Projekt für Straßenverkäufer in Barcelona Faire Arbeit statt gefälschter Fendi-Taschen

Um illegale Straßenhändler zurückzudrängen, bezahlt Barcelona ihnen legale Jobs. Ein einmaliges Modell. Doch kann es auch funktionieren?
In einer Nähstube der Basisgewerkschaft der Straßenverkäufer präsentiert ein ehemaliger Mantero seine Arbeit für die Marke »Top Manta«, die unabhängig von der Kooperative ist, aber dasselbe Ziel verfolgt

In einer Nähstube der Basisgewerkschaft der Straßenverkäufer präsentiert ein ehemaliger Mantero seine Arbeit für die Marke »Top Manta«, die unabhängig von der Kooperative ist, aber dasselbe Ziel verfolgt

Foto: Nacho Doce / REUTERS
Globale Gesellschaft

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Wäre er in einer anderen Stadt, würde Baye Ababacar Thiakh womöglich noch immer als illegaler Straßenverkäufer arbeiten und mehrmals am Tag vor der Polizei wegrennen. Doch der Senegalese lebt in Barcelona. Und statt wie früher Taschen und Sonnenbrillen zu verkaufen und sich vor den Kontrollen zu fürchten, wird der Senegalese mit der runden Glatze und der großen Brille mittlerweile von der Stadt dafür bezahlt, anderen illegal arbeitenden Händlern ganz offiziell zu einer Beschäftigung und Aufenthaltserlaubnis zu verhelfen.

»Diomcoop« heißt sein Arbeitgeber – und ist ein Vorzeigeprojekt der Stadtregierung. Die Kooperative ist ein einzigartiges Projekt in Europa – und in dieser Form ein Wagnis. Es ist das Ergebnis eines Experiments, bei dem das Gleichgewicht von öffentlicher Sicherheit und sozialer Verantwortung in die andere Richtung geschoben wurde als sonst üblich. Anstatt die Verkäufer aus dem Alltag zu verdrängen, sollen sie hier integriert werden.

Händler am Stadtstrand von Barcelona: Das Zusammentreffen von Händlern und Polizei glich lange Zeit einem unwürdigen Schauspiel

Händler am Stadtstrand von Barcelona: Das Zusammentreffen von Händlern und Polizei glich lange Zeit einem unwürdigen Schauspiel

Foto: David Zorrakino / Europa Press / Getty Images

»Manteros« werden die illegalen Straßenhändler auf Spanisch genannt – abgeleitet von »Manta«, der dünnen Decke, auf der die Waren meist feilgeboten werden. Viele der Händler haben den Stoff an jeder Ecke mit einer Schnur verbunden – im Notfall lässt die Decke sich so wie ein umgedrehter Fallschirm zusammenziehen und schnell über die Schulter werfen.

Viel Ärger, wenig Hoffnung

Soviel Raffinesse ist kein Zufall, die Manteros sind an vielen Orten ebenso berüchtigt wie verhasst. Drei- bis vierhundert soll es in Barcelona geben, so schätzen es spanische Medien. Ob die Zahl stimmt, kann niemand sagen, Händler mit gefälschten Gucci-Brillen und ohne Aufenthaltserlaubnis haben selten einen Gewerbeschein. Die meisten sind junge Schwarze, viele kamen in den vergangenen Jahren als Geflüchtete ohne große Aussicht auf Duldung nach Europa und landeten so auf der Straße, zumindest zum Arbeiten.

Auf der Plaça de Catalunya und der Flaniermeile Las Ramblas glich das regelmäßige Zusammentreffen von Polizei und Händlern lange Zeit einem unwürdigen Theaterstück. Die Beamten jagten die meist jungen Schwarzen mit Motorrollern vom Platz, diese rannten in Nebenstraßen und kamen kurz darauf doch wieder zurück. Ein Schauspiel mit Garantie auf Fortsetzung, aber wenig Hoffnung auf Besserung.

Nachdem 2015 ein Händler bei einer Razzia vom Balkon stürzte und starb, begannen sich die Händler in einer basisdemokratischen Gruppe selbst zu organisieren. Die »Gewerkschaft der mobilen Straßenhändler« wurde zu einem Vorläufer der Kooperative. Die Mitglieder forderten öffentlich die Aufklärung des Todesfalls, prangerten Rassismus an und verlangten bessere Lebensbedingungen.

