Studenten- und Arbeiterproteste in Thailand "Viele Menschen haben ihre Angst überwunden"

Die Wut wächst: Zehntausende Menschen protestierten in Thailand gegen die Macht von Regierung und Monarchie. Grund sei die brutale Ungleichheit im Land, sagt die Politikwissenschaftlerin Janjira Sombatpoonsiri.
Ein Interview von Katrin Kuntz
Anti-Regierungs-Proteste in Thailand: Bereit, an einem Tabu zu rühren

Anti-Regierungs-Proteste in Thailand: Bereit, an einem Tabu zu rühren

Foto: SOE ZEYA TUN / REUTERS

Zehntausende Menschen versammelten sich am vergangenen Sonntag am Demokratiedenkmal in der thailändischen Hauptstadt Bangkok, um gegen ihre Regierung zu demonstrieren. Es war der bisherige Höhepunkt der seit Monaten zunehmenden Studentenproteste in dem südostasiatischen Land. Die jungen Demonstranten verlangen Wandel in einem System, das brutal gegen Kritiker vorgeht.

SPIEGEL: In welcher Größenordnung sehen Sie die aktuellen Proteste in Thailand?

Janjira: Wir haben vor wenigen Tagen die größten Massendemonstrationen seit dem Militärcoup 2014 gesehen. Bemerkenswert ist aber nicht nur die Größe der Proteste, sondern auch die Vielfalt ihrer Teilnehmer. Viele Studenten und junge Berufstätige kamen, aber auch Teile der Arbeiterklasse, die mit der Politik der Regierung unzufrieden sind.

Foto: privat

Janjira Sombatpoonsiri ist Politikwissenschaftlerin am Institut für Asienstudien an der Chulalongkorn Universität in Bangkok, Thailand. Derzeit arbeitet sie am unabhängigen Forschungsinstitut "German Institute of Global and Area Studies" in Berlin und Hamburg. Sie ist Autorin des Buchs "Humor und Gewaltfreier Kampf in Serbien" und hat zahlreiche Recherchen zu den Themen Zivilgesellschaft und Protest durchgeführt.

SPIEGEL: Die Protestierenden trugen etwa ein Schild mit der Aufschrift "Kein Gott, kein König, nur Menschen". Auf einem anderen stand: "Es ist so schlimm, dass sogar Introvertierte da sind." Das klingt sehr divers. Was wollen die Demonstrierenden?

Janjira: Sie fordern die Auflösung des Parlaments, eine Änderung der Verfassung. Und sie wollen, dass die Regierung damit aufhört, kritische Bürger einzuschüchtern und zu verfolgen. Wir sehen eine Rebellion gegen die autoritäre, politische Kultur. Anfang August haben Studenten offen die Monarchie kritisiert - das war neu. Eine Gruppe Aktivisten brachte danach zehn Forderungen zur Reform der Monarchie ein. Ein Teil der thailändischen Gesellschaft ist bereit, an diesem Tabu zu rühren.

Versammlung am Demokratiedenkmal in Bangkok: Größte Massendemonstrationen seit 2014

Versammlung am Demokratiedenkmal in Bangkok: Größte Massendemonstrationen seit 2014

Foto: Sakchai Lalit / AP

SPIEGEL: Die Regierung und der Palast sind in Thailand eng verbunden und fördern ihren Machtausbau gegenseitig. Der thailändische König Maha Vajiralongkorn , der für sein ausschweifendes Leben bekannt ist, verbringt viel Zeit in Deutschland. Was stört die Menschen daheim?

Janjira: Die Monarchie hatte in Thailand nach der Revolution von 1932, die zum Ende der absolutistischen Monarchie geführt hatte, noch nie so viel Macht. Jetzt beobachten wir eine Art Versuch des Königshauses, diese Revolution zurückzudrehen. Der König hat Kontrolle über die royale Vermögensverwaltung. Es gibt Diskussionen über seinen politischen Einfluss innerhalb der Armee. Im Netz gehen Vorwürfe um, dass die Monarchie in Menschenrechtsverletzungen involviert sei. Es geht auch um die finanzielle Rechenschaft des Palasts und darum, wie Steuergelder im Ausland ausgegeben werden.

SPIEGEL: Die Militärjunta war zuletzt von 2014 bis 2019 an der Macht. Aktuell herrscht in Thailand eine Art Scheindemokratie, in der der ehemalige Junta-Führer als Premierminister fungiert. Viele der Protestierenden sind jung. Was haben sie unter der Militärregierung erlebt?

Janjira: Die Regierung musste lange Zeit keine Rechenschaft über ihre Handlungen ablegen und konnte die Stimme des Volks ignorieren. Diese Hierarchie des politischen Systems setzt sich etwa in der Beziehung zwischen Lehrer und Schüler fort. Lehrer zwingen ihre Schüler, ihr Haar kurz zu schneiden. Schüler müssen auf dem Boden kriechen. Sie dürfen keine Fragen stellen. Das ist eine feudale Kultur, die vielleicht im Palast angebracht sein mag, aber nicht außerhalb.

