Untersuchungsbericht belegt Missbrauchsfälle SOS im Kinderdorf

SOS-Kinderdörfer sollen Waisen und Kindern aus schwierigen Verhältnissen ein sicheres Zuhause geben. Ein selbst in Auftrag gegebener Bericht zeigt nun: Dort wurden Kinder körperlich, sexuell und emotional missbraucht.
Von Heiner Hoffmann, Nairobi
Glückliches Leben im Kinderdorf? Hinter der netten Fassade kam es über Jahre zu Missbrauchsfällen

Glückliches Leben im Kinderdorf? Hinter der netten Fassade kam es über Jahre zu Missbrauchsfällen

Foto: Alea Horst / SOS Kinderdörfer
Globale Gesellschaft

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Ein Dorf mit glücklichen Kindern, die wohlbehütet in kleinen Häusern unter Aufsicht einer »Mutter« aufwachsen – das ist die Idee der SOS-Kinderdörfer. Doch hinter der schönen Fassade einiger dieser Häuser kam es in den vergangenen Jahren zu schweren Missbrauchsfällen. Das hat ein Untersuchungsbericht  bestätigt, der am Freitag veröffentlicht wurde. Er wurde von SOS selbst in Auftrag gegeben und von der Kinderschutzorganisation Keeping Children Safe erstellt.

Vier Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika, in denen SOS tätig ist, wurden mehrere Jahre lang exemplarisch unter die Lupe genommen. Um welche Länder oder Einrichtungen es genau geht, wird aus Gründen des Opferschutzes nicht erwähnt.

Ein Satz fasst die Ergebnisse schonungslos zusammen: Der Untersuchungsbericht habe »Beweise geliefert, dass Kinder unter der Obhut von SOS in den vier untersuchten Ländern missbraucht wurden. Die Vorfälle beinhalteten alle Arten körperlichen, sexuellen und emotionalen Missbrauchs.« Dieser habe auch zu Schwangerschaften von Mädchen geführt.

Weiter heißt es, SOS habe im untersuchten Zeitraum »das Risiko einer Kindeswohlgefährdung nicht ausreichend berücksichtigt ... und die Kinder damit dem Missbrauch ausgesetzt.«

SOS setzt auf offensiven Umgang

Es ist ein vernichtendes Urteil für die Organisation, die in den Kinderdörfern weltweit mehr als 65.000 Mädchen und Jungen betreut. Die Ergebnisse erschüttern das Vertrauen in die renommierte Einrichtung. SOS versucht sich nun in der Flucht nach vorn.

Sprecher Boris Breyer sagt, dass die Organisation selbst aktiv geworden sei und den Untersuchungsbericht vor mehreren Jahren in Auftrag gegeben habe. Tatsächlich hatte SOS die Vorwürfe aus eigener Initiative bereits Anfang Mai bekannt gemacht und nun den Abschlussbericht veröffentlicht. Die Vorstandsvorsitzende Ingrid Maria Johansen entschuldigte sich in einer Stellungnahme bei den Opfern: »Ich bitte alle betroffenen Personen aufrichtig um Verzeihung. Ich verspreche, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um mich mit den Fehlern der Vergangenheit zu befassen und sicherzustellen, dass sie nie wieder vorkommen.«

Gleichzeitig hebt Johansen hervor, dass der Untersuchungsbericht der Organisation bereits Fortschritte bescheinige. Tatsächlich heißt es in der 34 Seiten langen öffentlichen Version, dass viele Vorfälle vor 2011 geschehen seien und SOS seither wichtige Schritte zum Schutz des Kindeswohls eingeleitet habe. Zudem sei es eine Stärke der Organisation, aus Fehlern der Vergangenheit lernen zu wollen. Doch an mehreren Stellen des Berichts wird klar: Viele Probleme existieren bis heute.

So heißt es wörtlich: »Derzeit werden gänzlich unzureichende Ressourcen in die Überwachung des Kindeswohls gesteckt.« Elf Vollzeitstellen seien hierfür in den zuständigen internationalen Büros geschaffen worden. »Deutlich mehr Mittel sind für den Schutz des Geldes vorgesehen«, wirft der Untersuchungsbericht vor. So existierten zur Bekämpfung von Korruption und zur Rechnungsprüfung immerhin 17 Stellen.

Der Österreicher Hermann Gmeiner gründete nach dem Zweiten Weltkrieg die SOS-Kinderdörfer – als alternatives Betreuungskonzept zu Kinderheimen.

Der Österreicher Hermann Gmeiner gründete nach dem Zweiten Weltkrieg die SOS-Kinderdörfer – als alternatives Betreuungskonzept zu Kinderheimen.

Foto: Alexander Gabriel / SOS-Kinderdorf Hermann Gmeiner Akademie / Archiv

Einige aufgeführte Beispiele verdeutlichen, wie die Organisation in der Vergangenheit mit Betroffenen und Whistleblowern umgegangen ist. So sei eine 16-Jährige, mutmaßlich Opfer sexuellen Missbrauchs, in der Folge obdachlos geworden und in der kommerziellen sexuellen Ausbeutung gelandet. Zwei schwangere 13-Jährige seien ebenso auf die Straße gesetzt worden. Der Rauswurf aus SOS-Kinderdörfern sei als Strafe für diejenigen eingesetzt worden, die Missbrauchsfälle gemeldet hätten.

