Afghanistan Spekulationen über tödlichen Machtkampf in Taliban-Regierung

Seit Tagen ist der Vizepremier der neuen Führung in Afghanistan nicht mehr öffentlich aufgetreten – sogar eine Ermordung scheint möglich. Die BBC berichtet von einer Schlägerei im Präsidentenpalast.
Mullah Abdul Ghani Baradar (Mitte, im März 2021 in Moskau)

Mullah Abdul Ghani Baradar (Mitte, im März 2021 in Moskau)

Foto: Anadolu Agency / Anadolu Agency via Getty Images

Blitzartig hatten die Taliban im vergangenen Monat die Macht in Afghanistan übernommen und eine neue Regierung gebildet. Dabei bemühen sich die radikalen Islamisten nach außen um den Eindruck der Geschlossenheit. Doch zuletzt gab es wiederholt Spekulationen über einen möglichen Machtkampf innerhalb der Regierung.

Im Zentrum: der stellvertretende Ministerpräsident Mullah Abdul Ghani Baradar. Seit vergangener Woche ist dieser nicht mehr öffentlich aufgetreten. In Kabul gab es Gerüchte, dass es zu Zusammenstößen zwischen Anhängern Baradars mit denen von Innenminister Sirajuddin Haqqani gekommen sein soll.

Die britische BBC berichtet  unter Berufung auf Quellen in den Reihen der Taliban, dass es in der vergangenen Woche zu einer handfesten Auseinandersetzung der beiden Lager gekommen sein soll. Demnach lieferte sich Baradar ein hitziges Wortgefecht mit Khalil ur-Rahman Haqqani, Onkel des Innenministers und ebenfalls im neuen Kabinett.

Zentrum des Disputs war demnach die zukünftige Ausrichtung und Zusammensetzung der Regierung. Baradar steht dabei für den vergleichsweise diplomatischen Kurs mit dem Westen. Die Haqqanis – und ihr gleichnamiges Netzwerk, das von den USA als Terrorgruppe eingestuft wird  – setzen auf militärische Mittel.

Während es laut BBC zwischen den beiden Regierungsmitgliedern bei harten Worten blieb, sollen sich die jeweiligen Anhänger in unmittelbarer Nähe körperliche Auseinandersetzungen geliefert haben. Nach dem Vorfall im Präsidentenpalast soll Baradar nach Angaben der BBC nach Kandahar gereist sein – oder geflohen, je nach Sichtweise.

Sprecher dementiert Gerüchte über Schießerei

In Kabul wies ein Sprecher der Islamisten zuletzt Berichte über eine angebliche Ermordung Baradars zurück. Dieser habe in eine Sprachbotschaft Behauptungen widersprochen, er sei bei einer Schießerei mit Rivalen getötet worden, twitterte Taliban-Sprecher Suhail Shaheen. Zudem veröffentlichten die Taliban ein Video, das Baradar bei einem Treffen in Kandahar zeigen soll. Die Authentizität des Videos ließ sich zunächst nicht überprüfen.

Baradar ist seit vergangener Woche nicht mehr in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten. Dasselbe gilt für den obersten Taliban-Führer Mullah Haibatullah Akhundzada.

Spekulationen über den Verbleib der Männer werden befeuert durch den Umgang mit dem Tod von Taliban-Mitbegründer Mullah Omar, Staatsoberhaupt während der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001. Omars Tod wurde erst 2015 offiziell bestätigt, zwei Jahre nach seinem Ableben. Dies hatte damals heftige gegenseitige Anschuldigungen in der Taliban-Spitze ausgelöst.

Warnung vor humanitärer Krise

Die Taliban hatten nach dem Rückzug der US-Armee die Herrschaft in Afghanistan an sich gerissen. Dort droht nun eine humanitäre Krise. Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) warnte zuletzt vor einer weiteren Verschlechterung der Versorgungslage für Millionen Menschen am Hindukusch. »Wir müssen jetzt versuchen, auf allen Wegen Hilfe zu senden«, sagte Müller der »Rheinischen Post«. Er forderte zudem einen Uno-Nothilfefonds von zehn Milliarden Euro.

Ein wichtiger Versorgungsweg für Afghanistan ist derweil wieder offen. In Kabul ist der internationale kommerzielle Flugverkehr wieder aufgenommen worden. Eine Maschine der pakistanischen Fluggesellschaft PIA sei mit etwa zehn Passagieren in der afghanischen Hauptstadt gelandet, berichtete ein AFP-Journalist an Bord am Montag. Das Flugzeug war in Islamabad gestartet.

jok
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