Korruptionsprozess in Südafrika Vom Held zum Dieb

Mit Ace Magashule muss ein ranghohes Mitglied des African National Congress vor Gericht. Nimmt die Partei Nelson Mandelas endlich den Kampf gegen korrupte Funktionäre auf?
ANC-Anhänger vor dem Gericht in Bloemfontein: "Hände weg von Ace Magashule"

ANC-Anhänger vor dem Gericht in Bloemfontein: "Hände weg von Ace Magashule"

Foto: SIPHIWE SIBEKO / REUTERS

Die Polizei ist am Freitagmorgen mit Mannschaftswagen vorgefahren und hat Stacheldraht in den Straßen um das Gerichtsgebäude von Bloemfontein ausgerollt. Dahinter wogt die Menge: Gesänge aus der Kampfzeit gegen die Apartheid, T-Shirts in den Farben des African National Congress (ANC), Transparente zeigen die Aufschrift "Hände weg von Ace Magashule". Ein junger Mann mit Rastazöpfen schreit in die Kamera des Sender eNCA: "Wer ihn verhaftet, verhaftet den ANC."

Sie verehren ihn, dabei wird Ace Magashule angeklagt. Er ist das bisher ranghöchste Mitglied der Regierungspartei, gegen das wegen Korruption ein Haftbefehl erlassen wurde. 61 Jahre alt, gehört er als Generalsekretär des ANC zu den mächtigsten Männern im Land. Er saß unter dem Regime der Weißen im Gefängnis, kämpfte an der Seite Nelson Mandelas gegen die Rassentrennung - und bekleidet seit Jahrzehnten wichtige Positionen in Staat und Partei. Er soll Millionen gemacht haben in einem Netzwerk aus Vetternwirtschaft und Machtmissbrauch.

Beginnt der ANC mit der Anklage gegen ihn endlich den Kampf gegen die endemische Korruption? "State capture" nennen Experten das System, das der ANC Südafrika übergestülpt hat: Darin nutzen "fat cats" wie Magashule ihren Einfluss, um sich zu bereichern, Freunden und Verwandten Staatsaufträge zuzuschieben. Die Justiz und die Polizei werden weitgehend lahmgelegt. Präsident Cyril Ramaphosa hatte versprochen, mit diesem Wildwuchs aufzuräumen, als er vor zwei Jahren sein Amt antrat. Doch passiert ist wenig – bisher zumindest.

Staatsauftrag für den Sohn

Einer der letzten großen Coups von Ace Magashule war die Nummer mit den Corona-Schutzanzügen: Einen millionenschweren Beschaffungsauftrag schob er einem seiner Söhne zu. So etwas würden auch andere Väter für ihre Kinder tun, soll er gesagt haben. Aber nicht deswegen geht er jetzt vor Gericht. Er soll verwickelt sein in korrupte Machenschaften um ein Anti-Asbest-Programm für 300.000 Häuser in der Provinz Free State, wo Magashule damals, 2014, Regierungschef war. Kaum etwas von dem Auftrag wurde umgesetzt – umgerechnet 12,5 Millionen Euro sind aber verschwunden. "Ich habe nichts Unrechtes getan", beteuert er. Am Freitagmorgen hatte sich Elias Sekgobelo Magashule der Anti-Korruptions-Einheit "Hawks" gestellt.

Seinen Spitznamen "Ace" – "Ass" verdankt Magashule nicht seinen politischen Verdiensten, sondern seinem fußballerischen Können. 1959 im Oranje-Freistaat geboren, stellte er das vor allem als Student unter Beweis. Bereits an der Universität von Fort Hare gründete er eine Menschenrechtsorganisation. Die weißen Herrscher verurteilten ihn mehrfach zu Gefängnis, Jahre verbrachte er in Einzelhaft, Hochverrat lautete der Vorwurf. Nach dem Ende des Apartheidregimes machte Magashule dann schnelle Karriere im ANC, der über Nacht von einer Kampforganisation zur Regierungspartei wurde und Südafrika seitdem ununterbrochen regiert. Biografien wie die seine gibt es etliche in Südafrika: Vom Held zum Dieb.

Magashule gehört heute der Fraktion um den ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma an. Zuma regierte von 2009 bis 2018 und erwarb sich den unrühmlichen Ruf, der Pate der ANC-Korruption zu sein. Gegen ihn allein sind 18 Klagen anhängig, in 700 Fällen von Betrug wird noch ermittelt.

Ganz eigenen Auffassung von Umverteilung

Das Verblüffende daran: Die Leute um Zuma sind sich kaum einer Schuld bewusst. Sie haben sich erstaunliche Rechtfertigungsstrategien zurechtgelegt. Tenor: Unsere historischen Verdienste sind so groß, wir haben das verdient. Wer widerspricht, wird als Netzbeschmutzer, Ermittlungen und Verfahren als Intrigen politischer Konkurrenten abgetan.

Politikern wie Zuma und Magashule gelingt es zudem immer noch, sich als "Linke" innerhalb des ANC darzustellen, die sich im Namen der Gerechtigkeit gegen die "liberalen" Kräfte um Ramaphosa auflehnen – offensichtlich haben sie aber eine ganz eigene Auffassung von Umverteilung: Gebannt starrt das Land auf die Fernsehbilder von Luxusvillen, die die Behörden immer häufiger ausheben. In den Garagen dort finden sie regelmäßig Porscheautos, Bentleys und im Oktober sogar einen Ferrari FF F151. Das ist die Beute jener Ganoven und Geschäftsmänner, die sich mit denen Teile des ANC eine ungute Allianz eingegangen sind.

Nirgendwo in der Welt ist der Graben zwischen arm und reich so breit wie in Südafrika, das zeigt der Gini-Koefizient, der Ungleichheit misst. Das Land am Kap erzielt 2018 etwa einen Rekordwert von mehr fast 60 Prozent. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 40 Prozent, rund ein Fünftel der Südafrikaner lebt in absoluter Armut. Am schlimmsten betroffen sind die Schwarzen. Für deren Gleichberechtigung wurde vor 108 Jahren der ANC gegründet – in Bloemfontein, wo Magashule vor Gericht steht.  

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.