Faktencheck Warum Trump die Wahl nicht gestohlen wurde

Donald Trump behauptet, die Demokraten würden ihm Stimmen "stehlen". Das ist Unfug. Eine Verschiebung der Zahlen ist normal – selbst der US-Präsident profitierte davon.

Anfangs sah es gar nicht schlecht aus für Donald Trump: In den ersten Stunden nach dem Schließen der Wahllokale lag der US-Präsident bei der Stimmauszählung in mehreren entscheidenden Bundesstaaten komfortabel in Führung. Doch im Laufe des Mittwochs und Donnerstags schmolz der Vorsprung immer weiter dahin.

Obwohl so ein blue shift, also eine schrittweise Verschiebung der Zwischenstände zugunsten des Demokraten Joe Biden, vielerorts absehbar war, witterte Trump Wahlmanipulation. North Carolina, Georgia, Michigan, Wisconsin, Pennsylvania – überall habe er vor dem Sieg gestanden, so Trump bei einem denkwürdigen Auftritt am Donnerstagabend in Washington. "Und dann begannen sich unsere Zahlen auf wundersame Weise zu verringern."

Er behauptete fälschlicherweise, die Wahlbehörden aller noch offenen Staaten würden von Demokraten geführt – obwohl das recht einfach widerlegbar ist. Überall fänden sie plötzlich weitere Stimmzettel, so Trump. "Sie versuchen herauszufinden, wie viele Stimmen sie brauchen und dann scheinen sie in der Lage zu sein, sie zu finden." Man versuche, ihm die Wahl zu "stehlen".

Es gibt bislang keinen einzigen ernst zu nehmenden Beleg für eine Manipulation der Wahl. Alles, worauf sich Trump stützt, sind die Verschiebungen der Auszählungsstände. Für die gibt es aber einleuchtende Erklärungen. Und sie fanden durchaus auch zugunsten Trumps statt. Warum haben sich die Zahlen über die vergangenen Tage so stark verändert? Drei Erklärungen:

1. Die Stimmbezirke melden unterschiedlich schnell

Wenn die Wahllokale schließen und die abgegebenen Stimmen nach und nach ausgezählt werden, sind die Stimmbezirke damit unterschiedlich schnell. Oft sind es ländliche Regionen mit geringerer Bevölkerungsdichte, in denen schon früh alle Stimmen ausgezählt sind und gemeldet werden. Hier haben traditionell die Republikaner mehr Anhänger. Die frühen Zwischenstände in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch sind also keineswegs repräsentativ für das Stimmverhalten der kompletten Wählerschaft eines Bundesstaats, sondern wären in diesem Fall zunächst pro Trump eingefärbt.

In Michigan etwa hatte Trump in den ersten Stunden nach der Wahl einen Vorsprung von zwischenzeitlich mehr als 300.000 Stimmen. Am Tag nach der Wahl, gegen Mittag deutscher Zeit, ging dann eine größere Meldung in die Zählung ein: Wayne County hatte Zahlen übermittelt. Die Großstadt Detroit liegt darin, sie ist stark demokratisch geprägt.

Auch im weiteren Verlauf der Auszählung lag der Stimmenanteil für Biden höher als der für Trump, sodass der Demokrat den Staat schließlich für sich entscheiden konnte.

2. Die Wahlbriefe werden später gemeldet

Mehr als 100 Millionen Menschen haben dieses Jahr ihre Stimme schon vor dem eigentlichen Wahltag abgegeben – so viele wie noch nie: Sie haben per Brief abgestimmt oder ihren Stimmzettel vorab in einem der Early-Vote-Wahllokale abgegeben. Viele Wählerinnen und Wähler wollten damit das Risiko minimieren, sich mit dem Coronavirus anzustecken.

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Für Konservative hat die persönliche Stimmabgabe am Wahltag tendenziell einen höheren Stellenwert als für Liberale. Trump wetterte zudem seit Monaten gegen die Briefwahl, brachte sie immer wieder mit Wahlbetrug in Verbindung – was mehrfach widerlegt ist. Es war also abzusehen, dass die Wahlbriefe eine Verzerrung zugunsten Bidens aufweisen würden, die Stimmen vom Wahltag zugunsten Trumps.

In einzelnen Bundesstaaten durften die Wahlbriefe erst am Wahltag geöffnet und gezählt werden. In Wisconsin zählten mehrere Countys die Wahlbriefe zudem getrennt aus. Das demokratisch geprägte Milwaukee meldete am Mittwochvormittag deutscher Zeit einen Großteil seiner Briefwahlstimmen in einem Rutsch und brachte Biden so in Führung. Die Stimmen wurden nicht plötzlich "gefunden", wie von Trump behauptet, sondern in der Reihenfolge ausgezählt, wie vor der Wahl auch angekündigt .

Das Zählen von Wahlbriefen dauert länger als bei Wahltagsstimmen. Die Briefumschläge müssen geöffnet und der darin noch einmal versiegelte Wahlzettel entnommen werden. Je nach Bundesstaat müssen die Wahlhelfer auch die Unterschrift des Wählers mit einem Register abgleichen. Es war also absehbar, dass Trump mancherorts zunächst in Führung geht. Auf diesen flüchtigen Vorsprung stützte er sich, als er sich viel zu früh zum Wahlsieger erklärte.

3. Die Wahlbriefe werden zuerst gemeldet

In anderen Bundesstaaten war es hingegen möglich, Wahlbriefe schon vor dem Wahltag zu bearbeiten. Dort zeigte sich der gegenläufige Effekt: Die Wahlbriefe waren die ersten, die in die Auszählungen einflossen, die daher zunächst zugunsten Bidens verzerrt waren.

Im Swing State Ohio etwa lag der Demokrat zwischenzeitlich mehr als 400.000 Stimmen vor dem Präsidenten. Doch im weiteren Verlauf wurden die Wahltagsstimmen mehr, Trump zog an Biden vorbei und entschied den Staat mit Abstand für sich.

Auch solche red shifts waren erwartet worden. Bei ihnen kam Trump freilich nicht auf die Idee, dass sie ein Beleg für Wahlmanipulationen sein könnten.

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