Tagebuch aus Nordsyrien »Lasst diese letzte Grenze offen!«

Die Familie Hajj Abdo berichtet im SPIEGEL über ihr Leben in einem syrischen Flüchtlingscamp. Diesmal: Die Sorge davor, dass der letzte Korridor für humanitäre Hilfe geschlossen werden könnte.
Ein privates Foto aus dem Juni: Omer Hajj Abdo mit vier der sechs Kinder

Ein privates Foto aus dem Juni: Omer Hajj Abdo mit vier der sechs Kinder

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Omer Hajj Abdo

Globale Gesellschaft

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Omer Hajj Abdo legt am Telefon meistens sehr viel Wert darauf, dass alles irgendwie normal klingt. Wenn er über die Probleme seiner Kinder in der Schule spricht, dann klingen seine Klagen nach denen jedes anderen Vaters, der merkt, dass der Sohn, die Tochter im Matheunterricht gerade nicht so gut mitkommt.

Dann könnte man fast vergessen, dass seine Kinder ja in einem Zelt zur Schule gehen. Dass das einzige Gerät, auf dem sie lernen können, Omers Handy ist. Das einzige Gerät mit Internetzugang in einer achtköpfigen Familie. Oder wenn er über die Pandemie spricht: Ja, Abstand halten, manchmal Maske auf, und hoffen, dass man bald dran ist mit der Impfung. Er sagt nicht, dass Abstandhalten in einem Flüchtlingscamp, Zelt an Zelt, und wo sauberes Wasser oft knapp ist, etwas anderes ist als in einer Reihenhaussiedlung in Mainz oder Hamburg oder Hoyerswerda.

Dass alles anders als normal ist im Leben dieser Familie, das erzählt Omer Hajj Abdo oft erst, wenn man noch mal nachfragt.

Die Familie Hajj Abdo lebt in einem Flüchtlingscamp im Norden Syriens, bei Azaz nahe der türkischen Grenze. Sie floh aus ihrem Heimatort bei Aleppo. Das war im Winter 2020, als der syrische Machthaber Baschar al-Assad in einer Offensive auf die Region Hunderttausende Syrerinnen und Syrer aus ihren Häusern bombte. Seitdem begleitet der SPIEGEL die Familie Hajj Abdo, Vater Omer, Mutter Khadija, und die sechs Kinder. Wie sie eine Bleibe fand. Wie sie aus einem Provisorium ein neues Zuhause baute. Wie sie klarkommt.

In dieser Folge des Tagebuchs schafft es das Ehepaar Hajj Abdo am Telefon zum ersten Mal nicht, seine Müdigkeit zu verstecken. Das, was eineinhalb Jahre Vertriebensein mit ihnen gemacht haben und fast eineinhalb Jahre Pandemie. Omer und Khadija Hajj Abdo erzählen im Wechsel. Omer beginnt:

Montag, 7. Juni 2021:

»Heute habe ich eine Nachricht von der NGO erhalten, bei der ich angestellt bin. Keine gute Nachricht: Es könnte sein, dass mein Arbeitsvertrag zum 13. Juli endet. Meine Chefs sagen, dass die NGOs hier in Nordsyrien bald vielleicht nur noch sehr eingeschränkt arbeiten könnten. Denn möglicherweise schließt bald der letzte offene Grenzübergang nach Nordsyrien. Dann kommen keine Hilfsgüter der NGOs mehr in unsere Region. Dann muss auch meine NGO – mein Arbeitgeber – die Arbeit einstellen. Und mich entlassen.

»Wenn diese Hilfen nicht mehr über die Grenzen kommen, stärkt das den Machthaber Assad. Er kann dann zusehen, wie die Menschen im Norden hungern, schwächer und schwächer werden.«

Omer Hajj Abdo, 43, Arabischlehrer aus der Nähe von Aleppo

Dann weiß ich ehrlich nicht, was aus uns werden soll. Nicht nur mein Job hängt davon ab, sondern alle grundsätzlichen Dinge, die wir und alle anderen hier zum Leben haben, kommen über diese Grenze: Pakete mit Lebensmitteln zum Beispiel, die hier den Familien zugewiesen werden. Medikamente. Vieles als Spenden aus Uno-Geldern. Wird der Weg über die Grenze gekappt, wird uns die Lebensader gekappt.«

Bei dem Grenzübergang, von dem Omer Hajj Abdo spricht, handelt es sich um den Übergang Bab al-Hawa. Seit vergangenem Juli darf die Uno nur noch über diesen einen Grenzübergang humanitäre Güter nach Nordsyrien liefern. Im Nordwesten Syriens sind nach Uno-Angaben Millionen Menschen auf diese Hilfe angewiesen.

