Tagebuch aus Nordsyrien "Ich nenne es Glück"

Hunderttausende Syrerinnen und Syrer leben in den Flüchtlingscamps im Norden des Landes. Es sind Monate voller Entbehrungen und Angst. Doch manchmal passiert auch Gutes. Familie Hajj Abdo berichtet.
Aufgezeichnet von Maria Stöhr
Vertriebene Syrerinnen nähen Corona-Schutzmasken in einem Camp in Maarat Misrin in der Region Idlib

Vertriebene Syrerinnen nähen Corona-Schutzmasken in einem Camp in Maarat Misrin in der Region Idlib

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AAREF WATAD / AFP

Globale Gesellschaft

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Omer Hajj Abdo findet, dass er jetzt mal Glück hat. "Gerade ist viel im Wandel", sagt er. Er weiß, dass Glück ein großes Wort ist und Wandel sowieso, aber er sagt, dass diese beiden Wörter im Moment doch ganz gut zu seinem Leben passen, das in den vergangenen Monaten vor allem aus Warten bestand und Aushalten.

Omer Hajj Abdo, 43 Jahre, ist ein Arabischlehrer aus Teqad bei Aleppo. Mit seiner Frau und den sechs Kindern floh er im Winter aus seinem Dorf. Assad-Truppen hatten sie, wie Hunderttausende andere, aus ihrer Heimat gebombt. Die Familie kam in Nordsyrien unter. Dort, in einem Camp, lebt sie nun im Zelt.

Die Familie erlebte als Flüchtlinge den Winter, die Corona-Pandemie, dann die Schließung von Schulen und eine Wirtschaftskrise, die die Lebensmittelpreise in der Region in die Höhe trieb und viele in den Hunger. Durch das eigentliche Zuhause der Familie zieht sich weiter die Frontlinie des syrischen Krieges, ein Zurück gibt es nicht.

Omer und Khadija (links, mit Kopftuch) Hajj Abdo mit vier ihrer sechs Kinder

Omer und Khadija (links, mit Kopftuch) Hajj Abdo mit vier ihrer sechs Kinder

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privat

Der SPIEGEL begleitet die Hajj Abdos seitdem und veröffentlicht die Aufzeichnungen als Tagebücher. Sie entstehen aus Videos, WhatsApp-Anrufen und -Nachrichten, die ein Vermittler vor Ort übersetzt. Omer Hajj Abdo beschreibt, wie das geht: sich in dem Dazwischen einrichten, das die Flucht mit sich bringt.

Dienstag, 4. August 2020:

"Gestern war mein erster Arbeitstag bei einer syrischen NGO. Von 9 bis 15.30 Uhr betreue ich Kinder hier im Camp, die körperliche oder psychische Traumata auf der Flucht erlitten haben. Meine Lehrerausbildung hilft mir bei der Arbeit sehr. Der Vertrag ist erst mal befristet bis zum Ende des Jahres. Ich verdiene 300 Euro im Monat. Das nimmt den Druck von unserer Familie, wir können nun wieder abwechslungsreicher kochen und essen, auch mal ein Stück Fleisch, nicht nur immer Brot und Brot. Ich nenne es Glück."

Montag, 10. August 2020:

"Es ist heiß hier im Camp, 39 bis 40 Grad. Es gibt keine Klimaanlage oder so etwas. Im Zelt ist es mindestens so heiß wie draußen. Wenn Wind geht, wird es kühler, jedoch transportiert er viel Staub. Alles ist dann mit einer dicken Schicht bedeckt, wir müssen oft putzen. Außerdem verbrauchen wir mehr Wasser als sonst. In der Regel fülle ich einmal alle fünf Tage unseren Wassertank auf. Im Moment reicht das Volumen aber nur für zwei bis drei Tage. Kalt duschen ist die einzige Möglichkeit für die Kinder, sich abzukühlen. Also duschen wir sie öfter. Und wir müssen auch mehr trinken."

