Boom in Somaliland Das Wunder am Horn von Afrika

Somaliland hat geschafft, woran das Nachbarland Somalia seit Jahren scheitert: Frieden, Stabilität, ein Ende des Terrors – und das fast ohne internationale Hilfe. Wie geht das?
Aus Somaliland berichtet Benjamin Moscovici
Die Innenstadt von Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland

Die Innenstadt von Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland

Foto: Benjamin Moscovici
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Pizzerien, Burger-Läden und Cafés mit Barista-Latte gibt es längst. Sogar Ikea-Regale bekommt man hier in Hargeisa, der Hauptstadt von Somaliland, einem der ärmsten Länder der Welt.

In den ländlichen Regionen sind weite Teile der Bevölkerung akut von Hunger bedroht, es gibt kaum befestigte Straßen, die Stromversorgung ist miserabel und die Gesundheitsversorgung praktisch nicht vorhanden. Aber verglichen mit dem Nachbarland Somalia ist der Boom enorm.

Straßenszene in Hargeisa: Verglichen mit dem Nachbarland Somalia ist der Boom enorm

Straßenszene in Hargeisa: Verglichen mit dem Nachbarland Somalia ist der Boom enorm

Foto: Eric Lafforgue / Corbis / Getty Images

In Hargeisa wird überall gebaut, am Stadtrand entstehen Villenviertel, im Zentrum Hotels, Bürotürme und Bankgebäude. Die Haushaltsausgaben sind verhältnismäßig klar und transparent, und es gibt regelmäßig demokratische Wahlen. Bislang verliefen die Amtswechsel auch bei einer Machtübernahme durch die Opposition reibungslos.

Dabei gehört die kleine Teilrepublik mit ihren rund 3,5 Millionen Einwohnern in den Augen der Welt zu Somalia, einem gescheiterten Staat am Horn von Afrika, wo Piraten und Terrormilizen seit Jahren mit korrupten Politikern und bewaffneten Gangs um die Macht kämpfen. Aber während der Bürgerkrieg in Somalia kein Ende findet, herrscht in Somaliland Frieden. Während Somalia trotz internationaler Milliardenhilfen nicht auf die Beine kommt, gibt es hier ein weitgehend funktionierendes Steuersystem, Polizei und Armee.

Edna Adan Ismail, 83: Die ehemalige Außenministerin ist eine der wichtigsten Stimmen des Landes. Sie baute ein Krankenhaus, eine Universität und bildet die junge Generation aus

Edna Adan Ismail, 83: Die ehemalige Außenministerin ist eine der wichtigsten Stimmen des Landes. Sie baute ein Krankenhaus, eine Universität und bildet die junge Generation aus

Foto: Benjamin Moscovici

Was hier besser, was hier anders läuft, kann Edna Adan Ismail erklären. Die ehemalige Außenministerin ist nicht nur die wichtigste Stimme im Kampf für eine Anerkennung Somalilands als eigenständiger Staat – die 83-Jährige ist auch das beste Beispiel für manches, was in der kleinen Nation richtig läuft.

Wie so viele musste sie ihre Heimat während des Krieges mit dem Nachbarland Somalia Ende der Achtziger verlassen. Und wie so viele ist sie zurückgekehrt. Mit Geld, Erfahrung und einer Vision.

Genau das sei einer der Gründe für den Erfolg Somalilands, sagt Ahmed Dalal Farah, Unternehmensberater und Wirtschaftsexperte an der Universität in Hargeisa. Auch er musste wegen des Krieges flüchten und ist zurückgekommen, um sein Land mit aufzubauen. Das Geld und die Erfahrung der Heimkehrer sei enorm wichtig für die Wirtschaft, sagt er. Aber das Entscheidende sei: »Die Menschen glauben an dieses Land. Deshalb kommen sie zurück, deshalb investieren sie hier.«

Studentinnen auf dem Campus der Edna Adan Universität in Hargeisa

Studentinnen auf dem Campus der Edna Adan Universität in Hargeisa

Foto: Benjamin Moscovici

So wie die Deutsche Mariam Adam Noor. Irgendwann zog es die junge Physiotherapeutin aus Münster in die Heimat ihrer Eltern, seit einem Jahr bietet sie hier nun Fitnesskurse für Frauen an. Etwas Vergleichbares habe es in Somaliland noch nie gegeben, sagt sie. Allein die Vorstellung, dass Frauen Sport machen, sei revolutionär.

In Cafés, auf Konzerten und in Geschäften – überall trifft man auf junge Heimkehrer, erkennbar an ihren teuren Laptops, den iPhones und Smartwatches. Sie genieße das entschleunigte Leben, das Gefühl zu Hause zu sein, sagt Mariam Adam Noor. Aber manchmal fühle sie sich fremd hier. Ihre beiden Freundinnen aus London und Kanada nicken.