Bis Anfang 2020 waren noch vier Grenzübergänge offen für Hilfslieferungen in Gebiete, die nicht vom syrischen Regime kontrolliert werden. Dann ließ Russland diese Grenzen schließen. Am 10. Juli läuft nun die Uno-Resolution über den letzten verbliebenen Übergang Bab al-Hawa aus. Wird sie nicht verlängert, werden viele Vertriebene von der Versorgung mit Nahrungsmitteln, Covid-19-Impfungen und medizinischen Gütern abgeschnitten. Denn das syrische Regime, das nach zehn Jahren Bürgerkrieg wieder fast zwei Drittel des Landes kontrolliert und neun der 19 Grenzübergänge, will Menschen nicht helfen, die – zufällig oder absichtlich – in Gebieten außerhalb seiner Kontrolle leben.

Dienstag, 8. Juni 2021, Omer Hajj Abdo:

»Wenn diese Hilfen nicht mehr über die Grenzen kommen, wird das den Machthaber Baschar al-Assad stärken. Er kann dann zusehen, wie die Menschen im Norden hungern, schwächer und schwächer werden. Irgendwann wird denen, die gegen Assad kämpfen, nichts anderes übrig bleiben, als aufzugeben. Uns Vertriebenen ist es inzwischen egal, wer diesen Krieg gewinnt, solange er nur bald ein Ende findet. Vielleicht werden die Menschen in Nordsyrien aber auch aggressiv, radikaler. Weil sie verzweifeln. Lasst wenigstens diese eine letzte Grenze offen!«

Mittwoch, 9. Juni 2021:

»Wir leben ja immer noch in dem leer stehenden Warenhaus, in dessen Halle haben wir unsere beiden Zelte aufgebaut. Nun hat sich nach 1,5 Jahren der Besitzer des Hauses gemeldet. Er verlangt 50 Euro Miete pro Monat. Ich verdiene etwa 300 Euro im Monat.«

Dieses Bild entstand im Februar 2020 – am Abend bevor die Familie zur Flucht aufbrach und ihr Haus zurückließ

Dieses Bild entstand im Februar 2020 – am Abend bevor die Familie zur Flucht aufbrach und ihr Haus zurückließ

Foto:

privat

Freitag, 11. Juni 2021, Khadija Hajj Abdo:

»Ich habe nicht mehr so viel Angst vor Corona wie vor einem Jahr. Ich kenne einige Leute, die sich angesteckt haben und jetzt wieder gesund sind. Außerdem ist Sommer, das heißt weniger Infektionsgefahr. Vielleicht fünf Prozent der Menschen tragen eine Maske. Wir tragen sie manchmal, aber draußen und mit genug Abstand lassen auch wir sie oft weg. Es gibt hier kaum Impfungen, keinen Lockdown, keine Quarantäne, nichts wird kontrolliert. Die Einzigen, die harte Maßnahmen hatten in der Pandemie, waren die Kinder. Die Schulen waren ja immer wieder geschlossen.«

Donnerstag, 17. Juni 2021, Omer Hajj Abdo:

»Diese Woche finden bei unseren Kindern die Abschlussprüfungen dieses Schuljahrs statt. Für unsere große Tochter Fatima hängt einiges von diesem Zeugnis ab. Es ist eine Art Übertrittszeugnis. Schafft sie den Schnitt, kann sie im nächsten Schuljahr wählen zwischen dem mathematischen, dem Sprach- oder dem Wirtschaftszweig einer weiterführenden Schule.

