Südafrika »Hier komme ich sogar mit reichen weißen Kindern zusammen. Und wir werden alle gleich behandelt«

In Südafrika nimmt der Rassismus zu, im Stadtbild separieren sich die Menschen zusehends wieder nach Hautfarbe. Eine Schule für Zauberei ist Zufluchtsort für viele Kinder – aus den reichen Vierteln und den Townships.
Aus Kapstadt, Südafrika, berichtet Bartholomäus Grill
Unterrichtsstunde im Tellerdrehen: Am College of Magic in Kapstadt kommen die Kinder und Jugendlichen aus den Townships der Vorstadt oder aus wohlhabenden Vierteln

Unterrichtsstunde im Tellerdrehen: Am College of Magic in Kapstadt kommen die Kinder und Jugendlichen aus den Townships der Vorstadt oder aus wohlhabenden Vierteln

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Tommy Trenchard / DER SPIEGEL

Globale Gesellschaft

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Auf Einrädern kreisen sie auf dem Vorplatz um den versiegelten Brunnen herum, zeigen sich Kartentricks und werfen Keulen, Bälle oder Reifen in die Luft. Während die anderen Kinder und Jugendlichen Jonglieren üben, hält Khanya Ncusane einen Holzstab hoch und lässt an dessen Spitze einen Plastikteller rotieren. »Toll, schau mal, was ich kann«, ruft die Elfjährige.

Der neue Anfängerkurs des College of Magic hat begonnen. Mehr als ein Jahr war die Schule für Zauberei im Kapstädter Stadtteil Claremont wegen der Pandemie geschlossen. An einem sonnigen Samstag Ende April kann sie endlich wieder öffnen.

Die Schule für Zauberei in der zweistöckigen Villa aus der viktorianischen Zeit wurde vor 41 Jahren eröffnet, als gemeinnützige Organisation

Die Schule für Zauberei in der zweistöckigen Villa aus der viktorianischen Zeit wurde vor 41 Jahren eröffnet, als gemeinnützige Organisation

Foto: Tommy Trenchard / DER SPIEGEL

Punkt neun Uhr ertönt dreimal der große Gong. Die Kinder rennen in die zweistöckige Villa aus der viktorianischen Zeit, gebaut im Jahr 1899. Es wirkt, als wäre ein Dornröschenschloss aus dem Tiefschlaf erwacht.

Von außen wie von innen erinnert vieles an Hogwarts, das Internat für Hexerei, und die Abenteuer von Harry Potter: Ochsenblutrote Wände, schwere, dunkle Vorhänge, Lüster mit Spinnweben, Geheimtüren, die als Bücherregale getarnt sind, die Korridore geschmückt mit Marionetten, Zirkusplakaten und Bildern von Magiern, Clowns und Illusionisten.

Khanya Ncusane (hinten), 11, hatte Glück: Gleich nach dem Aufnahmegespräch erhielt sie eine Patenschaft von einem Sponsor, denn ihre Mutter hätte die Jahresgebühr von rund 360 Euro nicht aufbringen können

Khanya Ncusane (hinten), 11, hatte Glück: Gleich nach dem Aufnahmegespräch erhielt sie eine Patenschaft von einem Sponsor, denn ihre Mutter hätte die Jahresgebühr von rund 360 Euro nicht aufbringen können

Foto: Tommy Trenchard / DER SPIEGEL

Khanya läuft in den hinteren Raum im Parterre, wo sich bereits acht Schülerinnen und Schüler versammelt haben. Sam, Ovayo, Unako, Shane, Lulo, Sarah, Uthandi: Mädchen und Jungen im Alter von zehn bis 15 Jahren, mit heller oder dunkler Hautfarbe.

Sie kommen aus den Townships der Vorstadt oder aus wohlhabenden Vierteln, aus armen oder reichen Verhältnissen, aus christlichen oder muslimischen Familien. Die einen werden in SUVs zur Schule chauffiert, die anderen steigen aus überladenen Minibussen.

»Wir repräsentieren die Vielfalt Südafrikas«, sagt der Lehrer Yadhir Maharaj, 24. Seine Vorfahren waren aus Indien eingewanderte Lohnsklaven. Er arbeitet als IT-Experte in einer Software-Firma, jeden Samstag unterrichtet er ehrenamtlich im College.

Auch der Close-up-Magier und Entertainer Anele Dyasi, 23, arbeitet als freiwillige Lehrkraft am College of Magic. Als Zehnjähriger belegte er den ersten Kurs an der Zauberschule, fünf Jahre später schloss das College mit dem Diplom ab. Dyasi zählt zu den Stars unter den Zauberlehrlingen von Claremont. Er hat mehrere Preise in Wettbewerben gewonnen und Südafrika international verteten, in Peking und sogar in Las Vegas, wo er im Orleans Theatre auftrat und David Copperfield traf.

