Somalias Kampf gegen die Islamisten »Wir haben nur eine Chance, um nicht wie Afghanistan zu enden«

Der Siegeszug der Taliban in Afghanistan hat nicht nur den Westen schockiert. In anderen Krisenstaaten wie Somalia wächst die Sorge, dass es zu einem ähnlichen Szenario kommen könnte.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Ein ugandischer Amisom-Soldat macht sich in Somalia bereit für die Schlacht gegen Al-Schabab (2014)

Ein ugandischer Amisom-Soldat macht sich in Somalia bereit für die Schlacht gegen Al-Schabab (2014)

Foto: Noe Falk Nielsen / NurPhoto / Getty Images
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»Gott ist groß«, jubelten am Montag mehrere islamistische Nachrichtenseiten in Somalia. Die Taliban hätten gezeigt, dass Hunderttausende ausländische Truppen zu besiegen seien. »Die Flagge des Monotheismus ist auf Kabuls Plätzen gehisst worden«, schreibt die Online-Plattform Calamada. Sie steht der Schabab-Miliz nahe, eine mit Al-Qaida verbündete Terrororganisation.

In Somalia wächst nun die Sorge, selbst ein Afghanistan-Szenario zu erleben. Tatsächlich gibt es einige erstaunliche Parallelen zwischen beiden Ländern: Islamistische Milizen kämpfen seit vielen Jahren um die Vorherrschaft, nur dank ausländischer Truppen konnte ihnen etwas entgegengesetzt werden. Schwachen Regierungen gelingt es nicht, einen funktionierenden Staat aufzubauen und die Vorherrschaft zu sichern. Jahre des Krieges haben tiefe Spuren hinterlassen.

Trotzdem gab es in Somalia einige Fortschritte im Kampf gegen die Islamisten: Dank internationaler Truppen konnten zumindest die städtischen Zentren unter die Kontrolle der Regierung gebracht werden. In vielen ländlichen Gegenden, vor allem im Süden Somalias, hat jedoch weiterhin al-Schabab das Sagen. »Somalia ist das Land, das die größten Parallelen zu Afghanistan aufweist«, sagt der frühere Sicherheitsberater der somalischen Regierung Hussein Sheikh Ali. »Wir haben nur eine letzte Chance, um nicht wie Afghanistan zu enden.«

Die US-Truppen sind im Januar abgezogen

Mit der letzten Chance meint er die anstehenden Wahlen im Land, durch die eine funktionierende Regierung gebildet werden müsse. Seit Monaten herrscht ein unübersichtliches Hin und Her, ob und wann diese Wahlen nun stattfinden werden. Ein Schwebezustand, der politische Stabilität verhindert. Dazu kommt die Ungewissheit, wie es mit den internationalen Truppen weitergeht. Ende 2020 hat der damalige US-Präsident Donald Trump als eine seiner letzten Amtshandlungen einen Abzug der US-Truppen aus Somalia verkündet, kurz darauf auch direkt umgesetzt. Mehrere Hundert amerikanische Soldaten waren zuvor im Land stationiert, haben die einheimischen Kräfte unterstützt und fit gemacht für den Kampf gegen den Terror – so lautete zumindest das Ziel. Doch der Einsatz wurde, wie in Afghanistan, zu einem »forever war«, einem nie endenden Konflikt. Trump wollte die Reißleine ziehen. Die Soldaten wurden zum Teil in Nachbarländer verlegt, um von dort die Mission weiterzuführen.

»Unter dem Abzug litt vor allem die Antiterror-Einheit Danab«, sagt Sicherheitsexperte Omar Mahmoud von der International Crisis Group. Die somalische Eingreiftruppe ist ein Vorzeigeprojekt der Amerikaner: Hochgerüstet mit US-Mitteln und Training ist sie die Speerspitze im Kampf gegen al-Schabab. Doch diese Speerspitze wurde in den vergangenen Monaten laut Experten etwas stumpfer. US-Elitesoldaten begleiteten früher die Danab auch in den Einsatz, erzählt der ehemalige Kommandeur Ahmed Abdullahi Sheikh. »Der US-Rückzug hat dazu beigetragen, dass al-Schabab sich weiter ausbreiten und sich wieder freier bewegen konnte«, meint der Colonel. »Aber das war auch ein Weckruf für uns. Wir müssen auf eigenen Beinen stehen können, damit wir eben nicht wie Afghanistan enden.«

»Nicht wie Afghanistan enden« – diese Formulierung hört man in Mogadischu häufiger in diesen Tagen. Der Siegeszug der Taliban hat die Regierung aufgeschreckt. Zumal in den vergangenen Monaten ein weiteres Problem hinzukam: Zusätzlich zum Abzug der US-Truppen aus Somalia hatte Trumps Nachfolger Joe Biden die umstrittenen Drohnenangriffe auf die al-Schabab stark eingeschränkt. Fortan mussten alle Angriffe in Somalia vom Weißen Haus genehmigt werden. In der ersten Jahreshälfte war das kein einziger. »Dadurch fühlte sich die Schabab-Miliz ermutigt, ihre Kräfte wieder zu mobilisieren«, glaubt der somalische Senator und Außenpolitiker Ayub Ismail Yusuf.

