Syrien Menschenrechtsaktivisten legen Beweise für Hunderte Angriffe auf Krankenhäuser vor

Seit zehn Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien. Ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Syrian Archive dokumentiert nun, wie das Regime und seine russischen Helfer systematisch medizinische Einrichtungen bombardieren.
Mitarbeiter eines Krankenhauses in Aleppo (2016): Kranke, Verletzte und Klinikmitarbeiter müssten nach dem humanitären Völkerrecht in bewaffneten Konflikten explizit geschützt werden – in Syrien wurden sie immer wieder angegriffen

Mitarbeiter eines Krankenhauses in Aleppo (2016): Kranke, Verletzte und Klinikmitarbeiter müssten nach dem humanitären Völkerrecht in bewaffneten Konflikten explizit geschützt werden – in Syrien wurden sie immer wieder angegriffen

Foto: Abdalrhman Ismail / REUTERS

Die Bomben, die am 23. Juli 2016 auf Aleppo niedergingen, trafen das al-Hakim Hospital, spezialisiert auf die Behandlung von Kindern. Geschossteile, so berichtete damals der Direktor des Krankenhauses, hätten das Beatmungsgerät erwischt, an dem ein Neugeborenes hing, »es war sofort tot«. Insgesamt seien vier Babys bei dem Angriff gestorben.

Neben der Kinderklinik traf es innerhalb weniger Tage in Aleppo noch mindestens drei weitere Krankenhäuser. Für das in Berlin ansässige »Syrian Archive« ist diese Angriffsserie kein Zufall – sondern ein Beweis dafür, wie gezielt das syrische Regime und seine russischen Unterstützer gegen medizinische Einrichtungen in Rebellengebieten vorgehen.

Zum zehnten Jahrestag des Bürgerkriegs haben die Menschenrechtsaktivisten Belege für Hunderte Angriffe auf Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen zusammengetragen. Laut den Recherchen des »Syrian Archive« gab es seit 2011, dem Beginn des Kriegs, mindestens 410 Angriffe auf medizinische Einrichtungen.

Gezielte Angriffe des Regimes und Russlands auf besonders Schutzbedürftige

»Viele Angriffe stellen gut dokumentierte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar«, heißt es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation, den der SPIEGEL vorab einsehen konnte. Parallel zum Erscheinen des Berichts stellt das »Syrian Archive« um den Digital-Forensik-Experten Hadi al-Khatib zudem mehr als 1200 Videos online , die die Attacken und ihre verheerenden Folgen zeigen.

Zerstörtes Krankenhaus in Aleppo (2016): Manche Einrichtungen wurden mehrfach getroffen. An versehentliche Kollateralschäden glauben die Menschenrechtsaktivisten deshalb nicht – sie sehen eine Strategie.

Zerstörtes Krankenhaus in Aleppo (2016): Manche Einrichtungen wurden mehrfach getroffen. An versehentliche Kollateralschäden glauben die Menschenrechtsaktivisten deshalb nicht – sie sehen eine Strategie.

Foto: AMMAR ABDULLAH/ REUTERS

Khatib spricht von einer »vorsätzlichen Strategie illegaler Angriffe auf medizinische Einrichtungen« in den vergangenen zehn Jahren – und das, obwohl Kranke, Verletzte und Klinikmitarbeiter nach dem humanitären Völkerrecht in bewaffneten Konflikten explizit geschützt werden müssten.

In 90 Prozent der Fälle, in denen sich der Hintergrund klären ließ, seien Streitkräfte des syrischen Regimes oder Russlands verantwortlich zu machen, schreiben Khatib und seine Mitstreiter in ihrem Bericht. In 227 Fällen erfolgten die Attacken per Luftschlag.

Immer wieder gab es laut den Menschenrechtlern offenkundig gezielte, fast zeitgleiche Angriffe auf mehrere Krankenhäuser in einer Region – so wie in Aleppo im Juli 2016. Mehr als 70 medizinische Einrichtungen seien wiederholt Opfer einer Attacke geworden. An versehentliche Kollateralschäden oder Zufallstreffer wollen die Menschenrechtsaktivisten deshalb nicht glauben: Das Orient-Hospital in der Kleinstadt Kafranbel bei Idlib wurde laut »Syrian Archive« sogar zehnmal angegriffen.

Fassbomben, Streumunition und Chemiewaffen

Getroffen wurden medizinische Einrichtungen in mehreren Dutzend Fällen auch durch grausame oder international geächtete Waffen wie Fassbomben, Streumunition und Chemiewaffen. Das al-Sakhour-Krankenhaus in Aleppo (auch »M10« genannt), das zum Schutz vor Angriffen unterirdisch operierte, wurde von einer bunkerbrechenden Bombe zerstört. Für das »Syrian Archive«, das seit 2014 Hunderttausende Videos über den syrischen Bürgerkrieg sammelt, ein klarer Hinweis, dass absichtlich eine besonders geschützte medizinische Einrichtung ins Visier genommen wurde.

Neugeborene in einem angegriffenen Krankenhaus in Aleppo (2016): Kinder, Schwangere, Verletzte und Klinikpersonal gezielt angegriffen

Neugeborene in einem angegriffenen Krankenhaus in Aleppo (2016): Kinder, Schwangere, Verletzte und Klinikpersonal gezielt angegriffen

Foto: ABDALRHMAN ISMAIL/ REUTERS

In mehr als der Hälfte der von den Menschenrechtlern dokumentierten Angriffe habe es Todesopfer gegeben, darunter schwangere Frauen und Menschen mit Behinderungen. In ebenfalls rund der Hälfte der Fälle seien die Krankenhäuser nach den Attacken nicht mehr zu benutzen oder schwerbeschädigt gewesen.

»Das Regime attackiert seit Beginn des Kriegs gezielt medizinische Einrichtungen, überall im Land«, sagt der syrische Menschenrechtsanwalt Anwar al-Bunni. Die Strategie sei, die Verletzten der Opposition »sterben zu lassen«.

Können die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden?

Es sei aufwendig, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, aber keineswegs aussichtslos, sagt Bunni. Immerhin konnte bereits 2019 durch Flugprotokolle und Funksprüche der russischen Luftwaffe festgestellt werden, dass es sich bei den Attacken um absichtliche, brutale Angriffe handelt. 

Bunni hat in Syrien selbst immer wieder im Gefängnis gesessen. In Deutschland richtete er 2016 ein Büro ein, kurz nach seiner Flucht. Von dort ist er weltweit mit Juristen und Menschenrechtlern vernetzt. Oppositionelle zwischen Kanada und Katar sammeln seit Jahren Indizien, um den Kriegsverbrechern in Syrien den Prozess zu machen.

Die ersten Gerichtsverfahren laufen bereits, wenn auch nicht in Syrien, sondern in Deutschland. Vor wenigen Tagen wurde in Koblenz ein ehemaliger syrischer Geheimdienstoffizier zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er für Folterungen in Assads Gefängnissen mitverantwortlich war.