Khaosan Road in Bangkok Lonely Planet

Die Khaosan Road in Bangkok stand für Party, Sex, Exzess. Hier trafen sich jedes Jahr Millionen Touristen und Aussteiger. Und jetzt? Hat der »berühmteste Backpacker-Strip der Welt« Corona überlebt? Ein Besuch.
Aus Bangkok berichten Maria Stöhr und Adam Dean (Fotos)
Die Khaosan Road in Bangkok: Vor der Pandemie schoben sich hier die Touristen-Massen durch

Die Khaosan Road in Bangkok: Vor der Pandemie schoben sich hier die Touristen-Massen durch

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Dieser Text beginnt im Starbucks links von der Khaosan Road in Bangkok, nicht weit vom Königspalast und gegenüber vom Tempel Wat Chana Songkhram. Früher sind sie alle irgendwann hier gelandet, die mal losgezogen waren auf der Suche nach Abenteuer in Asien und ein bisschen Exzess weit weg von zu Hause.

Starbucks ist wie eine kurze Pause von der Fremde. Die Klos okay. Du kannst den Iced Latte mit Eiswürfeln bestellen, ohne Angst vor Magen-Darm. Genug Wi-Fi für Insta. Aircondition. Wenn du Glück hast, geht Bezahlen mit der Raiffeisenbank-Karte Schwaben Mitte.

Niemand ist da, aber der Starbucks hat noch offen. McDonalds und Burger King, diese anderen Hallen verlässlicher Orientierung in einer globalisierten Welt, sind längst zu, seit mehr als einem Jahr. Gibt nichts mehr zu holen in der Khaosan Road.

Berühmt und verlassen: Die Khaosan Road in Bangkok im Oktober 2021

Lonely Planet: »Die Khao San Road ist anders als alle anderen Straßen der Welt.«

»Ein neonbeleuchteter Schmelztiegel.«

»Wo sonst trifft man Backpacker, die ein Gap-Jahr machen, 75-Jährige, die G&Ts bestellen, Hippies, Hipster, Nerds, Pauschaltouristen, globale Nomaden?«

Sogar der Rund-um-die-Uhr-Supermarkt Seven Eleven ist geschlossen

Sogar der Rund-um-die-Uhr-Supermarkt Seven Eleven ist geschlossen

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL
Überbleibsel aus der alten Zeit: Auch die McDonalds-Filiale an der Khaosan Road ist, wie Burger King und viele andere Läden, seit Monaten geschlossen

Überbleibsel aus der alten Zeit: Auch die McDonalds-Filiale an der Khaosan Road ist, wie Burger King und viele andere Läden, seit Monaten geschlossen

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Die Khaosan Road war ein Ort wie entkoppelt vom Rest Bangkoks, ein abgesteckter Platz zum Ausrasten und der Entgrenzung, losgelöst von Tag und Nacht. Vergnügungsviertel hat man das mal genannt, aber was schon immer alle gemeint haben, ist Saufen, Selfies, bisschen Ballern.

So war es mal, so ist es nicht mehr. Der letzte Eintrag zur Khaosan Road auf der Lonely-Planet-Webseite , vom August 2020, lautet: »Kann der berühmteste Backpacker-Strip der Welt Covid-19 überleben?«

Eine von Thailands berühmten Straßenküchen, wo man Frittiertes, Omelettes mit Krabben, kleine Pfannkuchen bekommt

Eine von Thailands berühmten Straßenküchen, wo man Frittiertes, Omelettes mit Krabben, kleine Pfannkuchen bekommt

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Früher, vor der Pandemie, kamen nach Bangkok jedes Jahr 25 Millionen Reisende, und sehr viele von ihnen sind über die Khaosan Road gezogen. Manchmal waren so viele da, so die Erinnerung von Besuchern, dass Gehen nicht mehr ging. Statt einen Schritt vor den nächsten zu setzen, blieb nichts anderes übrig, als sich im Strudel der Masse weiterschieben zu lassen.

Die ersten Touristen kamen um acht, die letzten gingen um acht. 24-Stunden-Hotels. Remmidemmi. Die Bars hießen »Rocco«, »The Cliff«, »Yes«, »Southeast«, »The Secret Service«. Jetzt hängen Rollläden vor den Schaufenstern wie Lider über müden Augen.

