet
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Alessandro Puglia

Sizilien Die gute Nonne vom Straßenstrich SS385

Viele geflüchtete Frauen aus Nigeria landen in Europa in den Fängen von Menschenhändlern und in der Prostitution. In Sizilien ist eine Straße zum Symbol der Sklaverei geworden - eine unerschrockene Nonne mischt sich ein.
Aus Sizilien berichten Maria Stöhr und Maria Feck (Fotos)

Ganz am Ende, als der Leichnam der jungen Frau schon eine Woche im Krankenhaus Garibaldi in Catania lagerte, betrat Schwester Chiara den Raum. Die Nonne blickte der Toten ins Gesicht. Da wusste sie, dass es der Körper von Elena war, der nun kalt und steif auf einer Pritsche lag, einer nigerianischen Prostituierten vom Straßenstrich an der SS385.

Die Frau war tot in einem Garagenverschlag gefunden worden. Es hatte eine Explosion gegeben. Die Polizei war von einem Unfall mit der Gasheizung ausgegangen. Dann fand der obduzierende Arzt Spuren von Gewalt an ihrem Körper. Die Staatsanwaltschaft von Catania nahm die Ermittlungen auf.

Schwester Chiara war am Ende die Einzige, die Elena identifizieren konnte. Die beiden Frauen teilen eine Geschichte, die im Juni 2017 begann.

Es ist die Geschichte von nigerianischen Frauen, die von Europa träumten und, kaum dort angekommen, in der Prostitution landen. Und es ist die einer italienischen Nonne, die diesen Frauen, die ansonsten wie Schatten in dem Land leben, hilft und eine Stimme gibt. Dort, wo Gesellschaft und Politik oft versagen. Wo Europa versagt.

Dabei geht es immer wieder auch um jene Straße, die keinen Namen, nur eine Nummer hat, die SS385. Eine Schnellstraße, die auf Sizilien die Städte Catania und Gela verbindet, ungefähr hundert Kilometer durchs Hinterland. Jene Straße, an der auch Elena gestanden hatte.

Schwester Chiara sammelt Spenden, die Menschen aus Caltagirone für die geflüchteten Frauen abgeben

Schwester Chiara sammelt Spenden, die Menschen aus Caltagirone für die geflüchteten Frauen abgeben

Foto: Maria Feck

Schwester Chiara erzählt davon in ihrem Konvent in Caltagirone, einem sizilianischen Städtchen am Berg, nicht mal eine Stunde vom Ätna und vom Meer entfernt. Wenn sie spricht, bewegt sie sich so hektisch, dass ihr Schleier immer mal von der Schulter rutscht. Sie greift dann nach hinten, fasst das weiße Tuch und rückt es wieder zurecht:

"Die Sache mit mir und den Prostituierten fing vor ein paar Jahren an. Ich kam von einer Reise aus Palermo zurück und sah am Rand der Straße, Kurve um Kurve, weiße Plastikstühle in den Büschen stehen. Auf manchen saß eine Frau, sie hatten oft enge Strumpfhosen und hohe Schuhe an, manche Stühle waren leer."

Die Nonne erfuhr, dass bis zu 80 Prozent der Frauen, die von Nigeria nach Italien flüchten, in der Prostitution landen, in den Fängen von Kriminellen. Dass Zehntausende Nigerianerinnen täglich an italienischen Straßen stehen, viele von ihnen minderjährig. Ihre Zahl stieg in den vergangenen Jahren stetig an.

"Keiner interessiert sich für die Frauen."

Schwester Chiara

Dass die Frauen erpressbar sind, weil sie die Kosten für ihre Flucht nach Europa zurückzahlen müssen. Leichte Opfer, weil sie oft illegal im Land leben, viele mit gefälschten Pässen. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hat die Zahl der Opfer von Menschenhandel übers Mittelmeer zwischen 2014 und 2017 um 600 Prozent zugenommen.