Anele Dyasi sagt über das College: »Es ist eine Gegenwelt, eine Insel der Toleranz und des gegenseitigen Respekts. Es gibt hier null Rassismus«

Anele Dyasi sagt über das College: »Es ist eine Gegenwelt, eine Insel der Toleranz und des gegenseitigen Respekts. Es gibt hier null Rassismus«

Foto: Tommy Trenchard / DER SPIEGEL

Das Wertvollste, das er auf dem College of Magic gelernt hat? Dyasi muss nicht lange überlegen: »Gutes Englisch und Selbstvertrauen.« Sein Zuhause war Khayelitsha, der größte Township von Kapstadt, in dem fast ausschließlich Schwarze leben.

»Ich bin dem College dankbar, dass ich da rausgekommen bin«, sagt Dyasi. »Denn es ist eine Gegenwelt, eine Insel der Toleranz und des gegenseitigen Respekts. Es gibt hier null Rassismus.«

Nach solchen Orten muss man in Südafrika lange suchen. Denn die Vision einer Regenbogen-Nation ist 27 Jahre nach dem Untergang der Apartheid verblasst: Die Volksgruppen driften zusehends auseinander, rassistische Zwischenfälle nehmen zu, das öffentliche Leben, die Wohnviertel, Strände, Parks, Kneipen oder Verkehrsmittel sind vielerorts wieder nach Hautfarben segregiert. Die Wohlstandskluft zwischen schwarzen und weißen Bürgern ist so tief wie eh und je.

Township in Kapstadt

Township in Kapstadt

Foto: Per-Anders Pettersson / Corbis / Getty Images

An der Pforte des College steht an dem Morgen ein schlaksiger Herr, der die Nachzügler begrüßt. Dunkler Anzug, seidenes Einstecktuch, rote Krawatte, sehr britisch im Auftreten: David Gore, 60, der Direktor, gelernter Rechtsanwalt, Magier und Entertainer.

Gore hat das College of Magic vor 41 Jahren gegründet, als gemeinnützige Organisation, die ausschließlich von Spenden lebt. »Wir legen höchsten Wert auf Vielfalt und wollen ein Mikrokosmos unserer multiethnischen Nation sein«, sagt Gore. »Es geht hier um viel mehr als um ein paar Zaubertricks.«

Gründer David Gore: Rund 45.000 Kinder und Jugendliche haben in den vergangenen vier Jahrzehnten von den Förderprogrammen profitiert, die Gores Organisation in Townships und Landgemeinden sowie im Stammhaus durchführt

Gründer David Gore: Rund 45.000 Kinder und Jugendliche haben in den vergangenen vier Jahrzehnten von den Förderprogrammen profitiert, die Gores Organisation in Townships und Landgemeinden sowie im Stammhaus durchführt

Foto: Ruvan Boshoff

Das College sei eine »Schule fürs Leben«, die vor allem benachteiligten Kindern zugutekomme. Sie lernen soziale und sprachliche Kompetenzen, Toleranz und Rücksichtnahme, aber auch Disziplin, Ausdauer und Teamwork, und weil all diese Fähigkeiten spielerisch vermittelt werden, haben sie dabei jede Menge Spaß.

Einige Spender zeigten sich dennoch skeptisch. Bei einem Fundraising wurde der Direktor gefragt, ob es überhaupt sinnvoll sei, sein Projekt zu unterstützen, wo doch so viele Kinder in den Townships hungrig ins Bett gingen und oft nicht mal Schuhe besäßen. Er antwortete den Zweiflern: »So oder so, wir stehen vor einem Meer der Armut und können immer nur wenigen helfen.«

Schüler üben Einradfahren

Schüler üben Einradfahren

Foto: Tommy Trenchard / DER SPIEGEL

Rund 45.000 Kinder und Jugendliche haben in den vergangenen vier Jahrzehnten von den Förderprogrammen profitiert, die Gores Organisation in Townships und Landgemeinden sowie im Stammhaus durchführt. Sie werden in der Regel von staatlichen Schulen oder von Hilfsorganisationen empfohlen, und manche Bewerber klopfen einfach an die Tür der Zaubererschule. Ein Auswahlgremium führt Einzelinterviews durch und wählt die Kandidatinnen und Kandidaten aus, wobei Mädchen bevorzugt aufgenommen werden, um die Benachteiligung von Frauen und Mädchen in Südafrika auszugleichen.

