Tagebuch aus Idlib "Syrien verdient mehr als das, was die Welt bisher für uns getan hat"

Seit Wochen spielt sich in Idlib das grausame Ende des syrischen Krieges ab. Hunderttausende Vertriebene suchen Schutz vor Assads Luftangriffen. Ein sechsfacher Vater berichtet, was er auf der Flucht erlebt hat.
Aufgezeichnet von Maria Stöhr
Das Wichtigste auf Lkws geladen, flüchten Hunderttausende Syrer Richtung Norden

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Ugur Can/ dpa

Globale Gesellschaft

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Omer Abdulhamid Hajj Abdo, 42, ist ein Arabischlehrer aus Teqad, einem Dorf nördlich von Aleppo. Als der SPIEGEL im Februar mit ihm Kontakt aufnimmt, stehen syrische Truppen kurz davor, sein Dorf einzunehmen.

In Idlib geschieht der Exodus. Die Menschen fliehen zu Hunderttausenden aus der Provinz, verlassen ihre Häuser und Dörfer. Kinder erfrieren auf der Flucht bei eisigen Temperaturen, es fehlt am Nötigsten: Medizin, Essen, Kleidung.

Syriens Machthaber Baschar al-Assad und seine Verbündeten haben die Menschen in den vergangenen Wochen vor sich hergetrieben, eingekesselt. Sie machen die Bewohner Idlibs zu Vertriebenen, die um ihr Leben fürchten. Und deren Weg spätestens an der Grenze zur Türkei endet: Sie ist geschlossen.

In vielen Camps fehlt es am Allernötigsten: Wie hier bei Ma'arrat Misrin, wo eine Frau die Haare ihres Kindes wäscht

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Foto: Anas Alkharboutli/ dpa

Lesen Sie hier das Tagebuch von Omer Abdulhamid Hajj Abdo, mit dem der SPIEGEL in den vergangenen Wochen fast täglich in Kontakt stand. Die Aufzeichnungen sind aus den Telefonaten, Videos und WhatsApp-Nachrichten entstanden, die ein Vermittler vor Ort übersetzte.

Sonntag, 9. Februar 2020:

"Assad ist ganz nah. Mein Dorf mit seinen 270 Häusern ist zur Front seines Krieges geworden. Gestern kamen die Truppen in unser Nachbardorf, heute dann sind 18 Bomben auf uns niedergegangen. In den Hügeln nahe unserem Dorf gibt es ein paar Höhlen. Dort haben meine Frau und die Kinder in den letzten Nächten geschlafen, dort waren sie sicher vor den Raketen. Denn sie fallen vor allem nachts und am frühen Morgen.

"200 Meter von uns entfernt schlug die Rakete ein. Wir haben überlebt."

Omer Abdulhamid Hajj Abdo, Vertriebener aus Idlib

Wir haben die Höhle mit Decken und Kerzen ausgestattet. Sieben Familien rotten sich dort zusammen. Wir Männer bleiben in unseren Häusern, für uns ist dort kein Platz.

Immer wenn tagsüber das Grollen einer Rakete zu hören ist, rennen meine Kinder in die Höhle. Ich habe sechs Kinder, die Älteste ist 14, der Jüngste eineinhalb Jahre alt."

Dienstag, 11. Februar 2020:

"Wir haben unser Haus, unser Dorf, wir haben alles hinter uns gelassen. Ich wollte niemals gehen, aber jetzt sind wir doch auf der Flucht. Ich wusste nicht, was ich noch tun soll. Jeden Tag wurde unser Dorf stärker beschossen. Ich habe Angst um meine Kinder. Vorübergehend sind wir im Klassenzimmer einer Schule in Tarmanin untergekommen. Zehn Familien teilen sich hier den Raum. Es gibt keine Heizung. Alle sind krank."