Somalia und Somaliland hatten beinahe zeitgleich 1960 die Unabhängigkeit erlangt. Somalia von Italien, Somaliland von Großbritannien. Ihr Plan, sich nach der Unabhängigkeit zu einer Union zusammenzutun, erwies sich als folgenschwerer Fehler. Es kam zum Krieg, und 1991 erklärte Somaliland die Union offiziell für gescheitert, trat aus und war damit nach eigenem Verständnis wieder unabhängig. Doch international wird die Republik nicht anerkannt.

Deshalb ist Somaliland auch weitgehend von internationaler Unterstützung abgeschnitten. Was nach einem Fluch klingt, scheint sich jedoch als Segen zu erweisen. Die Journalisten Marc Engelhardt und Bettina Rühl schreiben in ihrem Buch über Somalia, dass die internationale Hilfe den Konflikt im Land nicht nur nicht habe beenden können, sondern die Gewalt sogar noch angefeuert habe. Hilfsgüter hätten sich zu einer der wichtigsten Ressourcen entwickelt, um die es sich zu kämpfen lohne.

In Somaliland hingegen war der Staat von Anfang an auf sich allein gestellt und musste ein Steuersystem aufbauen, um sich zu finanzieren. Steuerzahlende Bürger können dem Staat gegenüber selbstbewusster auftreten, was die Demokratie stärkt und die Korruption reduziert. Und anders als in manchen Entwicklungsländern, wo nahezu sämtliche staatlichen Aufgaben – Bildung, Gesundheit, Soziales – von Hilfsorganisationen übernommen werden, musste Somaliland die entsprechenden Strukturen selbst aufbauen.

Das Edna Adan Krankenhaus in Hargeisa ist das einzige in der Region, das einen Wasserkopf behandeln kann; die Erkrankung tritt hier sehr viel häufiger auf als in Deutschland

Das Edna Adan Krankenhaus in Hargeisa ist das einzige in der Region, das einen Wasserkopf behandeln kann; die Erkrankung tritt hier sehr viel häufiger auf als in Deutschland

Foto: Benjamin Moscovici

Das ist auch der Grund, warum die Ex-Außenministerin Edna Adan Ismail sich nach einem langen Diplomatenleben nicht in einer schönen Villa irgendwo am Mittelmeer zur Ruhe gesetzt hat wie viele ihrer früheren Kollegen. »Als ich nach dem Krieg die Zerstörung gesehen habe, war mir klar, dass mein Platz hier ist.«

Und so habe mit der Rente der wichtigste Teil ihres Lebens begonnen, sagt sie. Auf einer Müllkippe, die während des Regimes von Siad Barre als Hinrichtungsplatz diente, hat sie in wenigen Jahren ein Krankenhaus gebaut. Ihr Ziel: Die Säuglings- und Müttersterblichkeit senken. Und als sie merkte, dass ihr die Ärzte für die Klinik fehlten, hat sie kurzerhand nebenan eine kleine Universität gebaut, an der man Medizin studieren kann.

Das Edna Adan Hospital wurde weitgehend ohne die Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen gebaut

Das Edna Adan Hospital wurde weitgehend ohne die Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen gebaut

Foto: Benjamin Moscovici

Zart cremefarben hebt sich das Klinikgebäude vom staubbraunen Rest der Stadt ab. Drei Stockwerke, zwei Krankenflügel. Und alles weitgehend ohne die Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen gebaut. Ein Großteil der Gelder kommt von privaten Spendern, die meisten von ihnen Geflüchtete in der Diaspora.

Sie selbst hat ihr ganzes Vermögen in das Projekt gesteckt. Den Mercedes hat sie verkauft und durch einen Toyota ersetzt, den sie kurz darauf auch verkauft und durch einen indischen Tata ersetzt hat. Auch ihr Haus hat sie aufgegeben. Jetzt lebt sie in einer kleinen Wohnung im ersten Stock der Klinik: Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad. Alles, was sie nicht zum Leben braucht, fließt in das Krankenhaus.

Alles, was Edna Adan Ismail nicht zum Leben braucht, fließt in das Krankenhaus

Alles, was Edna Adan Ismail nicht zum Leben braucht, fließt in das Krankenhaus

Foto: Benjamin Moscovici

Mit Erfolg: Seit der Eröffnung 2002 wurden dort schon mehr als 27.000 Entbindungen durchgeführt. Hunderte Frauen haben eine Ausbildung zur Hebamme durchlaufen und die ersten Absolventen der Uni arbeiten bereits als Ärzte im Krankenhaus.

Andere treten im Alter kürzer, machen ruhiger – bei ihr ist es das Gegenteil. »Ich muss mich beeilen, ich habe nicht mehr so viel Zeit«, sagt sie.

Mit 83 Jahren hat sie noch viel vor. Tausend Hebammen will sie ausbilden, bevor sie geht. Und gerade ist sie dabei, eine Landwirtschaftsschule aufzubauen. Sie habe so vielen Mädchen eine Zukunft gegeben, sagt sie. Jetzt will sie auch jungen Männern zeigen, wie sie von der Arbeit ihrer Hände leben können.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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