Die Nonne erfuhr auch, dass dahinter meist die nigerianische Mafia steckt, die oft schon im Heimatland Kontakt zu den Frauen aufnimmt, ihnen Geld für die Flucht vorstreckt und die Frauen dann, in Italien, mit den Schulden erpresst. Die nigerianische Mafia und Untergruppen wie die "Schwarze Axt" oder die "Supreme Eiye Confraternity" haben inzwischen feste Strukturen in Italien und ein breites Netzwerk in Europa aufgebaut. Sie verlangen horrende Summen, bis zu 50.000 Euro, für die Flucht. Ein Freier zahlt zwischen 5 und 15 Euro.

"Da muss man was machen, habe ich gedacht. Ich habe ein Auto gemietet, Kaffee in Thermoskannen gefüllt, Frühstück in Papier gewickelt. Und bin losgefahren zu der Straße und den Frauen. Es herrscht dort ein großes Schweigen. Ein Schweigen der Angst. Die Frauen werden unter Druck gesetzt von den Menschenhändlern, sie stehen unter Beobachtung. Anfangs waren die Frauen sehr vorsichtig mir gegenüber. 'Wir sind Schwestern', habe ich zu ihnen gesagt. Weil ich barfuß gehe, dachten sie zuerst, dass ich diejenige bin, die Hilfe braucht. Sie boten mir Schuhe an. Das war schon fast ein lustiger Moment, ab da haben die Frauen Vertrauen gefasst. Die Armut hat eine Brücke geschlagen."

Schwester Chiara ist 39 Jahre alt und aus Sizilien. Sie war früher einmal gegen die Kirche, für Feminismus, für Abtreibung, gegen Regeln, für die Freiheit. Dann wurde ihr Bruder schwer krank, und sie fing an zu beten. Heute ist sie im Orden der Franziskaner, einem Bettel- und Armutsorden. Sie lebt in einem Haus ohne Elektrizität und geht auch im Winter barfuß. Sie geht immer barfuß. Schwester Chiara ist bis heute eine Rebellin.

"'Protectors, Beschützer, werden die Hintermänner der Frauen genannt. In Wahrheit sind sie Verbrecher, sie unterdrücken die Frauen. Sie parken mit ihren Autos in den Büschen und kontrollieren die Straße, die Kunden, und ob eine Polizeistreife vorbeikommt. Wobei es hier fast nie eine Razzia gibt. Keiner interessiert sich für die Frauen.

Angst habe ich nicht. Die Hintermänner wissen, dass ich da bin. Aber sie lassen mich gewähren. Ab und zu beschwert sich ein Kunde. 'Was will die Nonne hier?', fragen manche. Sie fühlen sich durch mich gestört, vor allem, wenn ich um die frühe Mittagszeit auftauche. Denn dann sind oft viele Kunden an der Straße."

Die frühe Mittagszeit also. Die SS385 beginnt direkt hinter einem Naturschutzgebiet, rundherum stehen die Hänge voll mit Mandarinen- und Olivenbäumen, die Straße selbst ist eine sandige Piste, in den Zäunen hängt Müll. Am Rand stehen die weißen Plastikstühle, die meisten sind nicht besetzt. Ein leerer Stuhl bedeutet oft Kundschaft. Alte Männer.

"Viele Italiener denken, die Frauen suchen sich dieses Leben freiwillig aus. Aber keine Frau sucht sich das aus."

Schwester Chiara

Die Frauen stecken in einer doppelten Falle. Einmal durch die gewaltige Schuld, die sie abzahlen müssen. Außerdem werden sie mit dem Glauben an den sogenannten Voodoo-Zauber erpresst. Ein Schwur, den die Frauen nicht brechen wollen und sich deshalb nicht trauen, aus der Sexarbeit auszusteigen. Auch in Deutschland sind Voodoo-Zauber und Prostitution ein Problem, im Juni 2019 nahm die Polizei mehrere Mitglieder der nigerianischen Mafia fest (mehr dazu lesen Sie hier).

Das Heimatland der Frauen, Nigeria, ist das bevölkerungsreichste Afrikas, zwei Drittel der Nigerianer leben in extremer Armut.