Leider fand im Camp nur an zwei Tagen pro Woche Unterricht statt. Wegen Corona. Fatima hat viel verpasst. Es gibt hier auch zu wenige Lehrer, Material, wissenschaftliche Unterlagen oder Bücher. Der Stand der Bildung ist viel schlechter, als er sein sollte. Ich bin ja selbst eigentlich Lehrer, es macht mir große Sorgen.«

»Ich warte auf die internationale Gemeinschaft, dass sie uns endlich hilft, in Frieden zu leben. Und zwar zu Hause.«

Khadija Hajj Abdo, vertriebene Syrerin, Mutter von sechs Kindern

Khadija Hajj Abdo sagt dazu:

»Wir mussten einen Privatlehrer bezahlen für Fatima, damit sie das Level halten kann. Es gibt acht Kilometer entfernt ein Institut, das Nachhilfe anbietet. Insgesamt 1000 Türkische Lira, fast hundert Euro, kosteten dort die zusätzlichen Physik-, Englisch- und Chemiestunden. Fast unbezahlbar. Aber wir haben dennoch einige Stunden für Fatima gebucht. Sie ist die Älteste. Sie ist das große Vorbild für die Geschwister. Wir wollten, dass sie das Gefühl hat, trotz der Flucht nicht verzichten zu müssen. Dass sie ihr Selbstbewusstsein behält.«

Syerinnen und Syrer protestieren Anfang Juni gegen die Schließung des Grenzübergangs Bab al-Hawa

Syerinnen und Syrer protestieren Anfang Juni gegen die Schließung des Grenzübergangs Bab al-Hawa

Foto: KHALIL ASHAWI / REUTERS

Samstag, 19. Juni 2021, Omer Hajj Abdo:

»Es ist wieder sehr heiß hier. Wir haben zu wenig Wasser. Müssen es zukaufen. Die Kosten steigen also. Es gibt große Wassertanks, sie zu kaufen käme uns unterm Strich günstiger. Doch wir haben keinen Platz, um sie bei uns abzustellen. Wir Erwachsenen duschen alle drei Tage, die Kinder alle vier bis fünf Tage. Zu wenig, wenn man bedenkt, dass wir hier mitten im Staub leben.«

Ein aktueller Bericht des »International Rescue Committee « beschreibt, dass in der syrischen Region, in der die Familie Hajj Abdo lebt, Wasser und Lebensmittel knapp werden. Kinder werden zu Arbeit gezwungen oder zwangsverheiratet. Die Zahl an Kinderehen steige. »Syrische Familien sind zu Entscheidungen gezwungen, die keine Familie treffen sollte«, heißt es in dem Bericht.

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Montag, 21. Juni 2021:

»Gestern habe ich eine Zusatzausbildung bei der NGO hier im Camp abgeschlossen. Ich kann jetzt andere Leute im Camp trainieren, im Kinderschutz zu arbeiten. Das ist total irre: Einerseits spiele ich hier eine sehr wichtige Rolle im Job, andererseits könnte mein Arbeitgeber jederzeit gezwungen sein, mich zu kündigen. Je nachdem, ob der Grenzübergang offen bleibt oder nicht. Ich bin verwirrt, habe Angst, fühle mich machtlos.

Vor einigen Tagen wurde in der Nähe unseres Heimatortes bei Idlib ein Mann von Assad-Truppen angegriffen, er starb wenig später. Wir merken immer wieder, dass wir nicht zurückkönnen nach Hause. Unser Haus ist zerstört, theoretisch könnten wir zwar bei Verwandten unterkommen. Aber die Armee Assads ist nur drei oder vier Kilometer von unserem Dorf entfernt. Erst an »Eid al Fitr«, dem Fastenbrechen nach Ramadan, wollten wir unser Dorf besuchen. Aber genau dann – am ersten Tag des Fastenbrechens, dem schönsten Tag des Festes, wie ich finde – gingen wieder heftige Schießereien und Angriffe los. Und wir mussten unsere Pläne ändern.«

Khadija Hajj Abdo sagt:

»Wir überlegen wirklich oft: Sollen wir zurück? Sollen wir es doch rüber in die Türkei versuchen? Am Ende kommen wir immer zum selben Schluss: Unser Heimatdorf ist zu gefährlich. Der Weg in die Türkei genauso. Die türkischen Grenzen sind bewacht, es wird geschossen. Mit Schleppern über die Grenze kostet 1000 US-Dollar pro Person. Und niemand kann uns garantieren, dass so eine Aktion Erfolg hat. Mir ist im Moment nur unsere Sicherheit wichtig, und die ist hier im Zelt. Meine Kinder sollen lernen, zur Schule gehen. Das ist es. Ich warte auf die internationale Gemeinschaft, dass sie uns endlich hilft, in Frieden zu leben. Und zwar zu Hause.«

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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