Deutsche Impftouristen in Moskau Einmal Sputnik V und zurück

In Deutschland müsste Thomas Waller noch Monate auf seine Corona-Impfung warten – in Moskau kann er sich sofort behandeln lassen. Ein Reiseveranstalter organisiert Sputnik-V-Trips für Deutsche.
Von Christina Hebel, Moskau
Thomas Waller beim Impfen im Hotel mit Dolmetscherin

Thomas Waller beim Impfen im Hotel mit Dolmetscherin

Foto: Christina Hebel / DER SPIEGEL

»Doch wirklich«, ruft Thomas Waller in sein Mobiltelefon. Am anderen Ende ist ein Bekannter aus Deutschland, der nicht glauben will, was Waller, der im Taxi Richtung Moskauer Zentrum unterwegs ist, ihm da gerade erzählt. Corona-Impfung in der russischen Hauptstadt? »Ja!«, ruft der 24-Jährige aus dem bayerischen Paffenhofen, er könne ein Foto als Beweis schicken.

Waller ist einer der ersten Teilnehmer einer Impfreise nach Moskau, organisiert von einem Reiseveranstalter. 50 Deutsche sind über das Wochenende in die russische Hauptstadt gekommen, um sich mit Sputnik V gegen das Coronavirus impfen zu lassen.

Ein Hotel nördlich des Gartenrings. Im Konferenzraum Berlin mit einem Foto des Reichstags an der Wand untersucht eine Ärztin im blauen Kittel die Impfwilligen. Sie misst auch bei Waller Blutdruck, Temperatur, horcht die Lunge ab. Fragt, ob er zuletzt krank war. Er verneint, sein Corona-Schnelltest ist negativ. Er ist impfbereit.

Kein Vertrauen, sonst bis Sommer geimpft zu werden

»In Deutschland muss ich als junger Mann ohne Vorerkrankungen noch Monate auf eine Impfung warten, in Moskau geht das sofort«, sagt Waller. »Ehrlich gesagt habe ich kein Vertrauen, dass jeder von uns wie von der Bundesregierung versprochen ein Impfangebot bis Sommer bekommt.« Er habe ohnehin noch einige Wochen Resturlaub, erst im Herbst mache er nach einer kleinen Auszeit sein Fachabitur, sagt der Informatiker.

Untersuchung vor dem Impfen mit Dolmetscherin

Untersuchung vor dem Impfen mit Dolmetscherin

Foto: Christina Hebel / DER SPIEGEL

Wie Waller haben sich viele der Reiseteilnehmer schon vor Wochen im Internet nach Impfreisen umgeschaut. »USA ging wegen des Visums nicht«, erzählt Enno Lenze, 38 Jahre alt, aus Berlin. »In Serbien gab es keine freien Termine.« Russland sei das einzige Angebot, das für ihn infrage gekommen sei. Moskau öffnete Anfang des Monats nach einem Jahr die Grenze für Deutsche, vergibt auch wieder Touristenvisa.

Bessere Option – und Oper

Für Vivi, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, ist die Corona-Impfung nur ein angenehmer Nebeneffekt. Die 66-Jährige aus Baden-Württemberg ist vor allem wegen Opernsänger Plácido Domingo da, der im Bolschoj Theater auftritt. In Russland ist längst wieder alles geöffnet: Bars, Restaurants, Kinos, Geschäfte und Sportklubs sind gut gefüllt, so, als gäbe es die Pandemie nicht mehr.

Die Kritik an Sputnik V könne sie nicht verstehen, sagt die Touristin. Die Vakzine sei genauso wie AstraZeneca ein Vektorimpfstoff, »aber mit einer höheren Wirksamkeit«. Warum sollte sie dann nicht die bessere Option wählen? Die Entwickler von Sputnik V hatten in der medizinischen Fachzeitschrift »The Lancet« Teildaten veröffentlicht, nach denen das Schutzniveau des Impfstoffes bei 91,6 Prozent liegt. Doch auch nach dieser Veröffentlichung bleiben Zweifel an den russischen Daten zum Impfstoff. Selbst in Russland in die Skepsis hoch, viele Menschen sind bisher nicht bereit sich impfen zu lassen, warten lieber ab.

Sputnik V ist bis jetzt nicht in der EU zugelassen, die Europäische Arzneimittelagentur prüft den Impfstoff noch. Dabei hatte Moskau sie bereits im August letzten Jahres als weltweit erste Covid-19-Vakzine registriert – in einem wenig transparenten Schnellverfahren, die wichtige dritte klinische Phase mit Tausenden Probanden wurde erst nachträglich nachgeholt. Vivi kennt diese Kritik, findet den Umgang mit AstraZeneca in Deutschland aber schlimmer: »Einmal soll nur die eine Altersgruppe geimpft werden, dann die andere, doch nicht, was sollen wir denn jetzt glauben?«

Impfwillige warten im Januar im Gum

Impfwillige warten im Januar im Gum

Foto: SHAMIL ZHUMATOV / REUTERS

Sputnik V nur in Privatkliniken

1999 Euro kostet das Sputnik-V-Pauschalpaket nach Moskau, darin enthalten: zwei Hin- und Rückflüge im dreiwöchigen Abstand für die beiden Sputnik-V-Impfungen, drei Hotelübernachtungen mit Frühstück, Transfer, Übersetzer und Visa-Organisation. Für das Impfen mit Sputnik V, auch separat buchbar, kommen noch einmal 300 Euro obendrauf. Sie werden offiziell für die Untersuchungen fällig, der Impfstoff selbst ist in Russland laut Verordnung der Regierung umsonst.

