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Richard C. Schneider

Explodierende Preise in Tel Aviv Wie es ist, in der teuersten Stadt der Welt zu leben

Richard C. Schneider
Ein Leidensbericht von Richard C. Schneider
Eine Vier-Zimmer-Wohnung für 1,3 Millionen, ein Mittagessen für 40 Euro – das muss man sich leisten können. Aber wer kann das noch in Israels Mittelmeer-Metropole?
Badende in Tel Aviv: Immerhin, die Sonne und das Meer sind noch umsonst

Badende in Tel Aviv: Immerhin, die Sonne und das Meer sind noch umsonst

Foto: Oded Balilty / AP

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Die Nachricht der vergangenen Woche überraschte eigentlich niemanden, der hier lebt: Tel Aviv ist soeben zur teuersten Stadt der Welt gekürt worden. Noch vor Paris, Singapur, Zürich und Hongkong. Kein Wunder, seit Jahren wird die Mittelmeermetropole für viele ihrer alteingesessenen Bewohner immer unerschwinglicher. Ob Strom, Benzin, Lebensmittel, Kleidung oder Freizeit, alles kostet ein Vielfaches im Vergleich etwa zu Deutschland.

Die Gründe? Im Nahrungsmittelbereich sind sie etwa deutlich erkennbar: Da sind zunächst einige wenige Konzerne, die das Monopol in der Herstellung und Produktion unter sich aufteilen und die Preise bestimmen. Hinzu kommen zwei große Supermarktketten, die mehr als 50 Prozent des Marktes besitzen und somit an den Kosten für den Endverbraucher nach eigenem Gutdünken schrauben. Hinzu kommen hohe Löhne, aber vor allem hohe Zölle für Waren aus dem Ausland.

Bereits im Jahr 2011 entstand in Tel Aviv eine sogenannte »Soziale Revolution«, als eine junge Israelin aus Protest darüber, dass sie keine bezahlbare Wohnung finden konnte, mit einem Zelt mitten auf dem Rothschild-Boulevard campierte. Bald folgten ihr immer mehr Menschen. Der Boulevard, der im Stadtgefüge etwa dem Ku’damm in Berlin oder der Leopoldstraße in München entspricht, war bald von Tausenden Zelten überfüllt. Obwohl es zunächst um die Mietpreise ging, wurde dieser Protest auch bald »Hüttenkäse-Revolution« genannt, da viele in Berlin lebende Israelis Preisvergleiche zwischen der deutschen Hauptstadt und Tel Aviv online stellten und deutlich machten, dass sogar ein billiges Milchprodukt wie der körnige Frischkäse in der Mittelmeerstadt Israels völlig überteuert ist.

Shoppingmall in Tel Aviv: Der Luxussektor weitet sich aus

Shoppingmall in Tel Aviv: Der Luxussektor weitet sich aus

Foto: Oded Balilty / AP

Der damalige Premier Benjamin Netanyahu setzte rasch eine Kommission zur Untersuchung der Lage ein. Was Politiker so machen, wenn sie nicht weiterwissen oder sich nicht wirklich für die Probleme der Bevölkerung interessieren. Netanyahu war bekannt für seine neoliberale Wirtschaftspolitik. Heute, genau zehn Jahre später, sind die Preise weiter explodiert, vor allem auf dem Wohnungsmarkt.

Anders als in Deutschland gibt es keine Mietpreisbindungen, Vergleichsmieten oder Ähnliches. Der Markt ist brutal. Wer mehr bietet, gewinnt. Die meisten Israelis versuchen deshalb, eine Wohnung schon in jungen Jahren zu kaufen und allmählich abzubezahlen. Doch im zweiten Quartal 2021 kostete in Tel Aviv eine durchschnittliche Vier-Zimmer-Wohnung bereits mindestens 1,3 Millionen Euro. Eine Summe, die die meisten Menschen angesichts ihrer im Vergleich zu Deutschland niedrigen Gehälter niemals aufbringen können. Doch die Preise steigen und steigen, vor allem im Luxussektor, der sich stetig ausweitet, da immer neue Bauvorhaben in der Stadt in erster Linie eine reiche Klientel bedienen wollen. Unlängst wurde in Tel Aviv ein Penthouse für mehr als 40 Millionen US-Dollar verkauft. Das war kaum eine Schlagzeile wert, man hat sich an solch absurde Summen gewöhnt. Doch wer kann sich das leisten?

Bereits 2014 gehörten mehr als 67 Prozent der Vermögenswerte in Israel gerade mal zehn Prozent der israelischen Gesellschaft. Tendenz stetig steigend. Diese »Superreichen« halten inzwischen 35 Prozent des Wohnungsmarktes in Tel Aviv in ihren Händen. Der Kauf und Verkauf von Immobilien ist eine lohnende Vermögensvermehrung. Wer nicht kaufen kann, sondern mieten muss, sieht sich alle zwei, drei Jahre vor dem Problem, umziehen zu müssen. Langfristige Mietverträge wie in Deutschland gibt es hier nicht. Man will die eigene Immobilie verkaufen oder aber die Miete radikal erhöhen, also tauscht man die Mieter aus.

Venture Capital findet nirgendwo so ideale Voraussetzungen wie hier

Dennoch wollen immer mehr Menschen in die Stadt, die so unglaublich attraktiv ist. Nicht nur das schöne Wetter, der Strand, das internationale Flair und die »Vibes« lockt die Menschen an, sondern die Tatsache, dass Tel Aviv das Zentrum des nach Silicon Valley zweitgrößten Hightech-Hubs der Welt ist, genannt: »Silicon Wadi«.