Montag, 17. Februar 2020:

"Wir konnten nicht in Tarmanin bleiben. Also habe ich mit meinem Vater und der Familie meines Schwagers für 100 Dollar einen Lkw gemietet. Unser Ziel: Azaz.

Unterwegs gerieten wir unter Beschuss, 200 Meter von uns entfernt schlug die Rakete ein. Wir haben überlebt.

In der Nähe von Afrin hatten wir einen Unfall. Die Straßen sind dort abschüssig, wir krachten in ein anderes Fahrzeug. Der Wagen ist stark beschädigt worden, aber Gott sei Dank ist niemandem etwas passiert.

Die Menschen gehen, zurück bleiben Geisterstädte: So auch im Süden der Provinz Idlib, im Dorf Balyun

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Foto: OMAR HAJ KADOUR/ AFP

Irgendwann erreichten wir dann Azaz. Hier ist alles voller Flüchtlinge, Menschen sind auf der Suche nach einer Bleibe. Wie wir. Doch im gesamten Camp konnte ich kein Zelt auftreiben. Nirgends. Einer der Helfer hat uns etwas zu essen gegeben. Wir waren so hungrig, wir hatten nichts mehr gegessen, seit wir am Morgen aufgebrochen waren.

Wo kommen wir nur unter, das war das Einzige, woran ich denken konnte. Es ist kalt, nachts fallen die Temperaturen unter null Grad, es ist lebensgefährlich, draußen zu schlafen. Panik überall.

Einer der Helfer hat uns eben in sein Haus aufgenommen. Für drei Tage. Das ist so üblich in der arabischen Gastfreundschaft: Drei Tage bist du Gast, danach musst du wieder gehen."

Mittwoch, 19. Februar 2020:

"Ich habe Angst. Heute ist unsere letzte Nacht im Haus der Volunteers. Wo werden wir morgen schlafen? Auf der nackten Erde?"

Danach haben wir ein paar Tage nichts von Abdo gehört. Dann schickt er ein selbst gefilmtes Video über WhatsApp. Man sieht Betonboden, darauf Decken, Eimer, Kochtöpfe, Kinderschuhe. In einem der Räume wurde ein Zelt aufgebaut, drinnen spielt ein Mädchen in einem pinkfarbenen Pulli.

DER SPIEGEL

Dienstag, 25. Februar 2020:

"Wir sind in der Lagerhalle einer ehemaligen Hühnerzucht untergekommen. Es ist so kalt in der Halle, dass die Menschen, die hier Schutz finden, drinnen zusätzlich Zelte aufstellen, um ihre Kinder warmzuhalten. Es gibt keine Zelte mehr, und wenn doch, dann kosten sie 200 Dollar. Wer soll das bezahlen? Diese Männer haben einen Monatslohn von 120 Dollar.

Die Luft in der Lagerhalle ist stickig und klamm. Es riecht nach dem Kot der Hühner, die bis vor Kurzem hier gehalten wurden. Zwar haben einige Männer versucht, den Boden der Halle mit Wasser aus einem großen Tank zu reinigen, aber der Geruch lässt sich nicht wegspülen.

"Ohne Bildung gibt es keine Zukunft für unsere Kinder. Sie tragen dann irgendwann Waffen, so wie die Kämpfer, die nun auf uns schießen."

Ich bin heute 15 Camps rund um Azaz abgelaufen und habe gefragt, ob jemand noch ein Zelt, einen Platz teilen kann mit meiner Familie. Aber nichts. Wir haben nicht das Geld, um in die Türkei zu fliehen. Ich wäre mit jeder Lösung zufrieden, die diesen Krieg beendet. Wir wollen nach Hause."

Mittwoch, 26. Februar 2020:

"Ein Helfer gab uns heute zwei Zelte. Ich fragte ihn, was ich bezahlen soll, aber er sagte nur: 'Geh! Geh! Stell das Zelt auf, hilf deinen Kindern.' Das habe ich getan. Wir hatten großes Glück."

