Tagebuch aus Nordsyrien »Du musst klarkommen«

Vor einem Jahr floh die Familie Hajj Abdo, als Assads Truppen ihr Heimatdorf beschossen. Seitdem berichtet sie im SPIEGEL über ihr Leben in einem Flüchtlingslager. Diesmal: Wie man es schafft, diese Situation anzunehmen.
Drei der sechs Kinder von Omer und Khadija Hajj Abdo, am Abend vor ihrer Flucht aus Idlib

Drei der sechs Kinder von Omer und Khadija Hajj Abdo, am Abend vor ihrer Flucht aus Idlib

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privat

Wenn man jemanden ein Jahr lang begleitet und immer wieder interviewt, dann geht es fast gar nicht anders, als irgendwann zu denken, dass man dieser Person auf eine Weise nah gekommen ist.

Wir tauschen uns aus, alle paar Wochen, und ich merke zum Beispiel, dass manche Anekdoten fast bei jedem Gespräch wiederkehren, sie meinem Gegenüber also wichtig scheinen. Ich habe dann etwas, um anzuknüpfen, beim nächsten Anruf.

Wir schicken uns Fotos über WhatsApp, Bilder aus Hamburg im Tausch gegen Fotos aus einem Zelt im Norden von Syrien. Es gibt irgendwann den Moment, an dem wir gleichzeitig über dieselbe Sache lachen müssen.

Seit dem Februar 2020 ist ein Jahr vergangen. Seitdem stehe ich mit der Familie Hajj Abdo in Syrien in Kontakt. Damals startete der syrische Machthaber Baschar al-Assad eine Offensive auf die Provinz Idlib, er bombte knapp eine Million Syrerinnen und Syrer aus ihrer Heimat und machte sie zu Vertriebenen in ihrem eigenen Land. Auch die Hajj Abdos stiegen in ein Auto und flüchteten, als ihr Dorf Teqad bei Aleppo unter Beschuss geriet.

Die Familie landete ganz im Norden Syriens, in einem Flüchtlingscamp bei Azaz. Seitdem berichtet sie im SPIEGEL in Tagebucheinträgen von ihrem neuen Leben. Sie lässt uns in ihren Alltag als Geflüchtete blicken. Zwölf Monate, in denen wir uns regelmäßig ausgetauscht haben.

Foto aus dem September 2020: Omer und Khadija Hajj Abdo (links, mit Kopftuch) mit vier der sechs Kinder

Foto aus dem September 2020: Omer und Khadija Hajj Abdo (links, mit Kopftuch) mit vier der sechs Kinder

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privat

Das Gerät, das unsere Verbindung ermöglicht, Omers Handy, ist nur sehr selten in den Händen seines Besitzers. Deswegen ist es gar nicht so einfach, Omer zu erreichen. Meistens hat eines der Kinder das Handy, sie lernen damit, Schule in Coronazeiten; oder sie spielen darauf Spiele, schauen Videos. Oft ist der Akku alle. Oft fällt das Internet im Camp aus.

Wenn Omer, Khadija und ich sprechen, dann hilft uns immer ein Übersetzer, auch er ein Syrer, der vor ein paar Jahren in die Türkei geflohen ist. Oft ruft der Übersetzer zuerst die Familie an, und später mich in einem separaten Anruf, je nachdem, wie gut Omer und Khadija an dem Tag erreichbar sind.

»Wir sind Überlebende. Wir sind Kämpfer.«

Omer Abdulhamid Hajj Abdo, 43, Arabischlehrer aus der Provinz Idlib

Immer wieder gibt es auch schwierige Momente. Zum Beispiel, als Omer mir berichtete, dass die Hälfte seines Hauses zerbombt sei und er sich nicht traue, das seinen Kindern zu erzählen. Was kann man da noch sagen?

»Syrien verdient mehr als das, was die Welt bisher für uns getan hat«, sagte Omer vor einem Jahr. Damals bezog die Familie gerade das Zelt im Flüchtlingslager, in dem sie bis heute schläft. Keiner von uns hätte sich da vorstellen können, dass sie in einem Jahr immer noch in diesem Zelt hausen müssen.

