Proteste gegen Thailands König Rama X. 15 Jahre Haft für offene Worte

Immer lauter fordert Thailands Jugend Reformen. Mehr als 30 Aktivisten sind wegen Majestätsbeleidigung beschuldigt. Auch Studentenführerin Panusaya Sithijirawattanakul könnte jahrelang eingesperrt werden.
Protestanführerin Panusaya Sithijirawattanakul vor dem Polizeipräsidium in Bangkok

Protestanführerin Panusaya Sithijirawattanakul vor dem Polizeipräsidium in Bangkok

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA / AFP

Als Panusaya »Rung« Sithijirawattanakul Ende November zur Polizeistation in Bangkok geht, um dort ihre Anschuldigung wegen Majestätsbeleidigung zu hören, legt sie für die Kameras drei Finger über ihren Mund. Es ist die Widerstandsgeste der Protestbewegung. Und eine Anspielung darauf, dass die thailändischen Behörden die Jugend mit immer drastischeren Mitteln zum Schweigen bringen wollen. Wer den König kritisiert, kann für lange Zeit ins Gefängnis wandern.

Dass Monarchiekritiker in Thailand jetzt wieder unter Artikel 112 des Strafgesetzbuchs beschuldigt werden, löst Angst innerhalb der Bewegung aus.

Rund zwei Jahre war das sogenannte »Lèse-majesté« in Thailand nicht zur Anwendung gekommen – offenbar auf Anordnung des thailändischen Königs Rama X.  höchstselbst. Jetzt, am Ende dieses für Thailand politisch extrem turbulenten Jahres, drohen Panusaya und etlichen anderen Demonstrierenden wegen Majestätsbeleidigung bis zu 15 Jahren Haft.

Rund 35 Aktivisten, darunter ein 16-Jähriger, müssen sich unter dem drakonischen Lèse-majesté verantworten – einem der schärfsten Repressionsinstrumente, die Thailands Regime aufbieten kann. Ob die Initiative vom Palast oder von der Regierung ausgeht, ist unklar. Die Vereinten Nationen riefen Bangkok Ende der vergangenen Woche dazu auf, von der Anwendung des Gesetzes abzusehen.

Panusaya in ihrem Zimmer auf einem Universitätscampus in Bangkok

Panusaya in ihrem Zimmer auf einem Universitätscampus in Bangkok

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA / AFP

Die Soziologiestudentin Panusaya ist zum Gesicht der Proteste geworden. Mädchen stürmen in Bangkok jetzt für ein Selfie auf sie zu, ihr Gesicht ist in Magazinen rund um den Globus abgedruckt. Keine andere Frau ragt aus den wütenden Zehntausend in Bangkok derart hervor.

Panusaya trat dem König erstmals im Sommer entgegen, vor Tausenden Studenten in Bangkok. Eine rundliche Frau im roten T-Shirt, damals 21 Jahre alt, die langen Haare umspielten ihr Gesicht.

Der Palast soll sich aus der Politik heraushalten

In ihrer Hand hielt Panusaya ein Manifest mit zehn Forderungen zur Reform der Monarchie. Leise sprach sie beim bis dato größten Protest des Jahres in Bangkok davon, dass die Monarchie den gewählten Institutionen verpflichtet sei. Der Palast solle sich aus der Politik heraushalten.

Die Studenten vor ihr erstarrten. Thailändische Medien brachen ihre Liveübertragungen ab. Niemand vor ihr hatte diese Forderungen an den König Rama X. offen vorgetragen. Ihr Wagnis gleicht zu diesem Zeitpunkt einem Kamikaze-Akt.

Doch Panusaya wurde nur noch selbstbewusster, als sie merkte, dass die Menge blieb. Sie sprach von der Gleichheit aller Menschen und davon, dass niemand von Geburt an wertvoller als andere sei. »Nieder mit dem Feudalismus, lang lebe das Volk«, brüllte sie. Da brach die Menge in Jubel aus.

Als Panusaya an diesem 10. August 2020 von der Bühne trat, sagte sie zu Journalisten: »Ich weiß, dass mein Leben sich jetzt verändern wird.« Und so kam es.

Studentin Panusaya vor einem Porträt von Rama X. in Bangkok

Studentin Panusaya vor einem Porträt von Rama X. in Bangkok

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA / AFP

Dabei hatte Panusaya diese Rolle nie gezielt angestrebt. Mitstreiter hätten ihr das Papier mit den Reformforderungen kurz vor ihrer Rede in die Hand gedrückt. Natürlich habe sie gewusst, wie riskant es sei, diese vorzulesen. Angespannt habe sie eine Zigarette geraucht, dann ging es los.

Auch im September war sie es, die einen an den König adressierten Brief zum Kronrat in Bangkok trug. Der Brief enthielt scharfe Forderungen an Rama X., zurückzutreten. Die Regierung zog da zum ersten Mal die Zügel an und klagte Panusaya wegen Verletzung der Corona-Notstandsgesetze und Anstiftung zur Unruhe an. Bis Ende Oktober verbrachte Panusaya  16 Tage in Haft. Der Moment ihrer Festnahme lässt sich auf YouTube ansehen – Panusaya wehrte sich so heftig gegen ihren Abtransport, dass Polizisten sie schreiend in einem Rollstuhl wegfuhren.