Donnerstag, 27. Februar 2020:

"Gestern habe ich meinen Kindern auf der lokalen Behörde neue Pässe ausstellen lassen. Die alten haben wir in der Hast zu Hause vergessen. Sie können jetzt offiziell wieder zur Schule gehen. Es gibt ein paar provisorische Schulen hier. Unterrichtet wird in vier Schichten pro Tag, jede Schicht dauert drei Stunden. In jedem Kurs sitzen bis zu 60 Kinder.

Die Qualität des Unterrichts ist dementsprechend schlecht - aber besser als nichts. Meine Tochter Fatima war zu Hause in Teqad immer die Klassenbeste. Heute sagte sie mir, sie mache sich Sorgen, dass sie hier im Camp nicht mehr die Beste ist, weil sie so viel Unterricht verpasst hat. Sie lernt viel, denn sie möchte Kinderärztin werden.

Ich würde gern wieder als Lehrer arbeiten, den Kindern etwas beibringen. Selbst, wenn ich kein Geld dafür bekäme. Ohne Bildung gibt es keine Zukunft für unsere Kinder. Sie landen dann auf der Straße, oder sie tragen irgendwann Waffen, so wie die Kämpfer, die nun auf uns schießen."

Am Tag unseres Gesprächs mit Omer Abdulhamid Hajj Abdo, am vergangenen Donnerstag, gibt es eine neue Wendung im Syrienkrieg: Mindestens 33 türkische Soldaten kommen bei einem syrisch-russischen Luftangriff ums Leben. Am Wochenende dann schlägt Erdogan zurück. Türkische Kampfdrohnen treffen Assads Panzer und Stellungen in Idlib.

Erdogan ruft nach Unterstützung durch die Nato und die EU, als Druckmittel öffnet er für Tausende Flüchtlinge die Grenze zur EU. Auf den griechischen Inseln wütet ein Mob gegen die Ankommenden, der griechische Premier setzt das Asylrecht aus. Wir können Abdo erst am Montag wieder erreichen. Er und seine Familie sind noch immer in der Lagerhalle in Azaz.

"Beschützt uns Syrer in Idlib!"

Montag, 2. März 2020:

"Ein Rohr im Gebäude ist gebrochen. Das Abwasser ist in die Halle geflossen, wo die Geflüchteten ihr Lager haben. Der Geruch ist unerträglich, er zieht die Ratten an. Wir waren Tage damit beschäftigt, den Boden zu reinigen und das Leck zu stopfen, vergeblich. Wir können die Toiletten nicht mehr nutzen.

Dann hörte ich die Nachricht, dass Erdogan Stellungen von Assad angegriffen hat. Drohnen sollen viele Geschütze und Panzer von Assad zerstört haben. Das ist die beste Nachricht seit Wochen. Acht Jahre dauert dieser Krieg jetzt schon. Es kommt mir so vor, als sei die Türkei das einzige Land, das uns hilft.

Fotostrecke

Flucht aus Idlib in Bildern: Wie Hunderttausende Syrer ums Überleben kämpfen

Foto: Burak Kara/ Getty Images

Wenn bisher eine Drohne über uns flog, mussten wir mit Angriffen auf unsere Krankenhäuser, Wohnungen und Schulen rechnen. Zum ersten Mal bedeutete eine Drohne Hilfe.

Ich habe auch gehört, dass die Grenze zur EU offen sein soll. Mein Neffe versucht deshalb, mit seinen Kindern von der Türkei auf eine griechische Insel zu kommen. Ich glaube, nach Lesbos. Sie bestiegen ein Boot, seine Frau hat mir ein Video geschickt. Dann gingen sie offline, ich habe nichts mehr von ihnen gehört.

Die EU muss Erdogan jetzt unterstützen. Stoppt Assad. Das Morden muss aufhören. Beschützt uns Syrer in Idlib! Syrien verdient mehr als das, was die Welt bisher für uns getan hat."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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