Tagebuch einer Familie in Nordsyrien "Alles hier ist eine Notlösung, das macht mich so müde"

Seit Monaten lebt die Familie Hajj Abdo in einem Flüchtlingscamp. Erst fielen Assads Bomben, dann kam der Winter, dann Corona. Ein sechsfacher Vater berichtet vom Weitermachen.
Aufgezeichnet von Maria Stöhr
Syrische Kinder tragen Corona-Schutzmasken in einem Camp bei Dana, Idlib

Syrische Kinder tragen Corona-Schutzmasken in einem Camp bei Dana, Idlib

Foto: AAREF WATAD/ AFP
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Es ist niemals still, wenn Omer Abdulhamid Hajj Abdo spricht. Immer sind im Hintergrund die Kinder zu hören. Er sagt, dass er sich nicht erinnern kann, wann er in den vergangenen Monaten zuletzt allein gewesen sei. Dass er sich nach Ruhe sehne. Natürlich liebe er seine Kinder, sagt er, aber er habe sie Tag und Nacht um sich, auf den drei Quadratmetern Zelt, die nun ihr Zuhause auf Zeit sind.

Hajj Abdo, 42, ist ein Arabischlehrer aus Teqad, einem Dorf nördlich von Aleppo. Als Anfang des Jahres das Assad-Regime kurz davor stand, sein Dorf einzunehmen, floh er mit seiner Frau und den sechs Kindern in ein Flüchtlingscamp bei Azaz nahe der türkischen Grenze.

Weltweit sind nach einem aktuellen Bericht 50,8 Millionen Menschen innerhalb ihres Heimatlandes auf der Flucht. In Syrien wurden allein in jener Offensive des Machthabers Baschar al-Assad und seiner Verbündeten Hunderttausende Menschen aus ihren Häusern gebombt, verloren ihr Zuhause; ein Exodus in den Norden, Richtung Türkei.

Der SPIEGEL begleitet die Familie Hajj Abdo seitdem und steht regelmäßig mit ihr in Kontakt. Wie ist es der Familie in den vergangenen Wochen ergangen? Die Aufzeichnungen haben wir als Tagebuch veröffentlicht, sie sind aus den Telefonaten, Videos und WhatsApp-Nachrichten entstanden, die ein Vermittler vor Ort übersetzte.

Freitag, 17. April 2020:

"Meine Schwester ist gestorben, mit 56 Jahren. Sie war immer so voller Leben, sie hat viel gekocht, sie hatte fast immer Gäste. Aber die vergangenen Monate hat sie sehr gelitten. Ihre Söhne sind mit ihren Familien in eine andere Region geflüchtet. Ich glaube, sie starb an einem einsamen Herzen. Nach ihrem Herzinfarkt wurde sie noch über die Grenze in ein türkisches Krankenhaus gebracht. Dort starb sie dann. Beerdigt wurde sie in ihrem Heimatdorf Tarmanin bei Aleppo. Ich konnte nicht kommen, es wäre zu riskant gewesen: Denn Kämpfer der Nusra-Front haben die Straße dorthin gesperrt. Sie hätten mich auf dem Rückweg vielleicht nicht mehr zu meiner Familie durchgelassen."

Dienstag, 21. April 2020:

"Ich arbeite wieder! Zwar habe ich noch immer keine neue Stelle als Lehrer. Wegen des Coronavirus wurden ja auch die Schulen in den Camps geschlossen. Dafür unterrichte ich jetzt digital: Jeden Tag zeichne ich Arabisch-Unterrichtsstunden per Video auf. Den Clip schicke ich an eine WhatsApp-Gruppe, die ich mit meinen ehemaligen Schülern teile. Zuerst nehme ich die Videos für die dritten und vierten Klassen Grundschule auf, danach für die siebte und achte Klasse. Jeder Clip dauert 25 Minuten.

Ein Bekannter hat mir eine alte Kamera geschenkt. Funktioniert. Seit Kurzem lade ich die Videos auch bei YouTube hoch. Es würde mich glücklich machen, wenn syrische Kinder, die nun überall auf der Welt verstreut leben, mit meinen Videos ihre Muttersprache üben könnten. Ein Verwandter von mir lebt mittlerweile in Kanada. Seine Kinder gucken sich die Videos jeden Tag an. Ich bekomme sehr viel Feedback, wie ich die Videos verbessern kann.