Venture Capital findet nirgendwo so ideale Voraussetzungen wie hier, dafür sorgten und sorgen alle israelischen Regierungen seit vielen Jahren. Daher fließt immer mehr Geld ins Land, immer mehr Wohlstand von außen drängt auf den Markt und heizt die Preise weiter an. Daran beteiligen sich auch viele russische Oligarchen, hinzu kommen wohlhabende Juden aus dem europäischen Ausland, derzeit insbesondere aus Frankreich, die aufgrund des wachsenden Antisemitismus in ihrem Heimatland Eigentum in Israel haben wollen – für alle Fälle.

Zu denen, die den Markt ebenfalls weiter anheizen, zählen auch die jungen israelischen Hightech-Entrepreneure selbst, die mit sogenannten »Exits« ihre Start-ups für dreistellige Millionen- und manchmal auch Milliardenbeträge an große internationale Firmen wie Google, Apple, Microsoft und andere verkaufen. Vor allem diese Branche ist unabhängig von der Coronapandemie, sodass das israelische Hightech-Business immer neuer Höhen erklimmen kann. Allein im Jahr 2020 steigerten sich die »Exits« um 55 Prozent zum Vorjahr auf 15,4 Milliarden US-Dollar, 19 israelische Tech-Unternehmen führten in diesem Jahr Börsengänge durch.

Stadtansicht von Tel Aviv: Immer neue First-Class-Restaurants zu exorbitanten Preisen

Stadtansicht von Tel Aviv: Immer neue First-Class-Restaurants zu exorbitanten Preisen

Foto: Oded Balilty / AP

Die Folgen dieser Entwicklung sind für eine Stadt wie Tel Aviv klar. Diese Klientel will entsprechend bedient werden. Immer neue First-Class-Restaurants zu exorbitanten Preisen eröffnen in Tel Aviv, immer neue exklusive Hotels locken internationale Gäste an. Wen wundert’s, dass »The Norman« 2015 zum besten Boutique-Hotel der Welt gekürt wurde. Es befindet sich in zwei renovierten Gebäuden aus den 1920er-Jahren nur wenige Schritte vom Rothschild-Boulevard entfernt.

Doch als sei all das noch nicht genug, beginnt Tel Aviv vom sogenannten »Abraham-Abkommen« zwischen Israel, den Vereinten Arabischen Emiraten (VAE) und Bahrain zu profitieren. Seitdem der Normalisierungsvertrag vor einem Jahr unterschrieben wurde, entwickeln sich wirtschaftliche Kooperationen in Windeseile, Joint Ventures werden in vielen Bereichen gegründet, die Emirate wollen in kürzester Zeit über einen Fonds mit rund zehn Milliarden US-Dollar vor allem im Tech-Bereich investieren, dazu gehören auch Biotech und Greentech.

Der israelische Schekel wird immer stärker

Und dann ist da noch der israelische Schekel. Die Währung wird immer stärker. Zum einen, weil Israel dank einer ziemlich erfolgreichen Impfkampagne die Covidpandemie bislang gut überstanden hat , zum anderen, weil dadurch das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr allein rund sieben Prozent des BIP betragen wird. Für den schwächelnden Euro bedeutet das derzeit einen Wechselkurs von 3,5 NIS – so niedrig wie noch nie in den vergangenen Jahrzehnten, dasselbe gilt für den US-Dollar mit gerade mal 3,1.

Allein das schraubt die Preise für viele in unermessliche Höhen. Nur ein konkretes Beispiel. Wer in einem durchschnittlich guten Strandcafé zu Mittag essen will, lässt für ein Hauptgericht mit Wasser und Kaffee plus Trinkgeld ohne Weiteres knapp 140 NIS liegen, umgerechnet etwa 40 Euro! Möglicherweise wird die Bank of Israel bald gegensteuern müssen, darüber diskutiert wird schon seit einiger Zeit. Das aber wird den Gesamttrend kaum brechen, Tel Aviv dürfte sich wohl für lange Zeit unter den Top fünf der teuersten Städte »behaupten«.

Und was machen diejenigen, die sich das alles nicht leisten können? Sie können sich nicht einmal mehr in die einst ärmeren Stadtteile wie Jaffo, Florentin oder Keren Hateimanim zurückziehen. Denn diese werden allmählich gentrifiziert, auch das eine Entwicklung, die weltweit zu beobachten ist. Wohlhabende entdecken diese pittoresken Gegenden, kaufen sich ein, restaurieren verfallene Gebäude oder bauen neu, im Stil des Viertels. Doch damit schnellen die Preise in die Höhe, das Flair des Stadtteils geht verloren, das dann künstlich irgendwie am Leben erhalten wird. Die neuen Bewohner sind zufrieden.

Wohin also, wenn man finanziell nicht mithalten kann? Man zieht an die Stadtränder oder in die Vororte von Tel Aviv. Die damit auch immer teurer werden. Ein höllischer Kreislauf, den man aus der ganzen Welt kennt. Immerhin, die Sonne und das Meer sind in Tel Aviv noch umsonst. Wenigstens das. Doch die erste »hebräische Stadt«, die erste richtige Großstadt des Zionismus, die 1909 gegründet wurde, wird allmählich zu einer Art nahöstlichem Singapur. Wenngleich nicht einmal im Ansatz so sauber wie der fernöstliche Stadtstaat. Da hat die Mittelmeermetropole noch eine ganze Menge nachzuholen.