Tagebuch aus Nordsyrien "Jetzt ist Corona auch bei uns"

Seit Monaten lässt die Familie Hajj Abdo die SPIEGEL-Leser an ihrem Alltag im Flüchtlingscamp in Nordsyrien teilhaben. Die Menschen leiden, während der Uno-Sicherheitsrat über Hilfslieferungen für Syrien streitet.
Aufgezeichnet von Maria Stöhr
Geflüchtete Kinder in einer improvisierten Schule im syrischen Idlib im Mai 2020

Geflüchtete Kinder in einer improvisierten Schule im syrischen Idlib im Mai 2020

Foto: Anadolu Agency/ Getty Images
Globale Gesellschaft

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Irgendwann ist da die Ahnung, dass das Camp in Nordsyrien doch nicht nur ein Dazwischen sein könnte, nicht nur eine Station zwischen dem alten Leben und einem neuen Anfang. So eine Ahnung kommt langsam, und sie wird vielleicht, so lange es geht, klein gehalten. Irgendwann ist sie aber da. Denn die Tage, Wochen, Monate in den Flüchtlingscamps im syrischen Norden sind keine Zwischenstation. Sie sind, für Hunderttausende, ein neues Leben geworden.

Der Syrer Omer Abdulhamid Hajj Abdo, Vater von sechs Kindern, lässt den SPIEGEL und seine Leser seit Februar an seinem Alltag im Camp teilhaben. Im Winter wurde sein Heimatdorf bei Aleppo zur Frontlinie, Assad-Kämpfer zerbombten sein Haus. Die Familie floh. Wie Hunderttausende andere syrische Familien strandete sie im Norden des Landes, vor der türkischen Grenze. Endstation. Die Weiterreise in die Türkei ist fast unmöglich.

Am vergangenen Samstag einigte sich der Uno-Sicherheitsrat nach zähen Verhandlungen, die Hilfen für Syrien zu verlängern. Hilfen, bei denen Millionen Notleidende leer ausgehen könnten.

Omer Abdulhamid Hajj Abdo mit fünf seiner sechs Kinder: "Ich habe Angst"

Omer Abdulhamid Hajj Abdo mit fünf seiner sechs Kinder: "Ich habe Angst"

Wenn Omer erzählt, kann man hören, dass er die Hoffnung darauf, dass das Leben im Camp vielleicht doch nur ein Übergang ist, noch nicht aufgegeben hat. Aber er hat sich auch mit diesen ständigen Wiederholungen arrangiert, aus denen seine Tage im Camp bestehen.

Brot am Morgen, mittags, vor dem Schlafengehen.

Die Suche nach Arbeit, am Montag, am Dienstag, am Mittwoch.

Krieg und Krieg und Krieg.

Die Kinder und wie sie ohne Schule größer werden. Wie ihre Erinnerung an das Davor blass wird.

Neu in der Region ist nur das Virus.

Wie ist es Omer und seiner Familie in den vergangenen Wochen ergangen? Die Aufzeichnungen veröffentlichen wir als Tagebuch, sie sind aus den Telefonaten, Videos und WhatsApp-Nachrichten entstanden, die ein Vermittler vor Ort übersetzte.

Freitag, 19. Juni 2020

"Neulich habe ich meinen Sohn zum Kiosk geschickt, damit er eine Packung Kaffeepulver kauft. 250 Gramm für 2000 Syrische Pfund, das ist der Preis, so lange ich denken kann. Nach einer halben Stunde kam er zurück: 'Papa, das Geld hat nicht gereicht.' Der Preis für die 250-Gramm-Packung war auf 2500 Syrische Pfund gestiegen, umgerechnet 4,30 Euro.

Drei Stunden später gingen wir noch mal gemeinsam zu dem Laden, um das Pulver zu holen. Inzwischen lag der Preis bei 4000 Syrischen Pfund. Am nächsten Tag war er dann schon auf 6000 Pfund gestiegen, das sind mehr als zehn Euro.

Schaut euch diese Preissteigerung an. Die syrische Währung erlebt gerade eine extreme Inflation. Was dazu führt, dass sich viele Menschen ihr Essen nicht mehr leisten können. Es liegt unter anderem an der Pandemie, daran, dass die Grenzen dicht sind, und natürlich, wie immer hier, am Krieg."

"Meine Kinder fragen mich oft, wann wir zurück können in unser Dorf bei Aleppo. Ich sage dann, dass sie noch tapfer sein müssen."

