Baschar al-Assad regiert Syrien seit 20 Jahren Das syrische Königshaus

Eigentlich war er gar nicht als Präsident vorgesehen, doch vor 20 Jahren kam Baschar al-Assad an die Macht. Er hat das Gegenteil dessen erreicht, was er sich für Syrien erhoffte.
Baschar al-Assad bei einem Truppenbesuch in Nordsyrien 2019

Baschar al-Assad bei einem Truppenbesuch in Nordsyrien 2019

Foto: SANA/ REUTERS

Es ist Sommer 2000. In Rekordtempo übernimmt Baschar al-Assad in diesen Tagen vor 20 Jahren die Macht in Syrien. Nach dem Tod seines Vaters, des damaligen Präsidenten, werden innerhalb von nur fünf Wochen die Verfassung geändert, Wahlen abgehalten und Baschar al-Assad am 17. Juli 2000 als der neue Präsident eingeschworen. Einen Gegenkandidaten gibt es nicht.

Die Verfassungsänderung war notwendig, weil Assad, ein gelernter Augenarzt, mit seinen damals 34 Jahren noch zu jung war für das Präsidentenamt. Um seine Macht abzusichern, wird Assad in diesen fünf Wochen auch noch zum Feldmarschall gemacht, der höchste militärische Rang Syriens, und zum Vorsitzenden der herrschenden Baath-Partei auf einem eiligst einberufenen Parteitag.

Der Assad-Familie in Syrien ist etwas gelungen, wovon Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi und Hosni Mubarak vergeblich träumten: Sie hat eine Präsidentendynastie erschaffen. Der rund 30 Jahre herrschende Hafis al-Assad, in Syrien "der ewige Führer" genannt, vererbte den Thron an seinen Sohn Baschar. Und nun herrscht dieser wiederum seit 20 Jahren. So etwas geschieht sonst nur in Monarchien. Der Republik Syrien hat dies nicht gutgetan. 

Für viele ist er anfangs ein Hoffnungsträger

Als Baschar al-Assad nach der Vereidigung seine erste Rede als Präsident hält , eine Stunde lang, macht er vielen Syrern Hoffnung. Er redet davon, dass jeder Bürger sich eingeladen fühlen solle, zur Entwicklung und Modernisierung des Landes beizutragen. Die Herrschaft seines Vaters bilanziert er als "großen Erfolg", allerdings auf Kosten der Wirtschaft - für Syrien eine unerhörte Kritik. Der junge, leicht lispelnde Schlaks wirkt so anders als sein gefürchteter Vater. Kann er die marode, in großen Teilen verstaatlichte Wirtschaft reformieren und das verschlossene Land öffnen?

Politischer Wandel steht nicht zur Debatte, das wird bald klar. Der "Damaszener Frühling" 2000, als Intellektuelle und Oppositionelle Reformvorschläge debattieren, wird niedergeschlagen . Wirtschaftlich tut sich viel: Aus der Staatswirtschaft macht Assad einen Vetternwirtschaftskapitalismus, von dem vor allem seine Verwandten und Unterstützer profitieren

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20 Jahre Baschar al-Assad in Bildern

Foto: AP

Doch auch bei Syriens Mittelklasse kommt von dem neuen Wohlstand einiges an. So manche syrische Unternehmer, die ihr Glück im Ausland fanden, kehren mit ihren Kindern in ihre alte Heimat zurück. Baschar al-Assad ist in Syrien in dieser Zeit durchaus beliebt, auch weil man sich noch mit Schrecken an die totalitäre Herrschaft seines Vaters erinnert, während der Tausende gefoltert und ermordet wurden. 

Die Kluft in der Gesellschaft wächst

Vor allem im Westen geben sich viele dem Trugbild von Assad als jungem, autoritärem Reformer hin - der harten Hand, die die Syrer vermeintlich bräuchten. Nur zu gern wollen viele glauben, dass Assad sich, anders als sein Vater, dem Westen zuwendet. Vielleicht liegt diese Illusion daran, dass Assad kurz in London lebte und eine britisch-syrische Doppelstaatsbürgerin heiratete.

