Proteste in Thailand Der König, der nie da ist

In Thailand gibt es bei Demonstrationen erstmals öffentliche Kritik am König – obwohl hohe Haftstrafen drohen. Vor allem junge Thais haben genug von einem Monarchen, der sein Land in der Krise alleine lässt.
Regierungsmitglieder vor einem Porträt des thailändischen Königs in Bangkok: Noch nie war die Monarchie so unbeliebt

Regierungsmitglieder vor einem Porträt des thailändischen Königs in Bangkok: Noch nie war die Monarchie so unbeliebt

Foto: DIEGO AZUBEL/EPA-EFE/Shutterstock

Die Studenten kamen in Harry-Potter Gewändern, um gegen die Übermacht in ihrem Land zu kämpfen. Einige der 200 Protestierenden verkleideten sich als Zauberer, während sie sich am sogenannten Demokratiedenkmal in der thailändischen Hauptstadt gegen die Herrschenden in Bangkok  erhoben. Es wirkte, als wollten sie mit magischen Kräften einen Wandel beschwören.

Seit knapp zwei Wochen protestieren junge Thais nun fast täglich gegen das Establishment aus Militär und royalen Eliten. Sie beklagen, dass der ehemalige Anführer der Militärregierung und heutige Premier Prayut Chan-Ocha die Demokratie aushebelt. Dass er rigoros gegen Kritiker vorgeht und seine Macht während der Pandemie weiter ausbaut. Die Regierung wird immer unbeliebter. Der Premier solle abtreten, fordern die Demonstranten.

Anti-Regierungsproteste Anfang August in Bangkok: Keine Geduld mehr mit dem König

Anti-Regierungsproteste Anfang August in Bangkok: Keine Geduld mehr mit dem König

Foto: Lauren DeCicca/ Getty Images

Neu war in dieser Woche, dass sechs Sprecher der Anti-Regierungsproteste in Bangkok öffentlich dazu aufriefen, auch die Macht des thailändischen Königs Maha Vajiralongkorn  zu beschneiden. Sie forderten, jene Gesetze zu reformieren, die auch dem König in Thailand weitreichende Macht verleihen. Sie warfen dem Palast vor, tatenlos zuzusehen, wie die militärisch dominierte Regierung das Land unterwerfe. Einen solch offenen Studentenprotest gegen den König gab es in Thailand noch nie.

Gegenseitiger Schutz

Palast und Regierung sind in Thailand eng verbunden. Seitdem Vajiralongkorn  2016 den Thron bestiegen hat, hat der Monarch seine Macht noch weiter ausgebaut - und wird dabei von der Regierung unterstützt. Im Gegenzug profitiert die Regierung davon, dass der Palast den Einfluss des Militärs auf die Politik legitimiert. Viele junge Thais lehnen die daraus entstandene Scheindemokratie ab, in der in Wahrheit Militärs immer noch das Sagen haben.

Die jungen Thais haben auch wenig Verständnis für einen Monarchen, der kaum Zeit in seiner Heimat verbringt. Seine Abwesenheit wurde in der Coronakrise noch offensichtlicher, der König interessiere sich kaum für den Ausbruch in Thailand, kritisieren die Demonstranten.

Doch Kritik am König und Proteste wie in dieser Woche sind riskant. Nach dem sogenannten "lèse-majesté" kann jede Kritik am Monarchen in Thailand mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft werden. Bemerkenswert ist, dass die Polizei anwesend war, aber zunächst niemanden festgenommen hatte. Die Regierung teilte Anfang der Woche mit, die Polizei entscheide selbst, ob sie weiter gegen die Protestler vorgehen wolle. Man werde den Dissidenten Raum geben, ihre Meinungen zu äußern. Die Machthaber nahmen eine vorerst beschwichtigende Haltung ein - wissend, dass der Zorn der Jugend wächst. Doch das hielt nicht lange an: An diesem Wochenende wurden die ersten jungen Demokratieaktivisten in Thailand verhaftet.

"Hass der Nation"

Thailands mächtiger Armeechef nannte den "Hass der Nation" in dieser Woche eine größere Bedrohung als das Coronavirus. Das Virus könne geheilt werden. Die "Krankheit", seine eigene Nation zu kritisieren, jedoch nicht.

Proteste gegen die Regierung unter Premier Prayuth Chan-ocha : Keine Lust mehr auf Scheindemokratie

Proteste gegen die Regierung unter Premier Prayuth Chan-ocha : Keine Lust mehr auf Scheindemokratie

Foto: ATHIT PERAWONGMETHA/ REUTERS

Die Proteste gegen König und Regierung treffen Thailand in einer sensiblen Phase. Zwar gibt es mit rund 3300 Infizierten vergleichsweise wenige Corona-Fälle im Land. Doch die Wirtschaft liegt am Boden. Der Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen, ist weggebrochen. Millionen Menschen haben ihre Arbeit verloren. Zuletzt hatten thailändische Medien über eine Welle an Selbstmorden von verzweifelten Bürgern berichtet.