Omer Abdulhamid Hajj Abdo

Mittwoch, 24. Juni 2020

"Wegen Corona sind alle Abschlussprüfungen an der Schule ausgefallen, der Unterricht im Camp findet seit Monaten nicht statt. Meine Kinder macht das traurig, vor allem meine älteste Tochter. Früher liebte sie es, in den großen Ferien am Sommerprogramm ihrer Schule zu Hause teilzunehmen. Da wurden Kurse angeboten, um bestimmte Fächer zu vertiefen - oder Sachen zu lernen, die im normalen Schulalltag zu kurz kamen. Das alles fällt nun aus.

Meine Kinder fragen mich oft, wann wir zurückkönnen in unser Dorf bei Aleppo. Ich sage dann immer, dass sie noch tapfer sein müssen. Dass wir noch Geduld brauchen.

Meine Kinder wissen, dass unser Haus teilweise zerbombt worden ist, und dass sich durch unser Dorf die Frontlinie der Assad-Kämpfer zieht. Aber wir sprechen nicht darüber."

Montag, 29. Juni 2020

"Der Sommer ist viel besser als der Winter im Camp. Klar, unter Tags steigen die Temperaturen auf bis zu 42 Grad. Da hält man es unter keinen Umständen in unserem Zelt aus. In der Lagerhalle, wo das Zelt aufgebaut ist, steht die Hitze. Aber dafür sind der Dreck und der Schlamm im Camp getrocknet, die Wege sind sauber, wir können etwas Gemüse anbauen.

Während der großen Mittagshitze flüchten wir unter die Olivenbäume. Die Kinder spielen da, wir Erwachsenen reden, trinken Tee, rauchen. Irgendwie die Zeit rumkriegen. Viele unserer Sätze beginnen mit einem 'Wenn' oder 'Falls'. Keiner ist hier so naiv zu glauben, dass wir unsere Zukunft selbst in der Hand haben."

Freitag, 3. Juli 2020

"Fast niemand bezahlt mehr mit dem Syrischen Pfund. Inzwischen zirkuliert hier überall türkisches Geld. Das entlastet uns etwas. Denn die Türkische Lira ist stabil. Insgesamt sind die Lebensmittel jetzt vier- bis fünfmal so teuer wie noch vor einigen Monaten."

Donnerstag, 9. Juli 2020

"Heute wurde der erste Corona-Fall in unserer Region registriert. Es soll sich um einen syrischen Arzt handeln, der aus der Türkei kam, um zu helfen.

Ich habe Angst. Bisher war das Virus für mich etwas, das weit weg ist, das uns, gerade weil wir so abgeschnitten sind vom Rest der Welt, verschont. Jetzt ist Corona doch da. Ich habe euch schon mal gesagt: Wir haben dem Virus nichts entgegenzusetzen. Seife, damit reinigen wir alles. Und wir versuchen Abstand zu halten.

Die Kontakte des infizierten Arztes werden jetzt zurückverfolgt, um zu sehen, ob er andere angesteckt hat und welche Wege er hier genommen hat. Diese Orte werden wir dann meiden."

Wir hören ein paar Tage nichts von Omer. Dann erreicht uns am Samstag eine Meldung: Der Uno-Sicherheitsrat hat die Hilfen für Syrien verlängert. Allerdings werden Hilfslieferungen in Zukunft nur noch über einen Korridor in die Region gebracht. Millionen Syrer könnten so von den Hilfen abgeschnitten sein.

Deutschlands Uno-Botschafter Christoph Heusgen appelliert bei den Verhandlungen an Russland und China. Er fragt: "Ob die Leute, die die Anweisungen dafür gegeben haben, 500.000 Kindern die Hilfe zu entziehen, morgen noch in den Spiegel gucken können."

Ein chinesischer Diplomat erwidert: "Botschafter Christoph, wir brauchen Ihre Vorhaltungen nicht." 

Sonntag, 12. Juli 2020

"Ich habe Berichte gelesen, dass manche in Syrien Unkraut zu Suppe verkochen, damit sie etwas im Magen haben. So weit ist es hier noch nicht. Brot, unser Grundnahrungsmittel, ist weiter überall verfügbar, im Moment kann Weizen auch in der Region angebaut werden, und wir müssen es nicht aus der Türkei importieren. Aber Brot ist auch teuer geworden.

Meine Nachbarn verzichten auf alles außer Brot. Sie essen Brot mit Tomatenpaste oder Brot mit Zatar, einer Gewürzmischung. Morgens, abends. Andere haben den ganzen Tag nicht mehr als einen Joghurt im Bauch. Bei uns kommt seit Wochen nur noch Gemüse auf den Tisch, das hier in der Gegend wächst. An eine Fleischportion pro Woche ist nicht mehr zu denken."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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