Vor wenigen Wochen hatte Gesundheitsminister Michail Muraschko noch erklärt, vorerst keine Ausländer kostenlos impfen zu wollen. Zuerst müsse die eigene Bevölkerung geschützt werden. Eine Anfrage des SPIEGEL zu organisierten Impfreisen ließ das Gesundheitsministerium unbeantwortet.

Anfang des Jahres konnten sich auch Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigungen kostenlos etwa im Luxus-Warenhaus Gum am Roten Platz impfen lassen. Seit einigen Wochen ist das nun nicht mehr möglich. Ausländer müssen sich an eine der Privatkliniken wenden, können sich dort ab 30 Euro aufwärts pro Impftermin mit Sputnik V versorgen (dort ließ sich auch die Autorin mit der Vakzine impfen).

Kooperation mit der »Gesamtrussischen Nationalen Front«

Albert Sigl, Mitinhaber des Reiseveranstalters World Visitor, der die Impfreisen anbietet, sagt, die russischen Behörden seien sehr kooperativ. Bei einer ersten Impftour nach Moskau für Russinnen und Russen, die im Ausland leben, hatte er mit der kremlnahen und nationalistischen »Gesamtrussischen Nationalen Front« kooperiert. Politische Absichten bestreitet Sigl. »Ich wusste überhaupt nicht, was die Front ist. Das haben unsere russischen Partnerfirmen eingefädelt.«

Ihm gehe es allein um das Geschäft, betont der Reisemanager: »Wenn Dubai den Markt für Impfreisen öffnet, verkaufen wir auch dorthin Reisen.« Das letzte Pandemiejahr sei auch für World Visitor hart gewesen, das auf Gruppenreisen spezialisiert ist.

Dem Reiseveranstalter zufolge haben die russischen Partner Verträge mit drei Moskauer Privatkliniken abgeschlossen. Diese verfügten über Sondergenehmigungen des Gesundheitsministeriums. Welche Krankenhäuser und Firmen das sind, will Sigl bei einem Telefonat nicht sagen. Der 57-jährige Bayer weilt selbst im türkischen Antalya, von wo aus er die Reisen organisiert.

60 Sputnik-V-Dosen am Tag habe er zur Verfügung, im Monat 1800 Dosen – »das sind keine Riesenmengen«. Ethische Probleme sieht er deshalb nicht. »Wir sollten über jeden froh sein, der weltweit geimpft ist.« Ärzte hatten noch im März von einem Mangel an Impfdosen in einigen russischen Regionen berichtet. 600 feste Buchungen habe er bereits, sagt Sigl, darunter seien auch die Belegschaft einer Softwarefirma und eine Jacht-Crew.

Eine Krankenschwester zieht den Impfstoff auf

Eine Krankenschwester zieht den Impfstoff auf

Foto: Christina Hebel / DER SPIEGEL

Viele der deutschen Impftouristen, die nun nach Moskau gekommen sind, wollen sich lieber nicht äußern, schon gar nicht von den vielen Kameras gefilmt werden. Sie werden parallel an anderen Orten in Moskau in zwei Kliniken geimpft.

Auftritt im Staatsfernsehen

Im Hotel, wo Waller und die anderen Reisenden Sputnik V verabreicht bekommen, ist das russische Staatsfernsehen gleich mit drei Teams vertreten. Auch deutsche Medienvertreter sind extra mitgeflogen, einige lassen sich selbst Sputnik V spritzen. Der Journalist von Sat.1, mit FFP2-Maske, will von der Reporterin von Rossija 1, ohne Maske, wissen, ob sich Wladimir Putin über die Bilder der deutschen Impftouristen in Moskau nicht freue. Der Kremlchef hat Sputnik V immer wieder als »die beste Vakzine der Welt« gelobt. »Es geht doch darum, dass so viele Menschen wie möglich geimpft werden und zum normalen Leben zurückkehren können«, sagt die Journalistin und verschwindet schnell.

Waller schaut sich den Medienrummel etwas abseits an. Angst vor starken Nebenwirkungen habe er nicht, schließlich seien schon etwa zehn Millionen Russinnen und Russen geimpft worden. »Ich traue dem Impfstoff.« Dann geht es alles sehr schnell, eine Krankenschwester zieht eine Spritze mit Sputnik V auf, ein kurzer Piks in den linken Arm – die erste Impfung ist vorbei. Er bekommt ein Zertifikat der Major Clinic in Moskau überreicht.

Für den 7. Mai ist seine zweite Impfung angesetzt. Bis dahin will Waller in Russland bleiben, sich das Land anschauen – »zweimal in Deutschland in Quarantäne zu gehen, das ist Unsinn«.

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