Auswirkungen des Ukrainekriegs auf Südamerika »Sicherer Hafen in Krisenzeiten«

Hausgemachte Probleme und die hohe Inflation verhindern, dass die großen Agrarmächte Südamerikas von den Folgen des Ukrainekriegs profitieren. Ausgerechnet eines der kleinsten Länder könnte aus der Krise als Gewinner hervorgehen.
Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Sojaernte in Brasilien: Die hohen Düngerpreise verhageln den Gewinn

Sojaernte in Brasilien: Die hohen Düngerpreise verhageln den Gewinn

Foto: Roberto Pera/ dpa

Südamerika ist weit entfernt von den Schlachtfeldern der Ukraine, dort liegen mit Argentinien und Brasilien zwei der wichtigsten Agrarproduzenten der Welt, Energie und Rohstoffe gibt es im Überfluss. Eigentlich hätte die Region daher beste Voraussetzungen, um als stiller Sieger aus der Ukrainekrise herauszugehen. Doch so einfach ist die Sache nicht – und das liegt vor allem an hausgemachten Problemen.

Das Land, das langfristig am ehesten von den Krisen in Europa profitieren könnte, ist ausgerechnet eines der kleinsten auf dem Kontinent: Uruguay. Die Nation zwischen Südatlantik und Rio de la Plata ist etwa halb so groß wie Deutschland und hat weniger Einwohner als Berlin, doch sie exportiert Lebensmittel für 30 Millionen Menschen. Nach Ansicht von Experten könnte das kleine Land sogar bis zu 50 Millionen ernähren. Die Inflation ist im Vergleich zu den Nachbarländern überschaubar, Wasser gibt es im Überfluss, der Klimawandel wirkt sich nicht so drastisch aus wie in den großen Nachbarländern. Im Dezember schickte ein Fleischbetrieb in Montevideo zum ersten Mal in Lateinamerika Steaks nach Europa, die hundert Prozent CO2-neutral sind. Der Strom im Land wird zu fast hundert Prozent aus erneuerbaren Energien erzeugt, das Straßennetz ist exzellent, die Häfen hochmodern. VW will hier als erstes Land auf dem Kontinent E-Autos verkaufen.

Als erstes lateinamerikanisches Land schickt Uruguay CO2-neutrale Steaks nach Europa

Als erstes lateinamerikanisches Land schickt Uruguay CO2-neutrale Steaks nach Europa

Foto: ANDRES STAPFF/ Reuters

Ein Problem ist, dass es so weit weg ist. Uruguay liegt zwischen Argentinien und Brasilien im Süden des südamerikanischen Kontinents, abseits der großen internationalen Handelsrouten. Die meisten Container sind derzeit zwischen Asien, Nordamerika und Europa unterwegs.

»Nach Uruguay kommen gut situierte Deutsche und Österreicher«

Doch die Distanz zu den Hotspots der Welt erweist sich jetzt als Wettbewerbsvorteil: »Uruguay ist ein sicherer Hafen in Krisenzeiten«, sagt Mischa Groh, der Geschäftsführer der deutschen Außenhandelskammer in Montevideo. Nicht erst seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine registriert er ein zunehmendes Interesse deutscher Anleger und Auswanderer: »Seit der Eurokrise haben wir eine zunehmende Zuwanderung aus Deutschland, dann kamen die Migrationskrise und die Pandemie, das hat den Zustrom potenziert. Mit dem Ukrainekrieg erleben wir jetzt die vierte Welle.«

Zunächst hätten sich vor allem große Firmen angesiedelt, mittlerweile kämen auch viele Familien, die ein neues Zuhause suchen. Es seien vor allem gut situierte Deutsche und Österreicher, die in Uruguay investieren oder sich hier niederlassen. »Uruguay ist ein teures Land«, sagt Groh. »Hier kommen Leute, die ordentlich Spielgeld mitbringen.« Sie kaufen zumeist Land und investieren in Ackerbau und Viehzucht. »Wir haben hervorragenden Boden und gute Rendite«, sagt Groh. »Bei zunehmendem Klimawandel, Verknappung und Verteuerung der Böden ist das eine Wette, die aufgehen wird.«

Diese Erfahrung hat auch Mechtild Stahr gemacht. Vor 17 Jahren kam sie mit ihrer Familie aus Namibia nach Uruguay. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie die Firma Southern Connections aufgebaut, die ausländische Anleger bei Investitionen in die Landwirtschaft in Uruguay und Paraguay berät. »Wir arbeiten gerade vierhändig«, sagt sie. »Eigentlich sind wir auf größere Investoren eingestellt; aber jetzt kommen auch viele, die mit 100 000 Dollar einsteigen wollen.«

Alle wollen von dem Boom uruguayischer Agrarerzeugnisse profitieren, der durch den Ukrainekrieg befeuert wird. Die uruguayischen Exporte haben zwischen 2020 und 2022 um dreißig Prozent zugelegt, allein in den vergangenen drei Monaten haben sie um 36 Prozent zugenommen. Ägypten hat 200 Prozent mehr Waren aus Uruguay eingeführt, Algerien 150 Prozent – das sind Länder, die bislang einen Großteil ihres Getreides aus Russland und der Ukraine bezogen.