Omer weiß, dass seine Tagebücher in einem Land gelesen werden, das zwar schon oft mahnende Worte in Richtung Baschar al-Assad gesandt hat, aber vor dem sich der Kriegstreiber und seine Verbündeten bis heute nicht wirklich fürchten müssen.

Im aktuellen Tagebuch sprechen abwechselnd Khadija und Omer Hajj Abdo.

Donnerstag, 11. Februar 2021, Omer:

»Es gibt Bilder von unserem letzten Abendessen zu Hause. Heute vor einem Jahr. Wir haben zusammen gebetet, dann gegessen. Am nächsten Morgen sind wir gegangen. Mitgenommen haben wir nichts.

Wir sind in ein großes Auto gestiegen, bloß weg aus unserem Dorf Teqad. In den Tagen davor mussten sich meine Frau und die Kinder in den Felsen am Ortsrand verkriechen, kleine Höhlen, die sicherer waren als die Häuser. Denn syrische Truppen standen kurz davor, unser Dorf einzunehmen. Sie haben auf unsere Häuser geschossen.

Meine Gefühle sind durcheinander, wenn ich mir die Bilder aus unserer Heimat ansehe. Das Leben von damals kommt mir schon weit weg vor. Aber ich vermisse die Nachbarn, die Straße, wie alles roch, jeden Tag. Eine große Traurigkeit.«

Weil sich die Flucht der Familie zum ersten Mal jährt, hat Omer sich alte Bilder von zu Hause angeschaut, dabei, so erzählt er, überkam ihn »eine große Traurigkeit«

Weil sich die Flucht der Familie zum ersten Mal jährt, hat Omer sich alte Bilder von zu Hause angeschaut, dabei, so erzählt er, überkam ihn »eine große Traurigkeit«

Foto: privat

Freitag, 12. Februar 2021, Khadija:

»Wie wir damals gekämpft haben, damit wir überhaupt ein Auto bekommen, das uns rausbringt aus Idlib – das läuft in meinem Kopf ab wie in einem Film. Damals sind ja Tausende Familien geflohen, alle wollten nur noch weg. Nach einem Jahr reißt die Wunde wieder auf, es tut weh. Diese Wunde wird für immer bleiben. Ich werde den Schmerz, die Heimat zu verlieren, mein Leben lang nicht vergessen.

Als es neulich ein Gewitter gab, hat unsere Tochter Eilaf so eine Angst bekommen. Sie dachte, der Donner seien Bomben, und sie hat sich unter ihrer Decke versteckt. Auch die Kleinen haben nichts von alldem vergessen.

Neulich hat es wieder einen Bombenbeschuss in Teqad gegeben. Wenn ich diese Nachrichten höre, ist da wieder die Angst: Hat es Opfer gegeben? Sind Menschen gestorben, die wir kennen?«

»Es ist doch alles gesagt, geschrieben, so oft schon, dass man sich seltsam vorkommt bei der Wiederholung.«

Schrieb der SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter anlässlich der Assad-Offensive auf Idlib vor einem Jahr

Sonntag, 14. Februar 2021, Omer:

»Wir hatten geplant, unser Dorf zu besuchen. Wollten wenigstens mal vorbeischauen. Mit den Kindern, ein bis zwei Tage vor dem Jahrestag. Die Kleinen fragen oft, wann wir zurückgehen. Aber dann haben unsere ehemaligen Nachbarn angerufen. >Kommt nicht!<, haben sie gesagt. >Es ist zu gefährlich. Sie schießen wieder.< Sie sagten, dass manche Leute, die zurückgekehrt sind, jetzt erneut fliehen. Ich bin froh, dass ich den Kindern vorab nichts von den Plänen erzählt habe. Denn wir sind im Flüchtlingscamp geblieben.«

Zehn Jahre Bürgerkrieg in Syrien. Vorher schon wurde die schreckliche Lage der Menschen im Land von der Weltgemeinschaft zu wenig beachtet. Die Pandemie hat die Dringlichkeit, endlich Frieden zu schaffen, den Krieg zu beenden, komplett überlagert. Seit dem 16. Februar 2021 verhandeln Russland, die Türkei und Iran wieder über die Zukunft Syriens, alle haben eigene Interessen. Der Uno-Syrienbeauftragte zeigte sich über den Stillstand der Verhandlungen »tief enttäuscht«.

