Strategiewechsel im Kampf gegen die Pandemie In Spanien soll Corona bald wie die Grippe überwacht werden

Wann wird Covid-19 zur normalen Krankheit? Spanien wagt sich trotz der heftigen Omikron-Welle vor: Die Regierung will nicht mehr jeden Fall registrieren und nachverfolgen – schon jetzt sind die Behörden überfordert.
Von Steffen Lüdke, Saragossa
Jahreswechsel in Madrid: Omikron überrollt Spanien

Jahreswechsel in Madrid: Omikron überrollt Spanien

Foto: Marcos del Mazo / LightRocket via Getty Images

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Von der heftigen Omikron-Welle wollte der spanische Premier sich die Laune nicht verderben lassen. Das Virus sei nicht mehr so tödlich wie zu Beginn der Pandemie, sagte Pedro Sánchez am Montagmorgen im Radio. Covid-19 entwickele sich von einer Pandemie zu einer endemischen Krankheit, man müsse darauf mit »neuen Instrumenten« reagieren.

Die Tageszeitung »El País«  hatte zuvor detailliert über Sánchez' Pläne berichtet. Demnach bereitet die Regierung einen entscheidenden Strategiewechsel vor. Die Behörden sollen künftig nicht mehr jeden Fall registrieren und damit auch nicht mehr jeden Fall nachverfolgen. Stattdessen soll ein sogenanntes Sentinelsystem ähnlich wie bei der Grippe etabliert werden, in dem nur ausgewählte Gesundheitszentren, Hausärzte und Krankenhäuser Daten zur Ausbreitung des Coronavirus erheben. Diese sollen anschließend hochgerechnet werden.

Spaniens Premier Pedro Sánchez: Covid entwickele sich von einer Pandemie zu einer endemischen Krankheit

Spaniens Premier Pedro Sánchez: Covid entwickele sich von einer Pandemie zu einer endemischen Krankheit

Foto: JAVIER BARBANCHO / REUTERS

Sánchez sagte am Montag, seine Experten arbeiteten seit Wochen an dem Plan. Die spanische Gesundheitsministerin habe das Thema schon bei ihren europäischen Amtskollegen angesprochen. Die Debatte sei notwendig, sagte der Premier. Dem Bericht von »El País« zufolge ist allerdings noch unklar, wann das neue System eingeführt werden soll – auf keinen Fall noch in der aktuellen Omikron-Welle.

Omikron überrollt Spanien

In Spanien ist die Zahl der Covid-Erkrankungen zuletzt sehr stark angestiegen. Die Infektionszahlen sind so hoch wie noch nie in der Pandemie. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt landesweit bei über 1300, im Baskenland bei 3300. In vielen Apotheken sind die Antigentests ausverkauft. Die Regierung will nun die Preise regulieren.

Auch die Zahl der Covid-Kranken in den Krankenhäusern steigt, allerdings relativ zur Fallzahl weitaus langsamer als in den vergangenen Wellen. Das liegt vor allem an der guten Impfquote von über 90 Prozent und dem offenbar milderen Krankheitsverlauf bei Infektionen mit der Omikron-Variante. Ob die Intensivstationen der heftigen Welle standhalten werden, ist dennoch nicht ausgemacht. Pro Tag kommen landesweit rund 170 Patienten dazu. In einigen Regionen sind sie zu mehr als 40 Prozent mit Covid-Infizierten belegt.

Schülerinnen werden auf Covid getestet: Noch Alltag in Spanien

Schülerinnen werden auf Covid getestet: Noch Alltag in Spanien

Foto: Marcial Guillén / EPA

Schon jetzt hat die Omikron-Welle den spanischen Umgang mit Covid entscheidend verändert. Die Krankheit jagt vielen Spanierinnen und Spaniern weit weniger Angst ein als noch zu Pandemiebeginn. Einige nehmen eine Infektion inzwischen mit einem Schulterzucken hin. Die Regierung hat bis auf die Maskenpflicht im Freien kaum neue Maßnahmen getroffen.

Zugleich wird klar, dass die Behörden angesichts der vielen Infektionen schon längst nicht mehr mitkommen. Die für die Kontaktnachverfolgung zuständigen Gesundheitszentren, der erste Anlaufpunkt für Kranke im spanischen Gesundheitssystem, sind seit Wochen überlastet. Viele Menschen müssen ihrem Umfeld die Erkrankung inzwischen selbst mitteilen.

Keine Quarantäne mehr für Geimpfte

In Aragon, eine der am schwersten betroffenen Regionen im Norden des Landes, machen die Behörden beispielsweise nur noch bei vulnerablen Gruppen wie Senioren und Schwangeren die knappen PCR-Tests. Ein positiver Antigentest reicht aus, um eine Erkrankung als Covid-Fall zu registrieren.

Die Regierung hat zudem die Quarantäne für Geimpfte abgeschafft. Erkrankte müssen sich in der Regel nur noch sieben Tage lang isolieren.

Die spanische Regierung will so vor allem verhindern, dass die Omikron-Welle die Wirtschaft lahmlegt. Doch die neuen, lockereren Regeln wirken zugleich wie der Vorbote einer neuen Pandemiephase, in der das Virus mehr und mehr zur Normalität wird.

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