DER SPIEGEL

Ich fühle mich wieder wie ein Mensch. Ein Mensch braucht Arbeit, eine Aufgabe. Endlich kann ich wieder das tun, was mir wichtig ist: Kindern etwas beibringen."

Freitag, 24. April 2020

"Ramadan hat begonnen. Ich habe den Fastenmonat noch nie außerhalb meines Heimatdorfes begangen. Habe noch nie allein das Fasten gebrochen. Und vor allem: noch nie in einem Zelt. Immer war mein Bruder, seine Familie oder meine Mutter dabei. Wir können der Tradition in diesem Jahr nicht so nachkommen, wie wir alle uns das wünschen. Damit wir aber zumindest das Gefühl haben, dass wir die Speisen teilen, schicken wir uns gegenseitig Essen. Ich hoffe, im nächsten Jahr können wir wieder zusammen sein. Zu Hause in Teqad."

Eine syrische Familie Anfang Mai beim Fastenbrechen, inmitten der Trümmern ihrer Stadt Ariha

Eine syrische Familie Anfang Mai beim Fastenbrechen, inmitten der Trümmern ihrer Stadt Ariha

Foto:

AAREF WATAD/ AFP

Samstag, 2. Mai 2020

"Die Temperaturen sind jetzt angenehm im Camp. Wir leben noch immer in dem Zelt in der Lagerhalle bei Azaz. Nachts können wir endlich die Fester öffnen, denn die Nächte sind nicht mehr kalt.

Doch mit dem Sommer kommt ein neues Problem: die Mäuse. Sie vermehren sich schnell. Ich habe Angst, dass sie Krankheiten auf meine Kinder übertragen könnten. Es gibt Kinder, die von Mäusen oder Ratten gebissen wurden. Das ist gefährlich. Wir legen Fallen, streuen Gift. Doch das Gift birgt die Gefahr, dass Kinder hinein fassen, es in den Mund nehmen. Alles hier ist eine Notlösung, das macht mich so müde. Ich will wieder Geld verdienen. Es wird Zeit, dass meine Familie wieder in echten Zimmern schläft, mit festen Wänden und Böden."

Montag, 4. Mai 2020

"Die Preise für Lebensmittel haben sich verdoppelt. Das liegt an Ramadan. Vor allem aber liegt es an Corona. Normalerweise importiert die Region Gemüse, Getreide, Fleisch aus der Türkei. Dort haben die Lebensmittel eine bessere Qualität und sie sind günstig. Doch durch die Corona-Maßnahmen sind die Grenzen zur Türkei auch für den Warenverkehr fast komplett geschlossen, das treibt die Preise für Essen in die Höhe.

DER SPIEGEL

Es gibt hier im Norden wenige landwirtschaftliche Flächen und kein gutes System, um die Felder zu bewässern. Aus den vom Assad-Regime kontrollierten Gebieten wollen wir kein Essen kaufen, außerdem sind die Grenzen dorthin dicht.

Für ein Kilo Tomaten zahlen wir nun umgerechnet 1,50 Euro, für ein Kilo Gurken 2,20 Euro, ein Kilo Fleisch kostet 25 Euro. Als Maßstab: Als Lehrer verdiente ich in Syrien ungefähr 100 Euro im Monat. Einmal in der Woche kaufe ich ein Kilo Huhn für die Familie."

Mittwoch, 6. Mai 2020

"Viele fragen mich: Wie bereitet ihr euch auf Corona vor? Ich antworte immer dasselbe: gar nicht. Wie sollen wir hier hygienische Verhältnisse schaffen, bei Tausenden Flüchtlingen auf engem Raum? Wir können uns nicht mit Essen bevorraten, das können wir uns nicht leisten. Und wie sollten wir es kühlen?

Die Menschen hier, in den Camps, haben andere Probleme als das Virus. Wir müssen jeden Morgen zusehen, dass wir unseren Wassertank gefüllt kriegen. Dass wir die zwei Stunden am Tag, an denen es Strom gibt, nutzen. Zum Waschen oder um Handys zu laden.

Wenigstens hält die Waffenruhe recht stabil. Wenigstens müssen wir uns im Moment nicht vor den Bomben fürchten."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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