Mittags um eins, der Himmel über Bangkok ist eine graue Suppe. Mitte Oktober, das ist die Zeit, in der der Regen nach und nach aufhört und die verdammte Hitze geht. Bald ist Winter in Thailand. Hochsaison für den Tourismus. November, Dezember, das war immer beste Reisezeit für Herz-Kreislauf-geschwächte Deutsche auf der Suche nach Fun.

Die Rollläden sind unten: »Wie Lider über müden Augen«

Die Rollläden sind unten: »Wie Lider über müden Augen«

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Im Mulligans, dem Irish Pub gleich am Anfang der Straße, ist der Eingang mit gelbem Bauzaun verrammelt, es stecken noch die Wimpel vom St. Patrick’s Day 2019 in leeren Weinflaschen. Daneben hängt vom Balkon eine Weisheit aus der alten Zeit, »friends don't let friends go thirsty«.

Man geht die Khaosan Road von vorn nach hinten durch, 500 Meter, ein Sträßchen eigentlich. Eine große Stille. Niemand ist da, der ein Geräusch machen könnte. Die Mülleimer leer. Bankautomaten blinken hungrig, »all cards welcome«. Keine Prostituierten in den Seitengassen. Über dem Asphalt hängen noch die Leuchtreklamen der großen Hotels, Bars, Etablissements wie Angeln über dem leer gefischten Ozean.

Oat wartet auf Kundschaft: Früher hat er mit Henna-Tattoos und Kunsthaarzöpfchen sein Geld verdient

Oat wartet auf Kundschaft: Früher hat er mit Henna-Tattoos und Kunsthaarzöpfchen sein Geld verdient

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Vor den leeren Cafés sitzen ein paar Männer und Frauen, die anbieten, bunte Kunsthaarsträhnchen in die Frisur zu flechten oder Henna-Tattoos aufzumalen: kleine Elefanten, Mandalas, Micky Mäuse. Da sitzen zum Beispiel die Geschwister Oat und On, die früher jeden Abend 10.000 Baht, rund 250 Euro, eingenommen haben mit ihren Flechtkünsten, und heute alle zwei Tage 50 Baht, das ist ein Euro.

Der Bigga Ink Tattoo Laden geschlossen. Der Deejay Coffee Speed Shop geschlossen. In der Rastafarian One Love Peace Bar läuft zwar Bryan Adams, »please forgive me, I know not what I do«, aber es ist niemand zu sehen. Im Reisebüro nebenan konnte man mal Tickets für River-Cruise- und Dream-World-Touren kaufen, für Cooking Classes, für Thai Boxing.

Sozialer Abstieg in der Coronakrise: Die Obdachlosenrate in Bangkok ist gestiegen

Sozialer Abstieg in der Coronakrise: Die Obdachlosenrate in Bangkok ist gestiegen

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Exzess, das ist Rausch, das ist Schweiß. Haut auf Haut, keine Kontrolle, nichts mehr fühlen, alles fühlen, alles laufen lassen. Es klingt wie etwas, das seit der Pandemie nicht mehr sein kann. Hat Corona den Exzess für immer gekillt?

Kleine Nebenstraße. Die Apotheke hat geöffnet. In der Auslage liegen noch die XXL-Tigerbalm-Dosen, früher mal gern genommene Souvenirs, heute sind die Kartonverpackungen von der Sonne gebleicht. Der Apotheker, ein alter Mann, sagt: Ibuprofen, Paracetamol und Imodium Akut haben die Touristen bei ihm bekommen, für alle anderen Drogen mussten sie nebenan fragen. Nebenan ist der Rollladen unten.

Früher unvorstellbar: Um 20 Uhr kehrt auf der Khaosan Road Nachtruhe ein

Früher unvorstellbar: Um 20 Uhr kehrt auf der Khaosan Road Nachtruhe ein

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Im Thai Cozy House sitzt an der Hotelrezeption Supat, 35 Jahre alt, aus Kambodscha. Links und rechts von ihm stehen zwei große ungefüllte Getränkeautomaten. Das Hotel beherbergt derzeit drei Gäste. Supat ist vor vier Jahren für die Arbeit nach Thailand gegangen, seine Frau lebt in Kambodscha, sein Sohn auch. Früher sei er den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, zehn, zwölf Stunden lang, er habe Hotelgästen die Koffer getragen, einchecken, auschecken, einchecken, und wenn jemand eine Tour zum Palast machen wollte, dann hat er alles organisiert.

