Syrien Strafanzeige gegen Putins Söldner wegen Folter und Mordes

Videos aus Syrien zeigen Russisch sprechende Männer in Uniform, die einen am Boden liegenden Mann zu Tode quälen. Es soll sich um Mitarbeiter der berüchtigten Wagner-Gruppe handeln. Die Hinterbliebenen des Opfers fordern nun Gerechtigkeit – in Russland.
Söldnertruppen-Kontrolleur Jewgeni Prigoschin, russischer Staatspräsident Wladimir Putin.

Söldnertruppen-Kontrolleur Jewgeni Prigoschin, russischer Staatspräsident Wladimir Putin.

Foto: Alexei Druzhinin / AP

Die Videos aus dem Jahr 2017 sind unerträglich. Sie zeigen, wie Männer in Uniform mit einem Vorschlaghammer auf einen am Boden liegenden Mann einschlagen. Und auf ihn schießen, als er sich blutend windet. Die Männer sprechen Russisch. Sie lachen. Im Hintergrund dröhnt Rockmusik.

Das Grauen setzt sich fort: Mit Messern stechen die Männer auf ihr Opfer ein. Einer versucht, mit einem Spaten den Kopf vom Rumpf des Mannes abzutrennen. Als das Opfer schließlich enthauptet ist, übergießen sie den Körper mit einer Flüssigkeit und scherzen über ein »Barbecue«. Wenig später brennt der Körper. Die mutmaßlichen Täter posieren mit dem abgetrennten Kopf.

Strafanzeige gegen mutmaßliche Täter eingereicht

Entstanden sind die Aufnahmen im Norden Syriens, wahrscheinlich in der Nähe des Al-Shaer-Gasfelds. Die russische Zeitung Nowaja Gaseta  hat sie zwischen 2019 und 2020 veröffentlicht.

Journalisten konnten inzwischen mindestens einen, wahrscheinlich sogar mehrere der Täter identifizieren. Er ist Mitglied der unter anderem in der Ukraine, Libyen und Syrien eingesetzten russischen Söldnertruppe Wagner. Auch das Opfer ist mutmaßlich identifiziert: Hinterbliebene erkannten ihren Verwandten Mohamad A., einen jungen Syrer, der kurz zuvor zwangsweise zur Armee eingezogen worden war und desertieren wollte.

Die Verwandten des Opfers verlangen nun Gerechtigkeit. Vergangene Woche haben sie nach SPIEGEL-Informationen Strafanzeige gegen die mutmaßlichen Täter eingereicht. Ihr Ziel: Die russische Justiz soll die vom russischen Staat entsandten Söldner zur Rechenschaft ziehen.

Monatelang Material gesammelt

Die Strafanzeige gegen mindestens ein Mitglied der Wagner-Gruppe wegen Mordes und Folter ist die erste ihrer Art. Zuvor hatten Journalisten der Nowaja Gaseta eine Verfolgung der Täter gefordert. Unterstützt wird die Anzeige gleich von mehreren internationalen Organisationen: dem Syrian Centre for Media and Freedom of Expression (SCM), der französischen Fédération Internationale der Ligues des droits de l’Homme (FIDH) und der Moskauer Memorial-Stiftung.

Nach eigenen Angaben haben die Organisationen für die Strafanzeige monatelang Material gesammelt und den russischen Behörden »ausreichend Beweise« übergeben, um »die involvierten Verdächtigen zur Verantwortung zu ziehen«.

»Die russische Regierung muss ihre rechtliche und moralische Verantwortung anerkennen«, sagt SCM-Gründer Mazen Darwish. Dies gelte sowohl für die Armee als auch für Angehörige privater Söldnerfirmen. Man könne nicht »syrisches Blut als billig ansehen«.

Rund um den Einsatz russischer Söldner in Syrien gibt es zahlreiche Berichte über Folter und Morde an Zivilisten. Zumeist werden sie Mitgliedern der Wagner-Gruppe zugeschrieben. Die Söldnertruppe wird von dem umstrittenen russischen Unternehmer Jewgeni Prigoschin kontrolliert. Er ist auch als »Putins Koch« bekannt.

Im vergangenen Jahr hat die Europäische Union Prigoschins Konten in der EU eingefroren und ihn mit einem Einreiseverbot belegt. Als ihn der SPIEGEL einmal mit den Aktivitäten seiner Söldner-Firmen konfrontierte, ließ er antworten, er habe den Journalisten des Nachrichtenmagazins schon mehrfach empfohlen, »sich selbst ficken zu gehen«.

Tatsächlich dürften die Chancen auf eine Strafverfolgung des Falls aus Syrien im Reich von Russlands Präsident Wladimir Putin schlecht stehen. Der Kreml hat keinerlei Interesse, die aus Moskau entsandten Söldner zur Verantwortung zu ziehen.

Die Initiatoren der Anzeige drohen daher bereits jetzt, sie würden »alle juristischen Möglichkeiten verfolgen, bis wir Gerechtigkeit erlangen«.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.