Immer wieder verübt die Schabab-Miliz Anschläge, auch in der Hauptstadt Mogadischu. Zwar kontrolliert die Regierung inzwischen die urbanen Zentren, auf dem Land haben aber oft die Islamisten das Sagen

Immer wieder verübt die Schabab-Miliz Anschläge, auch in der Hauptstadt Mogadischu. Zwar kontrolliert die Regierung inzwischen die urbanen Zentren, auf dem Land haben aber oft die Islamisten das Sagen

Foto: Sadak Mohamed / Anadolu / Getty Images

Im Juli setzten die US-Drohnenangriffe schließlich wieder ein, denn die Antiterror-Einheit Danab war im Kampf gegen die Schabab offenbar mehrmals in eine verzweifelte Lage geraten. Und auch die amerikanischen Truppen seien zumindest wieder häufiger im Land, bestätigen Insider. Somalia versuche, die USA nun zu einem Rückzug vom Rückzug bewegen. Die Szenen aus Kabul könnten dabei helfen.

Viel wichtiger im Kampf gegen die Islamisten ist jedoch ein anderer Partner: Eine 20.000 Mann starke Armee der Afrikanischen Union. Denn am Horn von Afrika fährt der Westen eine andere Strategie als am Hindukusch, er zieht in der Regel nicht selbst in die Schlacht. Vielmehr finanziert vor allem die EU eine Armee aus Soldaten anderer afrikanischer Länder, als Teil der sogenannten Amisom-Mission. Allerdings geht auch hier den Beteiligten langsam die Geduld aus. Die internationalen Mittel wurden in den vergangenen Jahren bereits zurückgefahren, Experten rechnen mit weiteren Kürzungen.

Eigentlich war vorgesehen, zum Ende dieses Jahres die Verantwortung für den Antiterror-Kampf an die somalische Armee zu übertragen. Doch ein von den Vereinten Nationen beauftragter vertraulicher Lagebericht kommt zu dem Schluss, dass »der somalische Staat noch nicht in der Position ist, volle Verantwortung für seine Sicherheit zu übernehmen«. Doch es bliebe nur noch ein kurzes Zeitfenster, bevor die internationale Unterstützung ganz zurückgefahren werde, konstatiert die Uno. »Unsere Streitkräfte sind sehr schwach, wir hängen komplett von Amisom ab«, sagt der ehemalige Sicherheitsberater der Regierung Sheikh Ali. »Wir sehen das jetzt schon: Immer wenn sich Amisom irgendwo zurückzieht, marschiert sofort al-Schabab ein.«

Wie raus aus dem »forever war«?

Derzeit wird wieder mal über eine Verlängerung des Amisom-Einsatzes diskutiert, auch eine Uno-Mission wurde ins Spiel gebracht. Doch der vertrauliche UN-Lagebericht spricht sich bereits mehr oder minder direkt gegen diese Option aus. Alle Seiten suchen dringend nach einem Weg, den endlosen Konflikt zu beenden und gleichzeitig ein Afghanistan-Szenario zu vermeiden. Die Szenen von Kabul bringen nun neue Dynamik in die Gespräche mit Amisom.

Doch es gibt auch wesentliche Unterschiede zwischen Somalia und Afghanistan: Al-Schabab ist in weiten Teilen zu einer kriminellen Organisation geworden, ihr Anspruch darauf, eine echte Regierung zu stellen, ist fraglich. Zudem sind Clan-Strukturen am Horn von Afrika tief verankert, sie wiegen höher als jede Ideologie. Das macht es den Islamisten schwer, flächendeckend die Kontrolle zu übernehmen.

Wo die Terrormiliz das Sagen hat, herrschen jedoch ähnliche Zustände wie in Afghanistan. Frauen müssen sich verhüllen, werden mit Kämpfern zwangsverheiratet, vermeintliche Ehebrecherinnen werden gesteinigt. »Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen den Taliban und al-Schabab: Sowohl in Afghanistan als auch in Somalia kontrollieren die Islamisten das tägliche Leben der Frauen«, sagt Azadeh Moaveni, die zur Situation der Bewohnerinnen in den Schabab-Gebieten geforscht hat.

Allerdings hätten Frauenrechte in Somalia auch in den von der Regierung kontrollierten Gebieten nicht gerade Priorität, was zu einer absurden Situation führe: »Al-Schabab sind oft die einzigen, die Verbrechen wie Vergewaltigung überhaupt bestrafen. In einem Land, das vom Bürgerkrieg gezeichnet ist, bietet das einigen Frauen immerhin etwas Stabilität«, meint Moaveni.

Und offenbar agieren die Islamisten in Somalia teils pragmatischer als die Hardliner der Taliban es zumindest in den 1990er-Jahren taten. Frauen dürfen zum Beispiel auf dem Markt ihre Ware verkaufen, mit Männern Handel treiben. Jedenfalls so lange sie ihre »Steuern« an die Miliz abführen. Denn in vielen Regionen hat al-Schabab auch sämtliche Verwaltungsaufgaben übernommen.

Um den Kampf gegen den Terror zu gewinnen, braucht es daher mehr als internationale Truppen und Luftschläge: Es braucht ein glaubhaftes Alternativangebot für die Bevölkerung und die Sicherheitskräfte. Offenbar war das bislang weder in Somalia noch in Afghanistan vorhanden.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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