Eskalation der Gewalt im Südsudan "Wir haben viel Versöhnungsarbeit geleistet. Dann kam das Virus"

Südsudan, der jüngste Staat der Welt, wurde erst 2011 unabhängig - und versinkt seither immer wieder in Konflikten. Nun kommt es wieder zu blutigen Kämpfen. Der Uno-Sonderbeauftragte ist alarmiert.
Ein Interview von Fritz Schaap
Jugendlicher Kämpfer des Nuer-Stammes

Jugendlicher Kämpfer des Nuer-Stammes

Foto: Andreea Campeanu/ REUTERS

SPIEGEL: Warum kommt es im Südsudan wieder zu Gewalt?

Shearer: Es handelt sich um Spannungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen und Clans. Bis vergangene Woche waren im ganzen Land keine Gouverneure ernannt worden, auch keine Landräte. Die gesamte Ebene der Regionalverwaltung fehlte. Ohne sie hat es ein Machtvakuum gegeben.

SPIEGEL: Und das haben einzelne Gruppierungen ausgenutzt? 

Shearer: In der Provinz Jonglei gibt es Spannungen zwischen den Volksgruppen der Murle, der Dinka und der Nuer. Sie überfallen sich gegenseitig, um einander Vieh zu stehlen. Vergangenen August kam es in diesem Gebiet zu schweren Überschwemmungen, Zehntausende Rinder starben. Die Gemeinden haben fast ihre gesamte Lebensgrundlage verloren. Viehraubzüge wurden zum Mittel zur Wiederaufstockung. Das führte dann zu Vergeltungsangriffen. Seitdem ist die Gewalt immer weiter eskaliert.

SPIEGEL: Was unterscheidet den jüngsten Konflikt von früheren Auseinandersetzungen?

Shearer: Wir beobachten, dass sich Soldaten in Uniform an den Kämpfen beteiligen. Das ist eine beunruhigende Entwicklung. Und wenn nicht schnell gehandelt wird, könnte das zu Verletzungen des Waffenstillstandsabkommen führen – und dann zu seiner Auflösung. 

SPIEGEL: Was tut die Regierung?

Shearer: Sie hat ein Komitee ins Leben gerufen, das Wege finden soll, wie diese drei Stämme versöhnt werden können. 

SPIEGEL: Wie stehen die Chancen?

Shearer: Nun, wir müssen dem eine faire Chance geben. Ich denke immer eher optimistisch als pessimistisch. Wir haben im Februar und Anfang März viel Versöhnungsarbeit geleistet, und wir hatten das Gefühl, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen. Dann kam das Coronavirus, und wir waren nicht mehr in der Lage, die Menschen zu erreichen. Vieles, was aufgebaut worden war, fällt auseinander. Einige der jüngeren Leute greifen wieder zu den Waffen. Immerhin hat die Regierung nun endlich begonnen, eine aktive Rolle zu übernehmen.

SPIEGEL: Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf die Gewalt?

Shearer: Ich denke, die Pandemie hat keine großen Auswirkungen auf die Konflikte. Sie gehen unabhängig von der Pandemie weiter. Sie hatte aber insofern Auswirkungen, als dass die Zentralregierung geschwächt wurde. Viele Regierungsmitglieder waren für eine gewisse Zeit eingesperrt. Drei der fünf Vizepräsidenten wurden positiv getestet. Der Friedensprozess hat sich deswegen in den letzten drei Monaten verlangsamt. Das ist besorgniserregend, denn die Sache mit dem Friedensprozess im Südsudan ist, dass er seinen Schwung beibehalten muss, um am Leben zu bleiben. Nun stehen die Dinge still und wir sehen Auflösungserscheinungen.

SPIEGEL: Als der Vizepräsident Riek Machar im Februar vereidigt wurde, sagte er, er werde mit seinem alten Widersacher aus Jahren des Bürgerkrieges, Präsident Salva Kiir, zusammenarbeiten. Beide würden dem Leiden im Land ein Ende bereiten. Haben sie das getan?

Shearer: Es hat einige positive Dinge gegeben. Vor einem Jahr war Machar sich nicht sicher, ob er die Hauptstadt Juba überhaupt betreten sollte. Und jetzt ist er in Juba ansässig und arbeitet. Auch die Ministerien sind in Betrieb. Es hat keinen Bruch des Waffenstillstands zwischen den politischen Parteien gegeben - mit kleinen Ausnahmen. Es sind bisher nur die informellen subnationalen Stammesgruppen, die miteinander kämpfen.

Aber die Einheitsregierung muss endlich ihren Aufgaben nachgehen. Sie müssen wie Mitglieder einer Regierung zusammenarbeiten und nicht wie verschiedene Fraktionen agieren, die in einem Raum sitzen. Das bleibt ein Problem.

SPIEGEL: Frühere Abkommen brachen ziemlich schnell auseinander. Sehen Sie die Gefahr, dass dieser Deal nun in die gleiche Richtung geht?

Shearer: Der Friedensprozess hat definitiv an Schwung verloren. Wir werden sehen müssen, wie gut sich die neuen Gouverneure vor Ort schlagen. Wenn Sie die Situation allerdings mit 2013 oder 2016 vergleichen: Es ist besser, als es damals war. Es geht im Großen und Ganzen in die richtige Richtung.

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