Argentinien bekommt die Inflation nicht in den Griff

In Uruguay spielt Weizen eine untergeordnete Rolle, das Land exportiert vor allem Fleisch, Reis und Soja. Größter Weizenproduzent Lateinamerikas ist das benachbarte Argentinien. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg war es Argentinien, das das zerstörte Europa mit Getreide und Fleisch versorgte. Die einheimische Wirtschaft blühte auf, Buenos Aires wurde zur reichsten und elegantesten Metropole Lateinamerikas. Der »reiche Argentinier« wurde zu einer festen Figur in den Salons von Madrid, Paris und Rom. Doch der Boom war nicht von Dauer; seit Jahrzehnten versinkt das Land in einer anscheinend endlosen Spirale des wirtschaftlichen Niedergangs. 

Eigentlich müsste die von Schuldenkrise und Wirtschaftschaos gebeutelte Nation jetzt infolge des Ukrainekriegs erneut aufblühen. Doch wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten wird Argentinien wohl auch diese Chance auf eine wirtschaftliche Erholung verpassen: Sie bekommt die Inflation nicht in den Griff, das ewige Übel Argentiniens. Die Preissteigerung beträgt über 50 Prozent jährlich, die Regierung in Buenos Aires hat deshalb schon vor Jahren Preiskontrollen für Fleisch und Weizen eingeführt. Für den Export erteilt sie Quoten, die für die aktuelle Ernte zu 95 Prozent ausgeschöpft sind.

Viele Weizenbauern sind deshalb auf Gerste umgestiegen, die zum Bierbrauen und als Tierfutter benötigt wird und auf dem Weltmarkt ebenso gute Preise wie Weizen erzielt – sie unterliegt keinen Preis- oder Quotenregelungen. Hinzu kommen die hohen Preise für Dünger, den Argentinien bislang vor allem aus Russland importiert hat. »Wir überlegen gerade, wie wir die Düngemittel für die nächste Aussaat auftreiben können«, sagt Gustavo Idígoras, Präsident der argentinischen Getreidekammer. »Wenn diese beiden Faktoren – Düngemittel und Preiskontrollen – sich für den Produzenten positiv entwickeln sollten, kann Argentinien seine Anbauflächen ausweiten«.

Doch danach sieht es bislang nicht aus: Die Inflation dürfte infolge der hohen Weltmarktpreise für Lebensmittel weiter zulegen, auch auf dem Markt für Düngemittel ist keine Entspannung in Sicht.

Jetzt rächt es sich auch, dass Buenos Aires versäumt hat, rechtzeitig in die Energiewirtschaft zu investieren. Eigentlich verfügt Argentinien in Patagonien mit der Ölschiefer-Lagerstätte Vaca Muerta (»Tote Kuh«) über so große Öl- und Gasreserven, dass es Selbstversorger sein könnte, den Überschuss könnte es exportieren. Doch es fehlen Pipelines, um den Rohstoff an die Küste und nach Buenos Aires zu transportieren. Damit die Argentinier im kommenden Winter nicht frieren müssen, will die Regierung jetzt Gas aus Bolivien importieren. Ausgerechnet eines der rohstoffreichsten Länder Lateinamerikas könnte also eine goldene Chance verpassen, den seit Jahrzehnten anhaltenden Zyklus des Niedergangs zu durchbrechen.

Förderung im Gasfeld Vaca Muerta in Patagonien: Es fehlen die Pipelines

Förderung im Gasfeld Vaca Muerta in Patagonien: Es fehlen die Pipelines

Foto: EMILIANO LASALVIA / AFP

Auch der Agrogigant Brasilien, einer der weltweit wichtigsten Produzenten und Exporteure von Soja, Kaffee, Mais, Fleisch und Orangensaft, profitiert nur eingeschränkt von der erhöhten Nachfrage nach Lebensmitteln infolge des Ukrainekriegs. Einerseits boomen zwar die Exporte, die Börse von São Paulo hat in den ersten drei Monaten des Jahres um 14 Prozent zugelegt, die Landeswährung Real hat zum Dollar um 16 Prozent aufgewertet. »Der Anstieg der Rohstoffpreise kommt Brasilien zugute, dem weltweit viertgrößten Exporteur von Commodities«, urteilt die Schwellenlandabteilung der Investmentgesellschaft Franklin Templeton.

