Schabab-Terror in Ostafrika "Wer nicht zahlt, dem drohen Anschläge"

Mehr als 1000 Opfer im Jahr: Die Islamisten von al-Schabab sind gefährlich wie lange nicht. Der Islam-Experte Harun Maruf erklärt, wie die Dschihadisten Trumps Drohnenkrieg trotzen.
Ein Interview von Christoph Titz
Bürger tragen im Februar 2019 einen Verletzten weg von einem Anschlagsort in Mogadischu

Bürger tragen im Februar 2019 einen Verletzten weg von einem Anschlagsort in Mogadischu

Foto: FEISAL OMAR/ REUTERS

Zum Jahreswechsel tauchte al-Schabab wieder in den internationalen Schlagzeilen auf: Kurz vor Silvester tötete die Terrormiliz mit einer Bombe mehr als 80 Menschen in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Anfang Januar schlugen die Islamisten in Kenia zu: Ein Kommando von 14 Angreifern stürmte die US-Militärbasis "Camp Simba" auf dem Flugplatz von Manda Island in Kenia und ermordete drei US-Amerikaner.

Seit Jahren verbreitet al-Schabab ("die Jugend") - al-Qaidas Ableger am Horn von Afrika - Schrecken mit gezielten Tötungen von Politikern, Journalisten und Geschäftsleuten, mit Bombenattentaten und Sprengfallen.

Etwa jede zweite islamistische Terrortat auf dem afrikanischen Kontinent geht auf die somalischen Dschihadisten zurück, recherchierte das Africa Center for Strategic Studies.

Die Schabab-Miliz wird mit einer internationalen Militärmission der Afrikanischen Union (Amisom) bekämpft, außerdem greifen die USA die Extremisten seit Jahren aus der Luft an: Allein 2019 flogen US-Jets und Drohnen mehr als 60 Angriffe. Im Interview erklärt der Autor und Schabab-Experte Harun Maruf die ungebrochene Resilienz der somalischen Terrorgruppe.

SPIEGEL: Seit 13 Jahren bekämpfen afrikanische Staaten und die USA al-Schabab. Trotzdem bombt und mordet die Organisation weiter. Wie kann das sein?

Maruf: Die Schabab ist viel mehr als eine Terrororganisation. Sie ist in der somalischen Gesellschaft verankert und hat eine Art Schattenregierung aufgebaut, die Steuern eintreibt, Sicherheitskräfte und eigene Gerichte unterhält. Es gibt ein Ausbildungssystem nicht nur für Milizen, sondern auch für Bombenbauer und Führungsnachwuchs. Als ihr damaliger Boss Ahmed Godane 2014 von einer US-Rakete getötet wurde, dachten manche, Schabab werde kollabieren. Das war nicht der Fall.

SPIEGEL: Unter Donald Trump haben die US-Streitkräfte den Drohnenkrieg stark ausgeweitet. Warum ist die Schabab immer noch so schlagkräftig?

Maruf: Die USA haben Bombenexperten und Anführer getötet, al-Schabab hat die wichtigen Funktionen jedoch einfach nachbesetzt. In den Metropolen hat die Gruppe die direkte Kontrolle zwar verloren, Städte sind ihr aber egal, solange sie die Gebiete dazwischen beherrscht. Ihre Männer haben sich 20 bis 30 Kilometer von Mogadischu entfernt postiert. Trotzdem nehmen sie in der Hauptstadt Schutzgeld ein. Es ist wie bei der Mafia.

SPIEGEL: Wie läuft das ab?

Maruf: Wenn im Hafen von Mogadischu oder Kismayo eine Ladung gelöscht wird, landen die Frachtpapiere auch bei Schabab-Leuten. Die fordern von Unternehmern Geld. Wer nicht bezahlt, dem drohen sie mit Anschlägen.

SPIEGEL: Amisom hat mehr als 20.000 Soldaten, dennoch kann Schabab fast nach Belieben in der Hauptstadt Bomben zünden. Warum?

Maruf: Al-Schabab agiert professionell und plant von langer Hand. Im Sommer starb der Bürgermeister Mogadischus, Abdirahman Omar Osman, nach einem Anschlag auf sein Büro. Die Selbstmordattentäterin war seine Mitarbeiterin. Sie war lange vorher rekrutiert worden und sollte eigentlich den somalischen Präsidenten töten. Als dies wegen der Sicherheitsvorkehrungen nicht gelang, änderte sich der Plan. Sie tötete ihren Chef.

SPIEGEL: Gute Sicherheitskräfte könnten manches verhindern, gibt es die nicht?

Maruf: Nein, und dafür ist die somalische Regierung verantwortlich. Sie hatte viele Jahre Zeit, selbst Militär, Polizei und Geheimdienste aufzubauen, aber das ist nicht wirklich passiert. Es gelingt bislang nicht, die Schabab-Netzwerke aufzudecken. Sie haben ihre Leute überall, in Universitäten, im Sicherheitsapparat, in Firmen – äußerlich ganz normale Bürger.

SPIEGEL: Können sie ein Beispiel nennen?

Maruf: Ende Dezember wurde ein Mann verurteilt, weil er für die Schabab gezielte Tötungen organisiert hat. Er war aber kein Kämpfer im Busch, sondern Dozent an einer Hochschule in Mogadischu. Seit 2014 war er der Kopf der Schabab-Abteilung für Auftragsmorde.

US-Soldaten beim Hissen der Flagge im "Camp Simba", Manda Island, Kenia: "Al-Schabab ist rachsüchtig"

US-Soldaten beim Hissen der Flagge im "Camp Simba", Manda Island, Kenia: "Al-Schabab ist rachsüchtig"

Foto: EPA-EFE/REX

SPIEGEL: Der Angriff auf das US-Militärcamp "Simba" auf Manda Island in Kenia – ist das eine neue Schabab-Strategie?

Maruf: Die Schabab hat zwei Strategien. Die eine ist nach innen gerichtet. Sie greifen ausländische Truppen in Somalia an, die sie in ihrer Propaganda als Invasoren im Auftrag einer ketzerischen Regierung verurteilen. In ihrer Außendarstellung sind sie - im perversen Terrorsinn - die erfolgreichste Abteilung al-Qaidas, mit großem Territorium, Trainingscamps und stabilen Strukturen. Attacken auf die USA gehören zum Selbstverständnis. Schon die Attacke auf das Hotel in Nairobi vor einem Jahr wurde mit Trumps Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt begründet. Das war nun auch bei Manda Island wieder der vorgebliche Grund.

SPIEGEL: Denken Sie, es gab einen weiteren?

Maruf: Die Extremisten wurden getroffen und haben zurückgeschlagen. Al-Schabab ist rachsüchtig, wenn ihre Leute getötet werden. Bei einem US-Raketenangriff Anfang Dezember kam ein Topmann ums Leben, der der Hauptverantwortliche für Rekrutierung und Indoktrination war. Manda Island könnte dafür ein Racheakt gewesen sein.

SPIEGEL: In einer neuen Drohung richtete sich al-Schabab explizit an Kenianer und an Touristen in Kenia, die „keine ruhige Minute“ mehr haben sollten, die auf Reisen und in den Ferien angegriffen würden. Ist das neu?

Maruf: Überhaupt nicht, die Schabab-Führer sind reine Opportunisten. Sie wollen, dass Kenia sich aus Amisom und aus Somalia zurückzieht, darum greifen sie dort an. Und sie bedrohen Kenia da, wo es dem Land weh tut: beim Tourismus.

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