Khanya hat von einem Jungen in der Nachbarschaft, der den Anfängerkurs abgeschlossen hat, erstmals vom College gehört. Und hatte Glück, dass sie nach dem Aufnahmegespräch gleich eine Patenschaft von einem Sponsor erhielt, denn ihre arbeitslose Mutter hätte die Jahresgebühr von 6000 Rand, rund 360 Euro, nicht aufbringen können. Auch die schwarze Fliege, die Khanya zum weißen Hemd trägt, hätte sie nicht kaufen können.

Khanya will sie das Diplom schaffen: »Dann kann ich später als Zauberkünstlerin Geld verdienen und meiner Mutter helfen«

Khanya will sie das Diplom schaffen: »Dann kann ich später als Zauberkünstlerin Geld verdienen und meiner Mutter helfen«

Foto: Tommy Trenchard / DER SPIEGEL

Die meisten Schülerinnen und Schüler schließen eines der Ausbildungsmodule ab, die Begabtesten schaffen es bis zum Kurs 6, erhalten am Ende ein »Senior Magician’s Diploma« und haben gute Chancen, in der Unterhaltungsbranche einen Job zu finden.

Sie verdienen ihr Geld dann auf Kleinkunstbühnen, Betriebsfeiern oder Wohltätigkeitsveranstaltungen, in Schulen, Casinos oder Shows für Touristen. Sie treten auf als Zauberkünstler, Clowns, Comedians, Pantomimen, Illusionisten, Gedankenleser, Bauchredner, Puppenspieler oder Jongleure.

Die Absolventinnen und Absolventen haben gute Chancen, in der Unterhaltungsbranche einen Job zu finden

Die Absolventinnen und Absolventen haben gute Chancen, in der Unterhaltungsbranche einen Job zu finden

Foto: Tommy Trenchard / DER SPIEGEL

Khanya träumt eigentlich davon, Ärztin zu werden. Aber sie weiß, dass sich ihre Mutter die hohen Studiengebühren nicht wird leisten können; vom Vater ist keine Unterstützung zu erwarten, er hat die Familie verlassen. Deshalb will sie das Diplom schaffen: »Dann kann ich später als Zauberkünstlerin Geld verdienen und meiner Mutter helfen.«

Anele Dyasi hat vorgemacht, wie man sich aus der Armutsfalle befreien kann. »Aber viele schaffen das nicht, vor allem die Jungs. Sie haben überhaupt keine Perspektive, hängen gelangweilt herum, werden oft kriminell«, sagt er.

Manchmal käme er sich vor wie ein Sozialarbeiter, der schwarzen Schülerinnen und Schülern hilft, ihre Traumata zu überwinden. Townships wie Khayelitsha seien für die Heranwachsenden eine Welt des Hungers, der Krankheiten und der Gewalt, sagt Dyasi.

Immer wieder berichten Kursteilnehmer aus den Armenvierteln von Überfällen auf dem Heimweg, wie sie verprügelt oder mit Messerstichen verletzt wurden. Wie sie zusehen mussten, wenn Mitschülerinnen vergewaltigt wurden. Auch Dyasi wurde überfallen und mit einem Ziegelstein niedergeschlagen. Es ging um zwei Rand, umgerechnet 12 Cent.

Mehr als ein Jahr war die Schule für Zauberei während der Pandemie geschlossen, nun hat sie ihre Pforten wieder geöffnet

Mehr als ein Jahr war die Schule für Zauberei während der Pandemie geschlossen, nun hat sie ihre Pforten wieder geöffnet

Foto: Tommy Trenchard / DER SPIEGEL

Rundgang durchs Haus. Dyasi zeigt die Bühnen und Proberäume, das Illusionarium, die Kostümkammer, das kleine Zauberei-Museum. Schließlich die Werkstatt, wo die Kästen gezimmert werden, in denen man Menschen zersägen und Tiere verschwinden lassen kann.

Und er muss noch schnell zum Käfig im Hinterhof, um nachzuschauen, ob die beiden weißen Kaninchen und die Tauben die Corona-Monate gut überstanden haben. Denn bald will er wieder mit ihnen auftreten und sie aus seinem Zylinder zaubern. Demnächst ist sogar eine Show im Artscape geplant, dem größten Theater von Kapstadt.

»Es ist hier ganz anders als in der langweiligen Schule im Township. Da lernen wir nicht viel, weil die Lehrer schlecht sind«, sagt Khanya. Der größte Unterschied aber sei, dass die Kurse im College gemischt sind. »In Khayelitsha treffe ich nie weiße Leute«, sagt die Schülerin. »Aber hier komme ich sogar mit reichen weißen Kindern zusammen. Und wir werden alle gleich behandelt.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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