Wir fragen Omer, ob wir auch mit seiner Frau sprechen können. Um zu hören, wie es ihr geht. Wie sie auf die Lage vor Ort blickt. Zuerst zögert Khadija Hajj Abdo, dann nimmt sie das Telefon doch in die Hand. "Hallo, hier ist Khadija, können Sie mich hören?", sagt eine Frauenstimme. Khadija Hajj Abdo ist 36 Jahre alt.

"Als Frau empfinde ich den Krieg so, dass ich von der Stabilität zur absoluten Unsicherheit gedrängt worden bin"

Khadija Hajj Abdo, Mutter von sechs Kindern

"Ich bin seit 16 Jahren mit Omer verheiratet, habe vier Töchter und zwei Söhne zur Welt gebracht. Wir müssen ein gutes Team sein, Omer und ich, sonst ginge es nicht. Omer kümmert sich um die Dinge außerhalb, ich kümmere mich um die Kinder und alles, was mit dem Haushalt zu tun hat.

Ich leide sehr unter der Fluchtsituation. Als Frau empfinde ich den Krieg so, dass ich von der Stabilität zur absoluten Unsicherheit gedrängt worden bin. Ich bin verantwortlich dafür, dass wir ein sauberes Zuhause haben, dass es etwas zu essen gibt, dass die Kinder gesund aufwachsen. Aber das kann ich in dem Flüchtlingslager nur schwer erfüllen."

Donnerstag, 27. August 2020:

"Als unser Haus in Aleppo zerbombt wurde - ich war so stolz auf unser Haus - und wir dann erst in die alte Schule und dann in dieses Zelt zogen, da war ich am Anfang wie gelähmt. Wie soll ich meine Kinder hier aufziehen, dachte ich. Aber es funktioniert ja irgendwie. Ich habe neue Freundinnen gefunden. Ein paar Frauen aus der Nachbarschaft und ich, wir helfen uns. Ohne sie wäre ich zusammengebrochen, gerade am Anfang."

Mitten im Gepräch mit Khadija Hajj Abdo bricht der WhatsApp-Anruf ab. Die Internetverbindung in dem Camp ist instabil. Es dauert ein paar Minuten, dann ruft Khadija zurück. Sie sei mit dem Handy ein paar Hundert Meter weitergegangen, zu einer Stelle, wo man recht guten Empfang über das türkische Netz habe.

"Es gibt ein paar registrierte Corona-Fälle in Nordsyrien, im Camp gibt es angeblich keine. Aber ich traue diesen Statements nicht. Das Gesundheitssystem in Syrien ist schlecht, wir haben nur wenige Tests. Die meisten Fälle bleiben mit Sicherheit unerkannt. Wegen der Pandemie sind die Schulen im Camp weiter geschlossen. Ich hoffe sehr, dass unsere Kinder bald wieder etwas lernen können, sie lernen gern. Und wenn es schon sonst überall Mangel gibt, dann sollen meine Kinder wenigstens lernen dürfen. Ich will, dass sie rausgehen können und ihre Talente zeigen. Dass meine Kinder einmal frei sind. Das soll gerade auch für meine Töchter gelten."

Montag, 31. August 2020:

"Früher habe ich oft für mehrere Tage vorgekocht. Das geht jetzt nicht mehr. Wir haben keinen Kühlschrank. Das bedeutet für mich viel mehr Arbeit als vorher. Die Frauen sind in dieser Situation der Flucht besonders belastet. Ich muss jeden Tag frisch kochen, habe keine Pausen. Auch Reste können wir nicht aufbewahren. Was wir an einem Tag nicht aufessen können, verdirbt, gerade bei der Hitze. Unterm Strich müssen wir deshalb, obwohl wir weniger haben als früher, trotzdem öfter etwas wegwerfen. Das ist absurd."

Donnerstag, 3. September 2020:

"Ich habe gehört, dass unser Haus bei Aleppo von türkischen Soldaten besetzt ist, sie kämpfen von unserem Dorf aus gegen die Assad-Leute, deren Stellung ungefähr sieben Kilometer entfernt liegt. Ich habe mich darauf eingestellt, dass wir noch lange hier im Camp bleiben müssen. Eine Rückkehr erscheint unmöglich, unser Dorf ist eine Frontlinie des Krieges. Und ich konnte damals fast nichts aus unserem Haus mitnehmen."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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