Corona in Tansania Das Volk hofft auf »Mama Samia«

Ihr Vorgänger leugnete Corona und starb wohl daran. Nun übernimmt in Tansania die derzeit einzige Regierungschefin Afrikas: Samia Suluhu Hassan. Sie vollzieht eine dramatische politische Kehrtwende.
Von Bartholomäus Grill, Kapstadt
Will Tansania demokratisch führen: Samia Suluhu Hassan, die neue Präsidentin

Will Tansania demokratisch führen: Samia Suluhu Hassan, die neue Präsidentin

Foto: AP

In manchen Berichten wird sie Suluhu genannt, oft auch nur Samia. Oder liebevoll »Mama Samia«. Ihr vollständiger Name ist Samia Suluhu Hassan. Man wird sich den Namen dieser Frau merken müssen, denn sie ist aktuell die einzige Regierungschefin Afrikas – und die erste Muslimin, die in Tansania dieses Amt bekleidet.

Bis zum 19. März, dem Tag ihrer Vereidigung, war die unauffällige Vizepräsidentin Hassan vielen ihrer tansanischen Landsleute kaum bekannt. Unterdessen wird sie in allen Medien des Landes wie eine Heilsbringerin gefeiert. Denn die neue Präsidentin hat einen atemberaubenden Start hingelegt und gleich in den ersten Amtstagen die Verirrungen ihres verstorbenen Vorgängers John Magufuli korrigiert.

In Windeseile erließ Samia Suluhu Hassan sage und schreibe 29 Anordnungen:

  • Sie reichen von der Eintreibung ausstehender Steuerzahlungen

  • über die sofortige Besetzung von 6000 offenen Stellen für Lehrerinnen und Lehrer

  • bis zum verschärften Kampf gegen die Korruption und die Lockerung der Pressezensur.

  • Schwangere Mädchen, die von den Schulen verbannt wurden, dürfen unverzüglich in den Unterricht zurückkehren.

Hassan baute das Kabinett um und feuerte unfähige Spitzenbeamte, unter anderem die Leiter des Sozialversicherungsfonds und der Steuerbehörde. Den Generaldirektor der Hafenverwaltung, der umgerechnet rund 1,3 Millionen Euro unterschlagen haben soll, ließ sie verhaften.

Radikale Kehrtwende in der Coronapolitik

Das größte Aufsehen erregte indes die radikale Kehrtwende in der Coronapolitik. Ihr Vorgänger Magufuli, ein gelernter Chemiker, hatte die Pandemie in seinem Land geleugnet und die Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgekündigt. Er lehnte Schutzmasken, Distanzregeln und Impfstoffe ab, stattdessen empfahl er Gebete und Heilkräuter.

Verstorbener Magufuli: Der engstirnige Alleinherrscher war vor allem unter den Armen sehr beliebt

Verstorbener Magufuli: Der engstirnige Alleinherrscher war vor allem unter den Armen sehr beliebt

Foto: Khalfan Said / AP

Der autokratisch regierende Präsident hatte das ostafrikanische Land in die Isolation getrieben, gleichzeitig wurde es zu einem beliebten Urlaubsziel für Coronaleugner. Und nebenbei entstand auch noch eine neue, stark mutierte Variante des Virus.

John Magufuli verschied am 17. März nach einer kurzen schweren Krankheit, es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass er an Covid-19 gestorben sei.

Eine derartige Entschlossenheit hat man bei Machtwechseln in Afrika selten erlebt

Und dann übernimmt erstmals eine Frau das Ruder – und wirft es sofort herum. Eine derartige Entschlossenheit hat man bei Machtwechseln in Afrika selten erlebt. Niemand hatte Samia Suluhu Hassan das zugetraut; sie galt bis dahin als eher stille, zurückhaltende Politikerin. Dass die 61-Jährige als Nummer zwei automatisch an die Spitze des Staates aufrückt, ist zwar von der Verfassung vorgesehen. Dennoch sahen Parteikader aus dem Magufuli-Lager ihre Berufung zunächst nur als Übergangslösung; sie sollen hinter den Kulissen über alternative Kandidaten nachgedacht haben.

Es war allerhöchste Zeit, dass die Pandemie ernst genommen wird. Die tatsächlichen Infektionszahlen sind zwar unbekannt, aber die Folgen sind auch in Tansania verheerend. »Als Kirchenführer bin ich glücklich, dass nun aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse gehandelt wird«, erklärt der angesehene evangelische Bischof Msafiri Mbilu in einem Statement, das dem SPIEGEL vorliegt. Er begrüßte den Amtsantritt der muslimischen Staatschefin ohne Vorbehalte – auch das ein Novum.

Geboren auf Sansibar, gläubige Muslimin, vierfache Mutter – und diplomierte Wirtschaftswissenschaftlerin

Selbst politische Gegner waren von ihrem forschen Antritt beeindruckt. »Respekt für Samia Suluhu Hassan«, twitterte Zitto Kabwe, ein prominenter Oppositionspolitiker. Er hofft vor allem, dass sie die drakonischen Gesetze abschafft, unter denen er selbst litt: Kabwe wurde in der Ära Magufuli nach eigenen Angaben 16-mal verhaftet und monatelang eingesperrt.

Hassan bei Magufulis Beisetzung: Selbst die Opposition zollt ihr Respekt

Hassan bei Magufulis Beisetzung: Selbst die Opposition zollt ihr Respekt

Foto: AP

Wer ist diese Frau, die über Nacht die Verhältnisse auf den Kopf gestellt hat? Über Hassans Privatleben ist wenig bekannt. Geboren im Januar 1960 in Sansibar, gläubige Muslimin, Mutter von vier Kindern. Sie hat in Tansania öffentliche Verwaltung studiert und erlangte an der Universität Manchester ein Diplom in Wirtschaftswissenschaft.