»Reine Repression kann das Problem nicht beheben«

»Wir wussten, dass wir diese Zustände beenden müssen«, sagt Alvaro Porro, Sozialdezernent im Rathaus von Barcelona. »Die Situation ist für uns als Stadt nicht einfach, aber die reine Repression kann das Problem nicht beheben. Deshalb wollen wir Perspektiven schaffen.« Der grau gelockte Politiker mit dem markanten Kinnbart ist ein Vertrauter von Ada Colau, der links-alternativen Bürgermeisterin, die seit 2015 mit ihrem Bündnis Barcelona en Comú die katalanische Hauptstadt regiert.

Die Idee hinter Diomcoop ist zugleich einfach und kompliziert: Die Kooperative bietet ehemaligen Straßenhändlern einen festen Job und damit eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis. Durch die Einnahmen der Gemeinschaft sollen dann weitere Händler eingestellt werden und ebenfalls von der Straße kommen. Das Problem mit den Manteros würde sich damit buchstäblich von selbst lösen. Doch damit das klappt, braucht es Einnahmen.

In einigen der Nähstuben der Manteros wurden im vergangenen Jahr Mundschutzmasken genäht

In einigen der Nähstuben der Manteros wurden im vergangenen Jahr Mundschutzmasken genäht

Foto: Xavi Herrero / SOPA /LightRocket / Getty Images

Seit 2017 gibt es die Kooperative jetzt, allein in den ersten beiden Jahren hat die Stadt gut eine Million Euro in das Projekt investiert. »Wir haben eine Marke für Kleidung aufgebaut, betreiben Catering und bieten verschiedene Dienstleistungen an«, sagt Marie Faye, die Diomcoop seit der Gründung leitet. Früher stand sie selbst auf der Straße, wie so viele kommt auch sie ursprünglich aus dem Senegal. Die ersten Jahre seien hart gewesen, erinnert sie sich. »Dieser Job hat mir meine Würde zurückgegeben.«

In der Pandemie, sagt Faye, sei Diomcoop für viele Beteiligten zur Rettung geworden. 23 Beschäftigte hatte das Projekt im vergangenen Jahr, dazu kamen noch einmal ähnlich viele Hilfskräfte. Während die Straßen ohne Touristen wie ausgestorben waren, ging in den Nähstuben die Arbeit weiter. Neben Regenjacken und Pullovern produzierten die Mitarbeiter auch Mundschutzmasken. »Selbstverständlich haben wir alle Zertifikate«, versichert Faye. Inzwischen kehrt der Alltag zurück, der Fokus des Projekts soll bald wieder auf der eigenen Marke Diambaar liegen.

Doch die Ausgangssperren blieben nicht folgenlos: Seit einem Jahr fehlen wichtige Einnahmen. Nach wie vor ist die Kooperative abhängig vom Wohlwollen der Stadt und den damit verbundenen Zuschüssen. Alencoop, einer Kooperative aus 17 Schrott- und Müllsammlern, entzog die Stadtregierung im vergangenen Jahr die Unterstützung. »Wir müssen ehrlich zu uns sein, wenn etwas nicht funktioniert«, sagt Politiker Alvaro Porro.

Migranten fordern nach einem Brand in einem Lagerhaus bessere Lebensbedingungen: »Ein Leben in Würde«

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Foto: Thiago Prudêncio / SOPA /LightRocket / Getty Images

Für Diomcoop verlängerte die Lokalregierung jedoch noch einmal die Unterstützung: Bis 2022 erhält das Projekt noch einmal insgesamt 384.000 Euro. Aktuell trägt die Stadt rund 42 Prozent der Kosten. Mit der aktuellen Förderung soll die Kooperative nach der Pandemie endgültig auf eigenen Beinen stehen. Laut Businessplan sollen Kleidung und Dienstleistungen im kommenden Jahr 300.000 Euro einbringen, immerhin ein Drittel mehr als im Pandemiejahr 2020.

Für Baye Ababacar Thiakh ist schon wieder Alltag eingekehrt. In wenigen Tagen beginnt im Park von Pedralbes der jährliche Konzertsommer. Es ist die erste Großveranstaltung dieser Art, die ehemaligen Straßenverkäufer helfen beim Bühnenbau und der Logistik. Thiakh koordiniert das Team, er ist inzwischen Techniker und sorgt sich darum, dass das kleine Unternehmen als zuverlässiger Partner in der Stadt wahrgenommen wird. »Wir arbeiten bis nachts, damit alles klappt«, sagt er. »Diese Arbeit ist jetzt unser Leben.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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