Heftige zweite Corona-Welle Spanien muss zurück in den Alarmzustand

Déjà-vu für die Spanier: Premier Pedro Sánchez will den Weg für neue Einschränkungen frei machen. Erinnerungen an den traumatischen Lockdown des Frühjahrs werden wach - doch diesmal soll es anders laufen.
Foto: Emilio Morenatti / dpa

Mehr als drei Monate lang lebten die Spanierinnen und Spanier im Frühjahr im Alarmzustand: Sie mussten fast alle zu Hause bleiben, auch Kinder wurden eingesperrt. Erst im Juni endete der Albtraum.

An diesem Sonntag wird Premier Pedro Sánchez wohl die Rückkehr des Alarmzustands verkünden, das berichten mehrere spanische Medien  übereinstimmend  unter Berufung auf Regierungskreise. Die Coronakrise lässt ihm keine Wahl.

Spanien ist so stark von der Pandemie betroffen wie kaum ein anderes Land in Europa. Mehr als eine Million Infizierte wurden bisher registriert. Die zweite Welle hat in Spanien früher begonnen als im Rest des Kontinents. Im September hegten die Verantwortlichen noch die Hoffnung, dass sie sich auch früher wieder abschwächen würde. Jetzt aber steigen die Infektionszahlen noch einmal steil an.

Zunächst keine Rückkehr zum vollständigen Lockdown

Viele Spanier verbinden mit dem Wort Alarmzustand das Trauma des Frühjahrs. Er erinnert sie an die Zeit, in der jeden Vormittag im Fernsehen Hunderte Tote verkündet wurden und sogar das Gassigehen mit dem Hund nur unter Auflagen erlaubt war. Doch der zweite Alarmzustand, so viel steht schon fest, wird für die Spanier anders, zumindest zunächst.

Autobahn in Barcelona im März: Der zweite Alarmzustand wird anders

Autobahn in Barcelona im März: Der zweite Alarmzustand wird anders

Foto: Emilio Morenatti/ dpa

Anders als im Frühjahr sollen diesmal gezieltere Einschränkungen durchgesetzt werden, sie sind hart, aber vergleichsweise dezent im Vergleich zum März und April. Bisher kassierten Gerichte viele bereits erlassene Maßnahmen wieder, weil es dafür keine ausreichende Grundlage gab. Regionen konnten so keine Sperrstunde verhängen oder die Zahl der Personen auf privaten Feiern begrenzen. Der Alarmzustand gewährt den Regierenden diese Rechte, er wird zumindest dieses Problem beseitigen.

Ironischerweise sind es nun die Regionalregierungen, die Sánchez zum Alarmzustand drängen. Besonders konservativ geführte Regionalregierungen hatten sich im Sommer beschwert, dass der Zentralstaat den Kampf gegen die Pandemie diktiere. Woche für Woche schwand die Unterstützung im Parlament. Ende Juni lief der Alarmzustand dann aus, früher als geplant. Alle Parteien rechts der Mitte versagten der Minderheitsregierung die Unterstützung.

Pedro Sánchez im Parlament: Zum Alarmzustand gedrängt

Pedro Sánchez im Parlament: Zum Alarmzustand gedrängt

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PABLO BLAZQUEZ / AFP

Der konservative Partido Popular kämpft noch heute gegen den Alarmzustand. Doch zumindest die rechtsliberale Partei Ciudadanos hat ihren Kurs korrigiert. Sie gibt sich staatstragend. Sánchez hätte damit wieder eine Mehrheit zusammen, um den Alarmzustand nach rund zwei Wochen zu verlängern.

Diesmal sollen die Regionen die einzelnen Maßnahmen beschließen - nicht mehr der Zentralstaat. Auch das hat die Akzeptanz des Alarmzustands erhöht. Katalonien hat bereits erklärt, in Barcelona Ausgangsbeschränkungen zu erlassen, sobald es die Regierung in Madrid ermögliche.

Krankenhäuser füllen sich

Die Situation in den spanischen Krankenhäusern zeigt, wie dringend es striktere Maßnahmen braucht. Schon jetzt sind die Krankenhäuser in Teilen Spaniens überlastet. In Katalonien, Andalusien sowie Kastilien und León nimmt die Zahl der Corona-Patienten besonders stark zu. Operationen müssen verschoben werden, in einigen Krankenhäusern werden wieder ganze Stockwerke für Corona-Patienten reserviert.

Mediziner in manchen Regionen spekulieren darüber, wie lange noch Patienten behandelt werden können, die nicht an Corona erkrankt sind. In der ersten Welle wurden solche Patienten monatelang vernachlässigt, die Ärzte kämpfen nun darum, dass dies nicht wieder passiert. "Viele Intensivstationen sind voll", sagt Ricard Ferrer, Präsident der spanischen Gesellschaft für Intensivmedizin. Die Situation erinnere ihn mehr und mehr an die in der ersten Welle.

slü
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