In der Regierungspartei Chama Cha Mapinduzi (CCM) stieg sie von einer Sachbearbeiterin zur Abgeordneten auf, dann zur Ministerin, schließlich zur Vizepräsidentin an der Seite Magufulis. Hassan wird als besonnene Person und gute Zuhörerin beschrieben. Als stellvertretende Vorsitzende einer Kommission zur Reform der Verfassung bewies sie diplomatische Umsicht. Man sagt ihr auch Sinn für Humor nach. Und gelegentlich geht sie als »Mama Samia« ganz eigene Wege – sehr zum Ärger ihrer Parteigenossen. Sie besuchte zum Beispiel den schwer verletzten Oppositionspolitiker Tundu Lissu im Krankenhaus; der Rechtsanwalt und spätere Präsidentschaftskandidat war nach einem Mordanschlag, der mutmaßlich vom staatlichen Geheimdienst orchestriert wurde, nur knapp dem Tod entronnen.

»Jetzt geraten wir unter die Kontrolle einer Frau«

Aber ist Hassan dem höchsten Staatsamt gewachsen? Diese Frage kam trotz ihres fulminanten Starts auf. »Einige Männer meinten gleich: Um Himmels willen, jetzt geraten wir unter die Kontrolle einer Frau«, sagt Nkwabi Ngangasalama, ein bekannter TV-Serienstar. »Aber die Menschen vertrauen ihr.«

Einige Analysten bewerten die Wende skeptisch. Hassan kenne die Netzwerke ihres scheinbar allmächtigen Vorgängers nicht, warnt Ringisai Chikohomero vom südafrikanischen Institute for Security Studies (ISS); auch die Loyalität der Sicherheitskräfte sei keineswegs garantiert. Andere Experten wenden ein, dass Hassan keine Hausmacht in der Staatspartei habe, die seit der Unabhängigkeit anno 1961 ununterbrochen an der Macht ist.

An ihrer Spitze haben wie überall in Afrika die Männer das Sagen, unter ihnen sind viele Christen, die sich vermutlich nur widerwillig mit der Führung durch eine Muslimin abfinden werden. Hinzu kommen die Vorbehalte auf dem tansanischen Festland: Die neue Präsidentin stammt von der kleinen, halbautonomen Insel Sansibar, Nationalisten befürchten, dass künftig der Schwanz mit dem Hund wedelt.

Aber Hassan hat all den Bedenkenträgern und Zweiflern gleich unmissverständlich klargemacht: Ich bin ab jetzt die Chefin! Sie wird ihren strammen Kurs allerdings nur durchsetzen können, wenn sie ihre Partei und die Bevölkerung mitnimmt und dabei behutsam vorgeht. Denn Magufuli war sehr beliebt, vor allem unter den Armen. Dass Millionen Menschen um ihn trauerten, wurde in den Berichten der Auslandspresse kaum erwähnt. Das Volk nannte ihn »Bulldozer«, weil er in der maroden Verwaltung gründlich aufräumte und die Korruption und den Schlendrian im Beamtenapparat bekämpfte. Und weil er internationale Bergbaukonzerne zwang, dem tansanischen Staat einen mindestens 16-prozentigen Anteil zu überschreiben. Sein »Rohstoff-Nationalismus« wurde in ganz Afrika bewundert.

John Magufuli hinterlässt ein wirtschaftlich aufstrebendes Land, die jüngsten Prognosen prophezeien für dieses Jahr ein Wachstum von 5,7 Prozent. Aber der verstorbene Präsident war auch ein engstirniger Alleinherrscher, der keine Kritik, keinen Widerspruch duldete. Er ließ Wahlen manipulieren, regimekritische TV-Sender, Zeitungen und Websites schließen und widerspenstige Journalisten ins Gefängnis werfen.

Das Alte bewahren und das Neue wagen mit Hidschab und Atemschutzmaske

Nun tritt Samia Suluhu Hassan in seine großen Fußstapfen. Landeskenner sagen, sie werde sich nur durch eine kluge Doppelstrategie behaupten können: Sie muss einerseits als »Erbin« Magufulis auftreten und den ökonomischen Erfolgskurs ihres Vorgängers fortsetzen, andererseits durch einen politischen Paradigmenwechsel dessen antidemokratische Gesetze zurücknehmen.

Das Alte bewahren und das Neue wagen: Hassan lässt keinen Zweifel an ihrem Reformwillen aufkommen. Jeden Tag sieht man sie mit erhobenem Zeigefinger auf den Titelseiten der Zeitungen, eine selbstbewusste Muslimin, die rote oder violette Hidschabs trägt – und eine Atemschutzmaske. Bei aller Euphorie ist aber auch Vorsicht angebracht: In Afrika gab es schon häufig vielversprechende Machtwechsel, und so mancher Hoffnungsträger verwandelte sich am Ende in einen üblen Diktator.

Aber erst einmal kann Samia Suluhu Hassan auf einen Vertrauensvorschuss bauen. Sie ist über Nacht zu einem neuen Vorbild für die Frauen und Mädchen in Tansania und auf dem ganzen Kontinent geworden. Sie hat ihr Land aus der internationalen Isolation geführt. Und sie könnte beweisen, dass ein afrikanischer Staat unter weiblicher Führung besser regiert werden kann.