"Am Anfang wollte ich den Frauen anbieten, sie zu einem Arzt ins Krankenhaus zu bringen, um sich medizinisch untersuchen zu lassen. Für Schwangerschaftstests oder einen HIV-Test, falls sie das wollen. Aber so einfach, wie ich mir das vorgestellt habe, war es nicht. Die Frauen hatten große Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlassen. Also haben wir uns etwas anderes ausgedacht: Jetzt kommt regelmäßig ein Krankenwagen zur Straße und versorgt die Frauen vor Ort mit Medikamenten. Nach Kondomen oder anderen Verhütungsmitteln fragen die Frauen nie. Ich glaube nicht, dass sie sich schämen. Es geht eher um die Würde. Die Frauen wollen sich um die Verhütung selbst kümmern."

Die Nonne war die Einzige, die Elena identifizieren konnte: "Sie starb auf eine grausame Weise"

Die Nonne war die Einzige, die Elena identifizieren konnte: "Sie starb auf eine grausame Weise"

Foto: Maria Feck

Das Gestell von Schwester Chiaras Brille ist gebrochen, sie hat es mit Tesafilm geklebt. Sie sagt, dass sie die Frauen ab und zu ins Kloster einlädt, um mit ihnen zu Abend zu essen. An Weihnachten seien die Frauen auch gekommen. Auch zwei andere Nonnen helfen mittlerweile. Chiara fährt oft zur Straße, um dort gemeinsam mit den Prostituierten zu beten. Um ihnen zuzuhören. Sie dränge die Frauen nicht, auszusteigen, sagt Schwester Chiara. Aber sie wolle ihnen zeigen, dass sie eine Wahl hätten. Dass es Anlaufstellen wie die IOM gibt, an die sie sich wenden können, zum Beispiel, um ein offizielles Asylverfahren anzustreben.

Dann erzählt Schwester Chiara von Elena. Die junge Frau war im Januar 2019 plötzlich nicht mehr zur Straße gekommen, tagelang verschwunden. Dann berichtete die Lokalpresse, dass es eine Explosion in einer Garage in Catania gegeben hatte und eine Frau tot aufgefunden wurde, ungefähr dort, wo Elena wohnte.

Caltagirone im Hinterland Siziliens: Die Nonnen Bernada, Marta und Chiara leben hier im Konvent

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Foto: Maria Feck

"Als die Frauen davon hörten, waren sie erschrocken. 'Vielleicht ist es Elena!', sagten sie. Sie baten mich um Hilfe. Also bin ich in das Krankenhaus gefahren, in dem der Leichnam lag. Ich habe ihr ins Gesicht gesehen. Da wusste ich. Elena, die Frau, die so viel lachte, starb auf eine grausame Weise."

Schwester Chiara sagt, seit Elenas Tod habe sich die Straße verändert. Die Frauen seien vorsichtiger, auch ihr gegenüber. Es hat mehrere Razzien gegeben, fünf Männer wurden festgenommen, ihnen wird Menschenhandel vorgeworfen. Wie Elena starb, ist aber auch ein Jahr nach ihrem Tod noch nicht geklärt, bald könnte die Akte geschlossen werden.

Als Elena beigesetzt wurde, waren viele ihrer Kolleginnen von der SS385 dabei. Sie haben aus dem Matthäus-Evangelium vorgelesen, eine Stelle, an der es heißt: "Ich war ein Fremder, und du hast mich willkommen geheißen". Elena liegt jetzt auf dem Friedhof von Catania, nicht weit entfernt von einem Massengrab, in dem 200 Geflüchtete begraben liegen, die auf dem Mittelmeer starben.

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Prostitution geflüchteter Frauen auf Sizilien: "Keine Frau sucht sich das aus"

Foto: Maria Feck

Schwester Chiara, in ihrem Konvent, schiebt den Vorhang zu einer Kammer auf. Dahinter sind die Spenden, die sie bald zu den Frauen bringen will. Es sind Brettspiele darunter, Handyhüllen, Winterjacken, eine Babytrage. Aber das Wichtigste, sagt sie, seien nicht die Spenden. Das Wichtigste sei, dass die Frauen von jemandem gesehen werden. Dass sie sich nach und nach daran erinnern, dass sie sich wehren können.

"Viele Italiener denken, die Frauen suchen sich dieses Leben freiwillig aus", sagt sie dann noch. "Aber keine Frau sucht sich das aus."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

Mitarbeit: Alessandro Puglia

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