SPIEGEL-Korrespondent Christoph Reuter schrieb bereits vor einem Jahr in seinem Text »Vor den Augen der Welt« vom Versagen der Uno: »Es ist doch alles gesagt, geschrieben, so oft schon, dass man sich seltsam vorkommt bei der Wiederholung.«

Luftaufnahme eines Flüchtlingscamps bei Azaz im Norden von Syrien

Luftaufnahme eines Flüchtlingscamps bei Azaz im Norden von Syrien

Foto: Cerrah Deyri / Getty Images

Dienstag, 16. Februar 2021, Omer:

»Wir wollten immer, dass unsere Kinder gut in der Schule sind. Dass sie etwas Nützliches tun in ihrer Zukunft. Studieren vielleicht. Dass sie bessere Leben haben. So habe ich mir das schon vor dem Krieg vorgestellt, als ich noch nicht einmal Vater war.

Wir haben immer noch dieselben Ziele. Aber wir müssen die Erwartungen an unsere Kinder und an uns als Eltern herunterschrauben. Wir sind jetzt Vertriebene, sogenannte DPs, displaced persons. Noch dazu gibt es Corona. Die Sache mit dem Homeschooling betrifft auch uns. Ja, meine sechs Kinder lernen die meiste Zeit in unserem Zelt.

Wir haben genau ein Handy, auf dem sie die Lernvideos gucken. Und abends gibt es meist kein Licht, weil die Solarbatterie dann ihren Geist aufgibt. Die Kids können dann nichts lesen. Trotzdem sind meine Töchter unter den Klassenbesten, Fatima hat im Abschlusstest 94 von 100 Punkten erreicht. Wie früher in der alten Schule.«

Dienstag, 16. Februar 2021, Khadija:

»Die Lehrer hier im Camp sind anders, nicht so gut wie zu Hause. Wegen der Pandemie ist der Unterricht auch lange ausgefallen. Aber ich mache den Lehrern keine Vorwürfe. Sie haben ganz andere Bedingungen, und die meisten sind selbst Vertriebene. Sie haben andere Sorgen. Auch sie müssen jeden Tag schauen, dass ihre Kinder genug zu essen haben.

Auch bei uns gibt es oft nur Kartoffeln, mit etwas Gewürz und Salz. Hühnchen habe ich früher ein- bis zweimal die Woche gekocht. Seit wir im Camp leben – und seit wegen der Pandemie die Lebensmittelpreise so hoch sind – bringen wir Fleisch nur noch einmal im Monat auf den Tisch.

Eigentlich bräuchte unsere mittlere Tochter Rama eine spezielle Diät, denn sie hat eine Schilddrüsen-Krankheit. Das ist auch der Grund, warum sie so langsam wächst. Aber das ist zu teuer.«

Mittwoch, 17. Februar 2021, Omer:

»Heute vor einem Jahr sind wir im Camp in Azaz angekommen. Bis wir endlich ein Zelt hatten, meine Güte! Und es war sehr kalt. Ich weiß, wir haben die richtige Entscheidung getroffen. Das Wichtigste im Leben ist, seine Situation anzunehmen. Du musst klarkommen. Es gibt so viele, denen es schlechter geht.

Zum Beispiel ein Bekannter hier im Camp, er stammt aus Deir al-Sor, im Osten Syriens. Als er floh, wurde er unterwegs für einen IS-Kämpfer gehalten und beschossen. Viele Familien haben Verletzte oder gar Tote zu beklagen. Wir haben niemanden verloren. Wir sind alle zusammen.

Ich bezeichne mich als glücklich. Ich habe einen Job gefunden. Wir sind sicher. Wir sind Überlebende. Kämpfer. Wir kämpfen dafür, dass unsere Kinder ein Leben in Frieden haben. Dass dieser Krieg doch noch ein Ende findet.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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