Doch der syrische Präsident denkt nicht daran und macht daraus auch keinen Hehl: Er verhält sich außenpolitisch opportunistisch wie sein Vater, droht Israel und unterstützt Terrororganisationen. Und als die USA 2003 im benachbarten Irak einmarschieren, fördert er dort den Vorläufer des "Islamischen Staats".

So willkommen Assads Wirtschaftsreformen einigen aus der Mittel- und Oberschicht in den Städten sind, so schmerzhaft treffen sie viele auf dem Land. Der Staat unterstützt seine Bürger weniger. Dazu kommen die Korruption und Willkür örtlicher Beamter und Geheimdienstschergen und schließlich noch mehrere Dürrejahre. Viele ehemalige Bauern und Arbeiter ziehen verarmt in die chaotisch wachsenden Vororte der Großstädte, wo sie sich mühevoll durchschlagen. Die Ungleichheit wächst.

Demonstration im Dezember 2011 in Binnisch in Nordsyrien gegen Assad

Demonstration im Dezember 2011 in Binnisch in Nordsyrien gegen Assad

Foto: HANDOUT/ REUTERS

Das Jahr 2011 bringt die Bewährungsprobe für Assad - und er vermasselt sie. Aus überschaubaren Protesten in Südsyrien werden landesweite Massendemonstrationen, weil Assad sofort Panzer und Scharfschützen schickt, anstatt es mit Verhandlungen und Zugeständnissen zu versuchen. 

Weggefährten Assads vermuten, dass ihn das Erbe seines Vaters dazu bringt, so blind zu handeln. Sein Leben lang, so berichtet Assads Jugendfreund Manaf Tlass, begleite Assad das Gefühl, sich beweisen zu müssen. Denn der unbeholfene Baschar al-Assad war eigentlich nie als Thronfolger vorgesehen, sondern sein charismatischer älterer Bruder Basil al-Assad. Der jedoch verunglückte 1994.

Assad mit seinem Ex-Vertrauten Manaf Tlass

Assad mit seinem Ex-Vertrauten Manaf Tlass

Foto: RAED QUTENA/ AFP

Der nun bereits neun Jahre andauernde Krieg hat Syrien und Baschar al-Assads Macht zutiefst verändert. Mehr als 500.000 Menschen sind tot. Die Gesellschaft ist geschunden, traumatisiert sowie religiös und konfessionell aufgeladen. Die Wirtschaft bricht gerade zusammen - neun Jahre Gewalt, der Kollaps des Libanon, neue Sanktionen und nun noch die Corona-Pandemie zeigen ihre Wirkung. Etwa die Hälfte der Bevölkerung weiß nicht mehr, woher sie genug Essen zum Überleben auftreiben soll.

Manche Syrer trauern inzwischen sogar Assads Vater nach. Der sei zwar hart, aber klüger und geschickter gewesen - und hätte das Land nicht ausverkauft. Syrien ist auf einmal der Juniorpartner geworden im Verhältnis mit Iran und der libanesischen Hisbollah. Mitten in Syrien kommandieren Russen Syrer herum. Und in Nordsyrien hat die Türkei Teile des Landes besetzt. 

Baschar al-Assad ist formell zwar noch immer Präsident und wird wohl auch die für nächstes Jahr angedachte Präsidentschaftswahl gewinnen, die wieder einmal weder frei, offen noch fair sein wird. Aber noch nie war seine Herrschaft so unsicher. Er ist zwar noch immer Syriens zentrale Symbolfigur, gleichzeitig aber nur der größte Warlord unter vielen. So toben seit Wochen in Südsyrien neue Proteste. Dabei steht die Region angeblich unter Assads Kontrolle. Wieder einmal erklingt das Protestlied "Los, hau ab, Baschar!".

Nur hat Assad inzwischen nicht mehr genügend Kämpfer, um die Demonstrierenden daran zu hindern.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes hieß es, Baschar al-Assad sei ausgebildeter Zahn- statt Augenarzt. Wir bitten dies zu entschuldigen und haben die entsprechende Stelle korrigiert.

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