"Eine größer werdende Zahl an Thailändern wollen echte Demokratie", sagt Dr. Paul Chambers, Sonderberater für Internationale Angelegenheiten an der Naresuan Universität in Thailand. Der Palast habe eine "direktere Rolle in Bezug auf das Militär und andere administrative Einheiten der Regierung" genommen, während er zeitgleich die "Erosion der Demokratie" ignoriere. Gegen diesen Trend, bei dem Palast und Regierung sich gegenseitig in die Hände spielten, hätten sich die Protestierenden in dieser Woche getraut, aufzustehen.

Thailänder wollen mehr Demokratie

Der Wut vorangegangen waren mehrere herbe Rückschläge für die Demokratiebewegung im Land. "Alles begann im Februar 2020, als die Future Forward Partei , die von den meisten desillusionierten Jugendlichen unterstützt wurde, auf zweifelhaftem legalen Grund aufgelöst wurde", so Chambers. Im März verhängte die Regierung während der Corona-Pandemie Notstandgesetze, die ihr "mehr Macht gaben, zu einer Zeit, in der immer mehr Thailänder sich aber mehr Demokratie wünschten."

König Maha Vajiralongkorn beim Thailand-Besuch im April 2020: 24-stündiger Trip

König Maha Vajiralongkorn beim Thailand-Besuch im April 2020: 24-stündiger Trip

Foto: ATHIT PERAWONGMETHA/ AFP

Im Juni 2020 verschwand dann der Regierungskritiker Wanchalearm Satsaksit aus seinem Exil in Kambodscha. Eine Welle der Empörung ging durch das Land. Immer wieder werden Kritiker des Monarchen auch im Ausland verfolgt. Drei Dissidenten verschwanden vor Kurzem in Laos und wurden tot im Mekong gefunden. Kritiker der Monarchie gehen davon aus, dass König Vajiralongkorn weite Kontrolle über Militär, Polizei und Justiz hat. Die Washington Post schreibt, der König habe sich entschlossen "durch Einschüchterung" zu regieren. "Thailand ist zu einem Königreich der Angst geworden."

Abwesenheit provoziert Unmut

Tausende protestierten nach dem Verschwinden des Aktivisten im Juli 2020 in Bangkok und verlangten "den Rücktritt des Kabinetts, die Auflösung des Parlaments und eine neue Verfassung", so Analyst Chambers. Die offene Kritik am König ist für die Demonstranten der bisher weiteste Schritt. "Der Widerstand gegenüber Thailands Scheindemokratie wächst."

Der 68-jährige König Maha Vajiralongkorn dürfte davon nicht allzu viel mitbekommen haben, denn in der Regel ist er nicht da. Er verbringt viel Zeit in Deutschland in einer Villa am Starnberger See oder weilt in einem Luxushotel in Garmisch Patenkirchen. Der tätowierte König, der zum vierten Mal verheiratet ist, gilt als exzentrisch und arrogant. Sein anrüchiges Privatleben, seine Verschwendungssucht und sein militärisches Auftreten zu Zeiten, da sich die Thais gegen die Militärjunta stellten, kamen noch nie gut an.

Seit dem Tod seines von den Thais verehrten Vaters, König Bhumibol, im Jahr 2016 hat König Vajiralongkorn seine Macht ausgebaut. Eine neue Verfassung gab ihm mehr Rechte. Er verschaffte sich zudem Zugriff auf die königliche Vermögensverwaltung: Zum ersten Mal seit fast 70 Jahren verfügt der thailändische König wieder über die direkte Kontrolle des Vermögens der Familie, geschätzte 30 Milliarden Dollar. Der Monarch hat Kontrolle über Militäreinheiten übernommen, er verfügt über Tausende bestens ausgebildete Soldaten in der Nähe von Bangkok. 

Anti-Regierungsprotete Anfang August 2020 in Bangkok: Der bisher weiteste Schritt

Anti-Regierungsprotete Anfang August 2020 in Bangkok: Der bisher weiteste Schritt

Foto: Watcharawit Phudork/ imago images/ZUMA Wire

Im Dezember 2019 machte er Schlagzeilen, weil er seine Konkubine aus dem Palast vertrieben hatte. Sie verschwand in einem Gefängnis. Kurz darauf feuerte er sechs Mitarbeiter seines Palasts - darunter einen Hofmeister, der eine Geliebte zu einer Abtreibung gezwungen haben soll.

Als der Monarch Anfang April auf Staatskosten zu einer Zeremonie in Bangkok war, missachtete Vajiralongkorn die Quarantäne-Regeln und flog mit der nationalen Linie Thai Airways rasch zurück nach Europa. Der Hashtag "WhyDoWeNeedAKing" trendete nach seinem Kurztrip in Thailand.

In Garmisch-Patenkirchen logiert er im "Grand Hotel Sonnenbichl" - dort hatte man im März eine Sondergenehmigung für den König bekommen. Für gewöhnliche Gäste blieb das Hotel geschlossen. Der Monarch und seine Entourage aber quartierten sich nahe der bayrischen Alpen ein. Auch die von der Regierung organisierten Festlichkeiten zu seinem 68. Geburtstag im Juli fanden in Bangkok ohne ihn statt. Begleitet wurden sie in diesen Sommertagen dafür von Protest.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die thailändische Polizei habe auf die Anti-Regierungs-Demonstrationen nicht reagiert. Mittlerweile sind erste Aktivisten festgenommen worden. Wir haben die Passage geändert.

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