Binnenvertriebene in Idlib Gefangen im Krieg

Millionen Geflüchtete sitzen in der syrischen Provinz Idlib fest. Die EU, so scheint es, hat diese Menschen aufgegeben. Hilfe kommt allenfalls von der Türkei. Doch die hat einen Preis.
Von Giorgos Christides und Maximilian Popp, Idlib und Berlin
Geflüchtete im syrisch-türkischen Grenzgebiet

Geflüchtete im syrisch-türkischen Grenzgebiet

Foto: Zein al Rifai / AFP

Ein Zelt reiht sich an das nächste, über Kilometer hinweg, bis zum Horizont. Dazwischen: Menschen. Frauen, Kinder, Alte, Kranke. Manche tragen nur Fetzen am Leib. Viele dösen vor sich hin.

Idlib, das war einmal eine wohlhabende Provinz im Nordwesten Syriens, unmittelbar an der Grenze zur Türkei. Heute, nach knapp zehn Jahren Bürgerkrieg, ist Idlib ein einziges, riesengroßes Flüchtlingslager. Hunderttausende Menschen sind vor dem Regime von Diktator Baschar al-Assad hierher geflohen, in einen der letzten Landstriche, der von Rebellen kontrolliert wird. Zwei Millionen Menschen leben laut Schätzungen von Hilfsorganisationen in Lagern, in Zelten oder Holzverschlägen, insgesamt halten sich rund vier Millionen in der Provinz auf.

Männer posieren am Straßenrand mit Waffen

Die Weltgemeinschaft hat die Syrerinnen und Syrer weitgehend vergessen. Die USA und die EU unternehmen fast nichts, um das Morden zu stoppen. Russland, die Türkei und Iran teilen Syrien unter sich auf. Die EU-Staaten sind noch nicht einmal bereit, den Binnenvertriebenen zu helfen. Europa existiert in Idlib nicht. Hilfe kommt, wenn überhaupt, von der Türkei und, stark eingeschränkt, von der Uno.

Wer sich aus der Türkei auf den Weg nach Idlib macht, hat das Gefühl, einen rechtsfreien Raum zu betreten. Männer posieren am Straßenrand mit Waffen, Kinder betteln um Essen. In den Zeltlagern gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser.

Rashel, 34 Jahre alt, Mutter von vier Kindern, sitzt im Rollstuhl, seit sie bei einem Luftangriff durch das Assad-Regime schwer verletzt wurde. Sie ist aus dem Süden Idlibs in ein Lager im syrisch-türkischen Grenzgebiet geflohen. »Wir mussten einfach nur weg«, sagt sie. Einer ihrer Söhne hat es über die Grenze nach Gaziantep geschafft. Rashels sehnlichster Wunsch ist es, ihm zu folgen. Die türkische Regierung aber hat den Weg mit einer Betonmauer versperrt.

Geflüchtete Rashel: »Europa ist kein Ort, den wir erreichen können.«

Geflüchtete Rashel: »Europa ist kein Ort, den wir erreichen können.«

Foto: Giorges Christides

Die Türkei hat fast vier Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen, so viele wie kein anderes Land. In den vergangenen Jahren jedoch hat Präsident Recep Tayyip Erdoğan seinen Kurs gewechselt. Wie die Europäer schottet er sein Land zunehmend gegen Geflüchtete ab.

Erdoğan möchte, dass die Syrerinnen und Syrer in ihrer Heimat bleiben. Die türkische Katastrophenschutzbehörde Afad hat begonnen, in Idlib Betonhäuser für die Geflüchteten hochzuziehen. Nach Angaben der türkischen Behörden sollen bis zum Sommer 300.000 Menschen in diesen Behausungen unterkommen.

Die Bedingungen in den Afad-Camps sind nach den Aussagen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner deutlich besser als in den informellen Zeltlagern. Es gibt in den Häusern eine Küche und ein Bad, manche haben sogar eine kleine Terrasse.

Die türkische Regierung ist stolz auf ihr Engagement in Idlib. Sie organisiert regelmäßig Pressereisen in die Provinz. So auch in diesem Fall. Die Bewegungsfreiheit für Journalistinnen und Journalisten ist auf diesen Reisen eingeschränkt. Der SPIEGEL hat sich trotzdem entschieden, daran teilzunehmen, um zumindest einen begrenzten Blick auf eine Region werfen zu können, die von der Weltöffentlichkeit weitgehend vergessen ist. Die Kosten für die Reise trägt der SPIEGEL selbst.

Für die Geflüchteten ist das Leben in Idlib deprimierend. Sie können weder vor noch zurück und müssen jederzeit Angst haben, dass die Waffenruhe, die die Türkei und ihre Verbündeten von der Freien Syrischen Armee mit Assad und Russland vereinbart haben, aufgekündigt wird und Assad die Provinz überfällt. Die Menschen haben keine Perspektive für die Zukunft, sie sind gefangen im Krieg. »Europa ist kein Ort mehr, den wir erreichen können«, sagt die Syrerin Rashel.

Erdoğan erhöht den Druck auf die EU

Hinzu kommt, dass auch die Hilfsgüter der Uno Idlib nur noch sehr eingeschränkt erreichen. Russland hat im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen Lieferungen nach Syrien behindert, bald könnte das Putin-Regime sie gänzlich stoppen, so fürchten Diplomatinnen und Diplomaten. Die medizinische Versorgung ist schlecht, die Menschen sind dem Coronavirus schutzlos ausgeliefert.

Erdoğan erhöht unterdessen den Druck auf die EU. Er will, dass sich die Europäer stärker an den Kosten für die Unterbringung und Versorgung der Geflüchteten in der Türkei beteiligen.

Hunderttausende Menschen leben in Idlib in informellen Lagern

Hunderttausende Menschen leben in Idlib in informellen Lagern

Foto: Giorges Christides

Die EU und die türkische Regierung haben 2016 einen Deal geschlossen, wonach die Türkei unter anderem Milliarden Euro Hilfsgelder bekommt, wenn sie im Gegenzug Migrantinnen und Migranten an der Weiterreise nach Europa hindert. Vergangenen März hat Erdoğan den Pakt aufgekündigt, als er einseitig die Grenzen nach Griechenland öffnete.

Nun möchte Ankara das Abkommen neu verhandeln. Die Türkei erwarte neben Finanzhilfen unter anderem Visafreiheit für ihre Staatsbürger und eine Neubelebung der EU-Beitrittsgespräche wie bereits 2016 vereinbart, sagten türkische Offizielle gegenüber dem SPIEGEL. Forderungen, die EU-Vertreter als illusorisch zurückweisen.

Die türkische Regierung setzt Geflüchtete inzwischen unverhohlen als Druckmittel ein. Sollte man sich mit der EU nicht einigen, stünden Geflüchteten die Tore nach Europa bald offen, heißt es in Ankara. »Die europäische Außengrenze beginnt nicht in der Ägäis«, sagt ein türkischer Offizieller. »Sie beginnt im Südosten der Türkei.«