Massenprotest in Bangkok: "Ein perfekter Sturm"

Massenprotest in Bangkok: "Ein perfekter Sturm"

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA / AFP

SPIEGEL: Warum erreichen die Proteste ausgerechnet jetzt ihren bisherigen Höhepunkt?

Janjira: Der Protest hat unter der Militärherrschaft begonnen, doch war er zaghaft und die Herrschenden haben mit drakonischen Strafen reagiert. Jetzt sehen wir eine zweite Welle. Sie nimmt Fahrt auf, weil sich in Thailand  eine Art perfekter Sturm zusammengebraut hat. Begonnen hat alles 2019 mit der Entmachtung der Future Forward Partei, die alle Hoffnungen der Jugend vereinte. Der Gründer der Partei war unter fadenscheinigen Gründen aus der Politik ausgeschlossen worden. Als Future Forward Ende Februar 2020 schließlich verboten wurde, brachen erste, kleinere Demonstrationen in mehr als 50 Hochschulen und Schulen aus. Nachdem dieser Grundstein für die Proteste gelegt worden war, kam der Unmut über den Umgang mit der Corona-Pandemie hinzu.

SPIEGEL: Welchen Einfluss hat die Pandemie auf die Protestbewegung?

Janjira: Die anfängliche Ineffizienz der Regierung im Umgang mit der Pandemie frustrierte viele. Erste regionale Cluster brachen etwa aus, weil die Armee eine Arena für Boxkämpfe, die ihr gehört, geöffnet ließ. Der Tourismus brach ein. Rund 14,4 Millionen von 69 Millionen Menschen könnten bis Ende des Jahres arbeitslos sein. Junge Absolventen sehen keine Jobs, auf die sie sich bewerben könnten. Gleichzeitig häuften sich Korruptionsskandale in der Regierung. Viele Thailänderinnen und Thailänder fühlen sich betrogen.

Aktivist Parit Chirawak bei Demonstrationen in Bangkok: Vertrauenskrise in die staatlichen Institutionen

Aktivist Parit Chirawak bei Demonstrationen in Bangkok: Vertrauenskrise in die staatlichen Institutionen

Foto: LILLIAN SUWANRUMPHA / AFP

SPIEGEL: Und wer sich zu diesen Vorgängen zu kritisch äußert, wird verfolgt?

Janjira: In letzter Zeit wurden insgesamt neun Dissidenten, die teilweise in Nachbarländer geflohen waren, entführt oder ermordet. Einige Leichen wurden in einem Fluss gefunden, ihr Inneres war mit Zement gefüllt. Vielen Thailänderinnen und Thailändern wurde bewusst, dass der Staat sie nicht schützt. Jeder in Thailand kann sehen, dass mächtige Menschen Gesetze verletzen, ohne dafür belangt zu werden. Das hat eine Vertrauenskrise in die staatlichen Institutionen produziert.

SPIEGEL: Wie reagieren die Machthaber auf die Proteste?

Janjira: Aktuell läuft es auf ein Wartespiel hinaus. Es gibt zwei Flügel in der Regierung: Jene, die wollen, dass die Proteste niedergeschlagen werden und andere, die vorsichtiger sind. Wenn die Protestierenden friedlich bleiben, kämen Massenverhaftungen beim Volk nicht gut an. Die Kritik an den Autoritäten hat zugenommen, daher muss die Regierung bei der Anwendung von Gewalt sehr vorsichtig sein. Viele Menschen haben ihre Angst überwunden.

Szene des Protests in Bangkok: "Der Ausgang ist offen"

Szene des Protests in Bangkok: "Der Ausgang ist offen"

Foto: MLADEN ANTONOV / AFP

SPIEGEL: Beobachter halten ein Massaker wie am 6. Oktober 1976 für möglich, bei dem Sicherheitskräfte Demokratieaktivisten brutal niederschlugen. Wie kann es weitergehen?

Janjira: Aufrührer, sogenannte Agents Provocateurs, könnten sich unter die Demonstranten mischen. Stacheln sie Gewalt an, könnte das Militär einen Grund finden, um den Protest niederzuschlagen. Das ist ein Worst-Case-Szenario. Auch möglich wäre, dass der Palast in der Bewegung eine Gefahr sieht und das Militär zum Handeln auffordert. Der Ausgang ist offen. Wenn es den Protestierenden gelingt, auch jene Thailänderinnen und Thailänder anzusprechen, die sich soziale und wirtschaftliche Gleichberechtigung wünschen, kann die Bewegung an Momentum gewinnen.

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