Taliban-Vormarsch in Afghanistan Tadschikistan mobilisiert 20.000 Reservisten für Grenzschutz

Mehr als tausend afghanische Soldaten sind vor den Taliban ins benachbarte Tadschikistan geflohen. Dort will der Präsident nun den Grenzschutz verstärken – und kann offenbar auf Wladimir Putins Hilfe setzen.
Soldaten in der afghanischen Provinz Badachschan: Sie wurde am Wochenende fast vollständig von den Taliban erobert

Soldaten in der afghanischen Provinz Badachschan: Sie wurde am Wochenende fast vollständig von den Taliban erobert

Foto: Nazim Qasmy / dpa

Tadschikistan hat mit der afghanischen Provinz Badachschan eine mehr als 900 Kilometer lange Grenze. In der Nacht zu Montag flohen 1037 Soldaten aus Afghanistan über diese Grenze ins Nachbarland – nach heftigen Kämpfen mit den radikalislamischen Taliban und »um ihr Leben zu retten«, wie es vom tadschikischen Komitee für nationale Sicherheit hieß. »Unter Berücksichtigung des Prinzips guter Nachbarschaft« sei den Soldaten der Grenzübertritt gestattet worden.

Nun hat der tadschikische Präsident Emomali Rachmon die Mobilisierung von 20.000 Reservisten angeordnet: Sie sollten für einen stärkeren Schutz der Grenze zwischen Tadschikistan und Afghanistan sorgen, teilte die Präsidentschaft am Montagabend mit.

Rachmon besprach die Lage zudem mit Verbündeten in der Region, darunter mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Dieser sicherte Rachmon nach Angaben des Kreml Unterstützung bei der Grenzsicherung zu, wenn dies nötig sein sollte. Russlands größte Auslandsmilitärbasis liegt in Tadschikistan. Dort sind unter anderem Panzer und Hubschrauber stationiert.

Der tadschikische Präsident Emomali Rachmon (2010 in Kabul)

Der tadschikische Präsident Emomali Rachmon (2010 in Kabul)

Foto: Majid Saeedi/ Getty Images

Tadschikistan prüft außerdem die Einrichtung von Lagern für potenzielle Flüchtlinge aus Afghanistan. Die Taliban sind dort auf dem Vormarsch und haben bereits mehrere Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht.

Nachdem die afghanischen Soldaten über die Grenze geflohen waren, hatte der nationale Sicherheitsberater der afghanischen Regierung, Hamdullah Mohib, eine Gegenoffensive angekündigt.

Russland schließt vorerst Konsulat in Masar-i-Scharif

Wegen der sich verschlechternden Sicherheitslage schloss Russland sein Konsulat im nordafghanischen Masar-i-Scharif. Der russische Afghanistan-Gesandte Samir Kabulow sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, die Situation verändere sich »schnell«. »Die afghanischen Truppen haben zu viele Bezirke aufgegeben. Dies sorgt natürlich für Nervosität«, sagte er. Viele Konsulate in Masar-i-Scharif hätten »vorübergehend ihre Aktivitäten ausgesetzt, bis die Lage klar ist«. Aus Masar-i-Scharif waren erst Ende Juni die letzten Bundeswehrsoldaten nach Deutschland zurückgekehrt.

Ein Sprecher der russischen Botschaft in Kabul sagte, Moskau plane nicht mit einer Räumung der diplomatischen Vertretung. »Die Botschaft ist gut verteidigt«, sagte Nikita Ischtschenko der Nachrichtenagentur Ria Nowosti.

Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan haben die Taliban ihren Vormarsch verstärkt. Am Wochenende erzielten sie vor allem im Norden und Nordosten des Landes bedeutende Gebietsgewinne. Die Provinzen Badachschan und Tachar wurden fast vollständig von den Radikalislamisten erobert; nur noch in den Provinzhauptstädten liegt die Kontrolle bei den afghanischen Streitkräften. Berichten zufolge gelang den Taliban zudem die Einnahme von strategisch wichtigen Bezirken außerhalb der südafghanischen Großstadt Kandahar sowie in der Provinz Helmand – beides traditionell Taliban-Hochburgen.

Die Einnahme weiter Teile von Badachschan und Tachar bedeutet für die afghanischen Streitkräfte eine dramatische Niederlage von hoher symbolischer Bedeutung. Beide Provinzen galten während des blutigen Bürgerkriegs in den Neunzigerjahren als zentrale Bollwerke der gegen die Taliban agierenden Nordallianz.

Taliban-Sprecher stellt schriftlichen Friedensplan in Aussicht

Trotz ihres Vormarsches in Afghanistan stellen die Taliban Fortschritte bei den Friedensbemühungen in Aussicht. »Die Friedensgespräche und der Prozess werden in den kommenden Tagen beschleunigt, und es wird damit gerechnet, dass sie in eine wichtige Phase eintreten. Natürlich wird es um Friedenspläne gehen«, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid der Nachrichtenagentur Reuters. »Womöglich dauert es einen Monat, um die Stufe zu erreichen, in der beide Seiten ihren schriftlichen Friedensplan teilen.« Die jüngste Runde der Gespräche befinde sich an einem kritischen Punkt. »Obwohl wir (die Taliban) auf dem Schlachtfeld die Oberhand haben, nehmen wir Gespräche und Dialoge sehr ernst.«

Die Sprecherin des afghanischen Ministeriums für Friedensangelegenheiten, Nadschia Anwari, bestätigte, dass die zuletzt auf Eis gelegenen Gespräche wieder aufgenommen worden seien. Es sei allerdings schwer vorstellbar, dass die Taliban in einem Monat eine schriftliche Fassung ihres Friedensplans vorlegen würden. »Aber lassen Sie uns positiv sein. Wir hoffen, dass sie sie präsentieren, damit wir verstehen, was sie wollen.«

aar/AFP/Reuters
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