Aufklärungsbemühungen seien zudem immer wieder boykottiert worden: »Personen auf allen Ebenen, bis hinauf in die höchsten Hierarchiestufen, haben nicht kooperiert, Kindeswohlermittlungen unterminiert oder sich aktiv dagegen ausgesprochen«, heißt es. Die Kinderschutzrichtlinien der Organisation müssten daher dringend überarbeitet werden. In einem Fall habe ein Verantwortlicher sogar seine Beziehungen zur Polizei genutzt, um Betroffene einzuschüchtern.

Die Autoren des Berichts machen an einem weiteren Beispiel deutlich, wie SOS-Mitarbeiter mutmaßlichen Opfern das Leben schwer gemacht haben: So sei eine Box, in die Betroffene angeblich anonym Beschwerden einwerfen konnten, direkt in Sichtweite eines mutmaßlichen Täters aufgestellt worden.

Sexuelle Gefälligkeiten für mächtige Männer

Mehrfach wird auch eine mangelhafte Unternehmenskultur angesprochen. Den Ermittlern sei »eine weitverbreitete Diskriminierung von Mädchen und Frauen« geschildert worden, die laut Betroffenen bis heute anhalte. Pflegemütter seien mutmaßlich entlassen worden, wenn sie mächtigen männlichen Mitarbeitern sexuelle Gefälligkeiten verweigert hätten. Viele Betreuerinnen hätten ihre Pflegekinder nicht schützen können. Zwar gebe es inzwischen Fortschritte, aber nach wie vor »systematische Machtgefälle«.

Der SPIEGEL hat selbst mit ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern von SOS-Kinderdörfern aus verschiedenen Ländern in Afrika gesprochen. Auch sie berichten von Prügelstrafen und seelischem Missbrauch, unter anderem seitens der Pflegemütter. »Wenn wir uns ungeschickt angestellt haben, wurden wir beleidigt. Uns wurde gesagt, wir sollten uns gut verhalten. Schließlich seien wir Waisen, und niemand werde sich um uns kümmern, wenn sie uns rausschmissen. Es war ein frustrierendes Leben«, erzählt ein früheres SOS-Pflegekind.

Auch die mangelhafte Versorgung mit Essen wird von mehreren Betroffenen kritisiert, oft seien Rationen viel zu spät ausgehändigt worden. »Es gab Zeiten, da hatten wir zwei Monate lang gar nichts. Wir mussten uns selbst etwas organisieren«, sagt ein ehemaliger Bewohner.

»Ein Leben gebrochener Versprechen«

Der nun veröffentlichte Untersuchungsbericht beschäftigt sich neben den Missbrauchsfällen auch mit der Situation ehemaliger Bewohner. Einige lebten nach eigenen Angaben derzeit in Mülltonnen, »ein Leben gebrochener Versprechen«, heißt es. Dem SPIEGEL berichten Betroffene Ähnliches: »Viele von uns führen derzeit ein schlechtes Leben, wir haben keine Jobs und sind schlecht auf das Leben draußen vorbereitet. Es ist, als würden wir von vorn anfangen.«

Einige Experten sehen die Struktur der SOS-Kinderdörfer als eigentliches Problem. »Sie geben sich als Dorf aus, aber eigentlich sind es keine Dörfer. Es sind Institutionen. Und wir wissen, dass das Missbrauchsrisiko in Institutionen deutlich größer ist«, sagt Kristen Cheney, Professorin am Institute for Social Studies in Den Haag. Sie forscht seit Jahren zur Versorgung vulnerabler Kinder im südlichen Afrika. Cheney fordert, Kinder bevorzugt in ihren Herkunftsfamilien unterzubringen und diese zu unterstützen.

Die SOS-Kinderdörfer stellten als Reaktion auf den Untersuchungsbericht einen Aktionsplan vor. So sollen unter anderem ein Ombudsmann-System und ein unabhängiges Ermittlungskomitee geschaffen werden, um Vorwürfen nachzugehen. Die Opfer sollen finanziell unterstützt werden. »Wir werden alle Empfehlungen umsetzen«, verkündet Vorstandsvorsitzende Johansen. SOS-Sprecher Boris Breyer betont, dass man unter anderem in Kenia bereits mit ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern zusammenarbeite, um vergangene Missbrauchsfälle aufzuarbeiten. Das ist wohl auch dringend nötig. »Weitere radikale Verbesserungen sind eine Angelegenheit größter Dringlichkeit«, heißt es im Untersuchungsbericht.

Von Keeping Children Safe wurden vergangene Missbrauchsfälle untersucht, die teilweise bis in die Neunzigerjahre zurückreichen. Doch der jüngste Jahresbericht zum Kinderschutz, veröffentlicht von SOS selbst, zeigt: Auch 2019 gab es solche Taten. 15 bestätigte Fälle sexueller Gewalt werden darin aufgeführt. Die Dunkelziffer sei vermutlich hoch, räumt die Organisation selbst ein. »Das Management von SOS-Kinderdörfer schätzt, dass aktuell international circa 50 von 3000 Projektstandorten Handlungsbedarf aufzeigen«, teilt Sprecher Boris Breyer mit. Dabei gehe es auch, aber nicht nur, um Verletzungen des Kinderschutzes.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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