Die Protestanführerin wuchs als jüngstes von drei Kindern in der Nähe von Bangkok auf. Ihre Eltern, die eine Autowerkstatt betreiben, sind nicht übermäßig politisch. Panusaya machte die normalen Erfahrungen einer thailändischen Schülerin: autoritäre Lehrer, Unterordnung, Schläge, jede Menge Verhaltensregeln. »Wenn man aus Neugier zu viele Fragen stellt, kann das schon ein Fehler sein.«

Sie sei schüchtern gewesen und gemobbt worden, erzählte sie dem SPIEGEL im Oktober im Skype-Interview. Als Zehnjährige habe sie mit ihrer Mutter in der Hitze auf der Straße ausharren müssen, um eine königliche Parade zu sehen. Auch hier sollte Panusaya sich unterordnen. Es sei ihr schon damals zuwider gewesen.

Solidaritätsplakate für die im Oktober inhaftierte Studentenführerin Panusaya

Solidaritätsplakate für die im Oktober inhaftierte Studentenführerin Panusaya

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA / AFP

Ein Austauschjahr in den USA politisiert sie. Nach ihrer Rückkehr schließt sie sich Studentengruppen an. Sie erlebt, wie die Regierung unter Premier und Ex-General Prayuth Chan-ocha im Februar 2020 die »Future Forward Partei« auflösen lässt, die von den meisten desillusionierten Jugendlichen unterstützt wurde. Die Notstandsgesetze, die Bangkok während der Pandemie erlässt, verstärken ihr Gefühl und das vieler anderer, in dieser Gesellschaft nicht atmen zu können. Als im Juni 2020 der Regierungskritiker Wanchalearm Satsaksit  aus seinem Exil in Kambodscha verschwindet, nehmen die Proteste in Bangkok an Fahrt auf.

Bald verlangten Zehntausende junge Thais den Rücktritt des Premiers, die Auflösung des Parlaments und die Überarbeitung der Verfassung. Die Monarchie soll der Verfassung verpflichtet sein, verlangen sie. Rama X. soll die Kontrolle über das immense Vermögen der Krone an den Staat zurückgeben und auch auf den Oberbefehl über zwei Militäreinheiten verzichten. Doch kaum etwas geschah.

Die Regierung will die Monarchie schützen

Zu Beginn der Proteste gab sich die thailändische Regierung dialogbereit. Aber weil sie es stets ausschloss, die Monarchie in einen Veränderungsprozess miteinzubeziehen, gehen die Demonstranten den thailändischen König mittlerweile so direkt an wie nie zuvor. Jetzt wollen die Protestierenden bis ins kommende Jahr eine Pause machen, um dann mit noch mehr Wucht zurück auf die Straßen zu kommen, so kündigte ein prominenter Kollege Panusayas an.

Am 27. November sitzt Panusaya beim Mittagessen in einem Einkaufszentrum von Bangkok. Sie trägt ein T-Shirt, auf dem übersetzt steht: »sehr mutig, sehr gut, danke« – eine Anspielung auf eine inzwischen berühmt gewordene Äußerung des Königs, der sich mit diesen Worten kürzlich an einen Royalisten gewandt hatte, der in der Menge ein Porträt seines Vaters Bhumibol hochhielt. Panusaya trägt leichtes Make-up, die Haare haben sie ihr in Haft kinnlang gestutzt.

Massenproteste mit riesigen Gummienten in Bangkok

Massenproteste mit riesigen Gummienten in Bangkok

Foto: JACK TAYLOR / AFP

»Als ich verhaftet wurde, hatte ich wenig Angst«, erzählt sie. »Aber als ich das Gefängnis betrat, packte sie mich.« Sie sei in zwei verschiedenen Haftanstalten gewesen, habe in einer überfüllten Zelle schlafen müssen. Die Toilette habe mitten im Raum gestanden. »Am ersten Tag habe ich geweint. Am zweiten Tag versuchte ich, still zu sein, um die anderen nicht zu belasten.«

Dass sie jetzt schon bald wieder in Haft sein könnte, macht ihr große Sorgen. »Niemand hat je eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung abwenden können«, sagt sie. »Ich möchte die Zeit jetzt weise nutzen, Reden halten, meine Bewegung unterstützen und die Öffentlichkeit informieren, sodass sie besser verstehen, wofür wir kämpfen.« Panusaya wirkt bedrückt, aber sie sagt: »Wenn es für eine gute Sache ist, werde ich es aushalten im Gefängnis.«

Panusaya beim Protest gegen die Abstrafung von Monarchiekritikern

Panusaya beim Protest gegen die Abstrafung von Monarchiekritikern

Foto: SOE ZEYA TUN / REUTERS

Reue empfinde sie nicht. »Das einzige Gefühl, was ich angesichts dieser Anschuldigungen habe, ist, dass dies kein faires Spiel ist.« Es gebe keine andere Lösung für ihre Generation, als die Probleme an der Spitze des Systems anzugehen – das heißt, beim Palast. 

Es ist noch nicht klar, ob Panusaya wirklich verhaftet wird und wann. Doch so lange sie frei ist, macht sie weiter. An diesem Wochenende  protestierte sie gegen die Beschuldigung eines 16-Jährigen, der bei einer Art palastkritischen Modenschau mitgemacht hatte.

Panusaya und ihre Mitstreiter liefen während ihres Protests bauchfrei durch ein Einkaufszentrum von Bangkok. Vor einer Modeboutique von Prinzessin Sirivannavari, der Tochter des Königs, hielten sie an, sie machten sich stark für eine Abschaffung von Artikel 112. Ihre Crop Tops reichten bis kurz unter die Brust. Sie erinnerten an jene des thailändischen Königs, der in Deutschland bauchfrei in einem bayerischen Möbelhaus shoppte.

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