Brasilien wird von politischer Unsicherheit überschattet

Bei Mais, der zurzeit Rekordpreise erzielt, beabsichtigt die Agroindustrie die Produktion auszuweiten: »Brasilien hat hervorragendes Wachstumspotenzial und steht vor einer Riesenchance«, sagt der Präsident des Verbands der Maisproduzenten, Cesário Ramalho. »Wir haben einen Markt, Käufer und Land dafür.«

Doch zugleich sind die Produktionskosten für landwirtschaftliche Produkte drastisch angestiegen, weil sich Transport, Düngemittel und Pestizide stark verteuert haben. Die Inflation im Land ist mittlerweile zweistellig, sie trifft vor allem die Armen. In einigen Regionen und Elendsvierteln der großen Städte gibt es wieder Hunger. Vor wenigen Tagen wurde in einem armen Stadtteil von Rio de Janeiro ein Supermarkt geplündert, auch die Kriminalität hat zugenommen. Für dieses Jahr rechnet der Weltwährungsfonds mit einem Wirtschaftswachstum von bescheidenen 0,8 Prozent, damit bildet Brasilien das Schlusslicht in Lateinamerika. Für 2023 sagt der IWF magere 1,4 Prozent Wachstum voraus.

Hinzu kommt die politische Unsicherheit. Im Oktober wählt Brasilien einen neuen Präsidenten, Favorit ist Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva. Doch der rechtsradikale Amtsinhaber Jair Bolsonaro, der zur Wiederwahl antritt, hat in Umfragen während der vergangenen Wochen aufgeholt. Wenn Lula und Bolsonaro in die Stichwahl müssen und Lula nur knapp siegen sollte, worauf vieles hindeutet, könnte Bolsonaro das Ergebnis anzweifeln und seine Anhänger zum Sturm auf den Kongress aufhetzen – so wie sein großes Vorbild Donald Trump.  Ob das Militär in dieser Situation zur Verfassung stehen und einen Putsch verhindern würde, ist unsicher. Das allein ist schon ein Grund zur Beunruhigung. Auch ein Wahlsieg Bolsonaros dürfte den Abbau von Demokratie und Rechtsstaat in Brasilien beschleunigen – nach zwei Amtszeiten darf er nicht erneut kandidieren, er hätte also nichts mehr zu verlieren.

Die politische Unsicherheit überschattet auch eine mögliche Neuverhandlung des Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Wirtschaftsbündnis Mercosur. Wegen der desaströsen Umweltpolitik Bolsonaros haben die Parlamente mehrerer EU-Staaten das Abkommen bislang nicht ratifiziert; sie fordern eine Neuverhandlung der Klauseln, die Umweltschutz, Klimawandel und den Schutz originärer Völker betreffen. Solange Bolsonaro an der Macht ist, stehen die Chancen für eine Ratifizierung oder eine Neuverhandlung gleich null. 

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, Militärs: Die politische Unsicherheit ist groß

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, Militärs: Die politische Unsicherheit ist groß

Foto: Paulo Whitaker / REUTERS

Bei einem Sieg Lulas dürfte dagegen Bewegung in das Thema kommen. »Wir sind bereit, die Folgen des Klimawandels zu diskutieren und bei einer Neuverhandlung des Abkommens zu berücksichtigen«, sagte Lulas langjähriger Außenminister und jetziger außenpolitischer Berater Celso Amorim vor Kurzem gegenüber dem SPIEGEL. Er fordert im Gegenzug Zugeständnisse der Europäer in der Industriepolitik.

Mit Bolsonaro gibt es kein Freihandelsabkommen mit der EU

»Ohne Regierungswechsel in Brasilien gibt es keine Chance für eine Neuverhandlung des Freihandelsabkommens mit der EU«, bestätigt Mischa Groh von der Außenhandelskammer in Montevideo. Die Regierung von Uruguay, das ebenfalls Mitglied des Mercosur ist, konzentriert sich daher zurzeit auf den Abschluss bilateraler Abkommen. »Jede Braut, die gerade vorbeikommt, wird genommen«, sagt Groh.

Ein Freihandelsabkommen des Mercosur mit der EU wäre für Uruguay zweifellos von Vorteil, meint Groh. Unabhängig davon sieht er gewaltige Chancen im Energiesektor. Zehn Milliarden Dollar seien in den vergangenen Jahren in Infrastrukturprojekte und alternative Energien geflossen. »Strom wird zu fast 100 Prozent aus erneuerbaren Energien gewonnen, 63 Prozent der Energiematrix ist grün«, sagt er. »Uruguay hat alles, was man braucht, um ein zuverlässiger Zulieferer von grünem Wasserstoff und seinen Derivaten zu sein.« In vier bis acht Jahren, so schätzen Experten, sei das Land in der Lage, Deutschland mit großen Mengen Wasserstoff zu beliefern. »Wegen des Ukrainekriegs und der dadurch ausgelösten Energiekrise in Europa ziehen viele deutsche Investoren ihre Investitionen vor«, sagt Groh.

Das Beste daran: Wirtschaftsminister Robert Habeck müsste sich nicht wie in Katar ideologisch verbiegen, um Energielieferungen aus Montevideo zu rechtfertigen: Auf dem Demokratie-Index des »Economist« liegt Uruguay zwei Plätze vor Deutschland.