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Südafrika fürchtet Covid-19-Ausbruch "Es wird ein Desaster"

Hohe HIV-Rate, viele Tuberkulose-Erkrankte: Südafrikas Gesundheitssystem ist bereits überlastet. Die Angst vor einem unkontrollierten Ausbruch von Covid-19 ist deshalb groß - besonders in den Townships.
Von Fritz Schaap, Kapstadt
aus DER SPIEGEL 13/2020
Pfleger Ntshikose: "Wir sind schon jetzt überlastet"

Pfleger Ntshikose: "Wir sind schon jetzt überlastet"

Foto: Barry Christianson/ DER SPIEGEL

Luvuyo Ntshikoses Alltag bestimmen schon lange die Seuchen und die Toten. Der junge Krankenpfleger sitzt müde im Untersuchungsraum der Nolungile-Klinik, die Pflegeruniform eng am schmalen Körper. Vor der Tür warten auf Holzbänken die Kranken, weiße Masken vor Mund und Nase. Viele von ihnen sind todkrank; sie haben Tuberkulose.

In Khayelitsha bei Kapstadt, einer der größten Townships Südafrikas, in der fast ausschließlich Schwarze leben, gab es bisher noch keinen offiziellen Fall von Covid-19. Ntshikose hat Angst vor dem, was nun kommen wird. "In den Townships wird es ein Desaster geben."

Vor den Toren des Krankenhauses reihen sich die Häuser dicht an dicht. Einige aus Beton, der Großteil aus Wellblech. Vereinzelt stehen dazwischen Toilettenkabinen, die sich die Menschen teilen. Weit mehr als 400.000 Menschen leben hier dicht gedrängt in Armut. Gewalt und Krankheit beherrschen heute schon den Alltag vieler.

Dramatischer Appell an Verantwortliche

Ntshikose sagt: "Ich denke, der Covid-19-Ausbruch ist bereits hier, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das offiziell bestätigt wird." Es sei alles so eng hier. "Wenn ein Familienmitglied eine ansteckende Krankheit hat, haben sie bald alle." Er steht im Tuberkuloseflügel der Klinik, einem dunklen, einstöckigen Klinkerbau. Allein in dieser Township gibt es jedes Jahr 6000 neue Fälle von Tuberkulose, ein Drittel der Patienten hier im Krankenhaus stirbt daran.

Diese Woche richtete WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, der aus Äthiopien stammt, einen dramatischen Appell an den Kontinent: Afrika solle sich "auf das Schlimmste vorbereiten", sagte er. "Afrika sollte aufwachen." Der Berliner Virologe Christian Drosten sagte über einen unkontrollierten Ausbruch auf dem Kontinent: "Da wird es Szenen geben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können." Am Dienstag präsentierte das South African Center for Epidemiological Modelling and Analysis Hochrechnungen, die besagen, dass 87.900 bis 351.000 Menschen allein in Südafrika sterben könnten.

DER SPIEGEL 13/2020
Foto: cgs

Der Kampf hat begonnen

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Das Virus hat Afrika südlich der Sahara bisher weitestgehend verschont. Erst am 27. Februar wurde in Nigeria ein erster Patient gemeldet - ein Italiener. In den letzten sieben Tagen meldeten viele Länder erste Fälle. Am Donnerstag gab es offiziell bereits 233 Fälle in 28 Ländern Subsahara-Afrikas. Die meisten davon in Südafrika: Von Dienstag bis Donnerstag verdoppelte sich die Zahl fast, von 85 auf 150. Die anfänglichen Hoffnungen, das Coronavirus breite sich bei höheren Temperaturen langsamer aus, werden von vielen Experten angezweifelt.

Einreiseverbot soll Südafrikaner schützen

In einer Rede an die Nation gab Präsident Cyril Ramaphosa am Sonntag ein Einreiseverbot für Menschen aus acht Ländern bekannt, darunter Deutschland. Er verkündete die Schließung der Schulen, verbot große Menschenansammlungen. In einer Fernsehansprache sagte Gesundheitsminister Zweli Mkhize am Montag: "Bis jetzt waren alle Infizierten Menschen, die es sich leisten können, ins Ausland zu fliegen. Diese Menschen haben auch den Raum, sich selbst zu isolieren." Die größtenteils schwarze Unterschicht hat ihn nicht.

Im Land gibt es nur 974 Intensivbetten - für eine Bevölkerung von 59 Millionen Menschen. Zum Vergleich: Deutschland hat 28.000 Intensivbetten. Dabei gilt das südafrikanische Gesundheitssystem als eines der besten des Kontinents.

In Burkina Faso, einem von islamistischen Milizen geplagten Land in der Sahelzone, fürchtet die WHO, dass die Mortalität fünf- bis zehnmal höher liegen könne als der weltweite Durchschnitt; bis zu ein Drittel der Erkrankten könnte sterben.

HIV, Tuberkulose und Malaria töten auf dem Kontinent bereits jetzt jedes Jahr Hunderttausende. Besonders Tuberkulosekranke sind anfälliger für das Coronavirus, bestätigt eine Studie aus China. Rund 300.000 Menschen erkrankten 2018 in Südafrika an Tuberkulose.

Die Pfleger in Khayelitsha sind verzweifelt. Die meisten Fragen beantworten sie mit Gegenfragen, die viel deprimierender sind, als es klare Antworten sein könnten.

Eine Tuberkulosepflegerin steht an eine Spüle gelehnt hinter Ntshikose. "Die Regierung muss etwas unternehmen, gerade in den Siedlungen. Sie wissen, wie chaotisch es werden wird. Sie sagen: Wascht eure Hände! Wie sollen Leute ihre Hände waschen ohne Wasser? Ohne Geld für Seife?" Wie solle sich jemand selbst in Quarantäne begeben, wenn er mit acht Leuten in einem Raum wohne, fragt sie.

Ntshikose sagt: "Fast alle unsere Patienten sind außerdem HIV-positiv und hoch gefährdet. Wir haben mehr als 60 neue Patienten jeden Tag. Und wir sind fast die ganze Belegschaft." Vier Menschen stehen im Raum. "Wir sind schon jetzt überlastet."

Wie sollen Leute ihre Hände waschen ohne Wasser? Ohne Geld für Seife?

Tuberkulosepflegerin

Nur einen Vorteil hat Subsahara-Afrika, wenn es um Covid-19 geht: Das Durchschnittsalter der Bevölkerungen ist das niedrigste der Welt, es liegt bei unter 20 Jahren. Die meisten erkrankten jungen Erwachsenen scheinen nur leichte Symptome zu haben. Viele Menschen hoffen außerdem, dass die Erfahrung des Kontinents mit Epidemien am Ende ein Vorteil sein wird.

In der Klinik in Khayelitsha kann das niemanden beruhigen. Man könne hier nur noch beten, sagt eine Pflegerin. Die Reichen würden in die Supermärkte rennen, alles leer kaufen und sich zu Hause einschließen. "Was ist mit den Armen?"

Auch sie selbst fühle sich im Stich gelassen. "Was ist, wenn wir krank werden?", fragt sie. "Dann bricht alles zusammen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, eine Studie der Universität Yale habe bestätigt, dass vor allem Tuberkulosekranke besonders anfällig für den Coronavirus sind. Tatsächlich stammt die Studie aus China. Wir haben die Stelle korrigiert.

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