Sisi und der Suezkanal Der große Steuermann hat ein Problem

Die Ägypter sind stolz auf ihre Pyramiden – und den Suezkanal. Machthaber el-Sisi hat sogar eine zweite Fahrrinne bauen lassen. Ein Vizeadmiral soll die festgefahrene »Ever Given« nun wieder freischaufeln.
Gut gelaunt: Abdel Fattah el-Sisi bei der Eröffnung der zweiten Fahrrinne des Suezkanals

Gut gelaunt: Abdel Fattah el-Sisi bei der Eröffnung der zweiten Fahrrinne des Suezkanals

Foto: Xinhua / imago images

Schwarze Sonnenbrille, beige Paradeuniform, die Brust voller Orden: Abdel Fattah el-Sisi hatte sich schick gemacht, als er im August 2015 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt am Suezkanal begrüßte. Es war ein besonderer Tag für den ägyptischen Diktator. Vor den Augen der Welt weihte er in der Pose des großen Steuermanns sein erstes Prestigeprojekt ein – die zweite Fahrrinne des legendären Suezkanals.

Nun blickt die Welt wieder auf den Suezkanal, der das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet und durch den ägyptischen Angaben zufolge im vergangenen Jahr 18.829 Schiffe fuhren. Der Grund: Das Containerschiff »Ever Given« versperrt die Wasserstraße seit Tagen. Die internationale Logistikbranche operiert mit Notfallplänen. In den sozialen Netzwerken trendet das Thema.

DER SPIEGEL

Abdel Fattah el-Sisi dürfte darüber nicht amüsiert sein.

Die von ihm eingeweihte zweite Fahrrinne wird das Problem mit dem festgefahrenen Containerschiff nämlich auch nicht lösen. Denn: Die »Ever Given« steckt am südlichen Kanaleingang fest – und die zweite Fahrrinne beginnt erst weiter nördlich.

Mehr als eine Einnahmequelle

Nadelöhr der Weltwirtschaft: Der Suezkanal

Nadelöhr der Weltwirtschaft: Der Suezkanal

Foto: A3500 Fotoreport Nasa/ dpa

In Ägyptens staatsnahen Medien wird über die Blockade eher zurückhaltend berichtet. Vermutlich auch deshalb, weil der Suezkanal eben mehr ist für die Ägypterinnen und Ägypter als eine – zweifelsohne zentrale – Einnahmequelle. Die Geschichte hat aus der internationalen Wasserstraße ein Symbol gemacht, eines, das für Ägyptens Unabhängigkeit, für den Willen, der Welt die Stirn zu bieten, und für die anhaltende internationale Relevanz des 100-Millionen-Volkes steht.

Der vom Franzosen Ferdinand de Lesseps geplante Suezkanal wurde 1869 für die Schifffahrt freigegeben. Giuseppe Verdi komponierte für die feierliche Eröffnung der internationalen Wasserstraße, von der schon Johann Wolfgang von Goethe und der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz geträumt hatten, eigens eine Oper – Aida.

Kleiner Bagger gegen großes Schiff: In den sozialen Netzwerken trendet der manövrierunfähige Containerfrachter

Kleiner Bagger gegen großes Schiff: In den sozialen Netzwerken trendet der manövrierunfähige Containerfrachter

Foto: Suez Canal Authority / dpa

Das ägyptische Volk hatte indes nichts zu feiern. Geld verdienten lange andere mit dem Suezkanal, die Anteilseigner der Compagnie Universelle du Canal Maritime de Suez. Französische Privatinvestoren gehörten dazu, die britische Krone – und der Vatikan. 1956 änderte sich das.

Gamal Abdel Nasser verstaatlichte den Suezkanal. Der ägyptische Diktator in spe schmiss mit dieser Entscheidung die Briten de facto aus dem Land. Die Folge: die Suezkrise. Auf der einen Seite Ägypten, auf der anderen eine unwahrscheinliche Allianz aus Großbritannien, Frankreich und Israel.

Die Suezkrise markierte den endgültigen Anfang vom Ende des britischen Kolonialreichs. Auf Druck der neuen Weltmächte USA und Sowjetunion musste sich das Trio zurückziehen, der damalige britische Premier Anthony Eden verlor seinen Job. Nasser hingegen wurde zum Anführer der arabischen Welt.

Symbolische Bedeutung der zweiten Fahrrinne

Als Abdel Fattah el-Sisi, der sich gerne als Nassers Nachfolger präsentiert, 2014 den Bau des zweiten Kanals verkündete, hinterfragten Ökonomen zwar den Zweck des Vorhabens. Denn es war angesichts der bescheidenen Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft alles andere als klar, dass der Kanal die rund acht Milliarden Dollar Baukosten so bald wieder einspielen würde. Doch Sisi wusste um die Symbolik und setzte das gigantische Vorhaben durch.

Staatsnahe Medien feierten ihn als den neuen »starken Mann« an der Spitze der ägyptischen Armee, die wieder einmal als Retterin der Nation in Szene gesetzt wurde.

Um den Bau der zweiten Fahrrinne zu finanzieren, hatte die ägyptische Führung sogenannte »Sisi-Bonds« an das Volk verkauft – mit attraktiven Zinsen und der Verheißung, Teil eines nationalen Prestigeprojekts zu sein. Wie bei allen großen Infrastrukturprojekten dürfte die Militärjunta aber auch aus eigenen wirtschaftlichen Interessen gehandelt haben.

Die ägyptische Armee kontrolliert je nach Schätzung etwa 40 Prozent der ägyptischen Wirtschaft. Vom Straßen- und Städtebau über den Betrieb von Supermärkten, die Produktion von Milchpulver oder Klimaanlagen bis hin zur Pharmaindustrie sind Ägyptens Generäle vielerorts als Manager präsent.

Auch der Chef der Suezkanal-Gesellschaft ist ein Militär: Osama Mounir Rabie. Der Mittsechziger trägt Schnurrbart und bekleidet den Rang eines Vizegenerals – eine Lösung hat der hochdekorierte Soldat bislang aber auch nicht für das Problem. Immerhin: Mit heiklen Operationen scheint der Mann sich auszukennen. Er hat seine Armeekarriere bei den Minenräumern begonnen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.