Jetzt sei er nur noch am Rumsitzen. Er bekommt lediglich das halbe Gehalt, er kann fast kein Geld mehr nach Hause schicken. Am schlimmsten sei die Langeweile. Supat hat viel gegeben, um es in Thailand zu schaffen. Er hat eine Berufsschule abgeschlossen. Er hat zwei gute Jahre in Bangkok gehabt, sagt er, und zwei beschissene. Wenn es bis Dezember nicht anders wird, dann geht er zurück nach Kambodscha. Das Virus sei schuld, sagt er, aber es fühle sich an wie Versagen.

Heute die Khaosan Road auf- und abzugehen, ist, wie durch die Ruinen einer vergangenen Dekadenz zu schreiten. Und irgendwann geht es nicht anders, als sich die Frage zu stellen: Will man diese Zeit überhaupt jemals zurück?

So sah die Straße vor der Pandemie aus: Im Strudel der Masse weiterschieben lassen

So sah die Straße vor der Pandemie aus: Im Strudel der Masse weiterschieben lassen

Foto: Alex Hare / LOOP / Universal Images Group / Getty Images

Wenn es nach der Bangkoker Stadtverwaltung geht, sollen die Entgleisungen von einst für immer vorbei sein. Die Khaosan Road wurde in der Coronakrise renoviert. Die Straße verbreitert, die Kanalisation erneuert, aus verdrecktem Teer sind Platten aus grauem Granit geworden. Luxusläden sollen sich ansiedeln. Aber der Ruf einer Straße ändert sich nicht, nur weil mal den Asphalt austauscht.

Das Licht über der Straße wird trüb, der Abend kommt. Ein Bier in der Sky 999 Bar. Sao steht hinter dem Tresen, Ende vierzig, die langen schwarzen Haare locker zurückgebunden, ihr gehört der Laden. Seit 25 Jahren ist sie in der Khaosan Road. Zuerst hatte sie die Sky 666 Bar, ein paar Hundert Meter weiter hinten, vor acht Jahren zog sie um. Neue Bar. Sky 999. Premiumlage.

25 Jahre lang hat Sao in ihre Kneipen in der Khaosan Road investiert: Alles Ersparte ist weg

25 Jahre lang hat Sao in ihre Kneipen in der Khaosan Road investiert: Alles Ersparte ist weg

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

»Bier gibts nicht«, sagt sie.

Stimmt ja. Alkohol in der Öffentlichkeit ist in Thailand aus pandemischen Gründen noch bis mindestens Anfang Dezember verboten. Bald dürfen wieder Touristen ohne Quarantäne ins Land. Aber die Inzidenzen in Bangkok sind weiter hoch, die Stadt erwacht gerade aus einem Shutdown, 36 Prozent der Erwachsenen in Thailand sind vollständig geimpft. Manche Kneipen schenken Bier trotzdem aus, in blickdichten Kaffeethermobechern.

Sao, vor ihrer Sky 999 Bar: »Bier gibts nicht«

Sao, vor ihrer Sky 999 Bar: »Bier gibts nicht«

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

»Ich mach dir einen Smoothie«, sagt Sao.

Sao hat ihren Sohn nach ihrer Bar benannt. Sky, neun Jahre, sie zeigt ihn in einem Video auf ihrem TikTok-Account. Sie sagt, sie habe Freunde in der ganzen Welt. Inder, Australier, Spanier, die sind früher jedes Jahr gekommen. Am Anfang von Corona haben sie noch manchmal geschrieben, bei Facebook oder so, dass sie durchhalten soll, dass sie zurückkommen werden. Sao hält noch durch, aber die Nachrichten sind verstummt.

Die Khaosan Road im Oktober 2021: Eine Straßenköchin wartet auf Kundschaft

Die Khaosan Road im Oktober 2021: Eine Straßenköchin wartet auf Kundschaft

Foto: Adam Dean / DER SPIEGEL

Sao reicht den Smoothie über die Theke. Rosa Wassermelone, Kokoswasser, crushed Eis. Auf dem Plastikbecher steht gedruckt: »New Normal«. Sao liebte die Khaosan Road, wie sie mal war. Sie hatte zehn Angestellte. Sie ging um drei ins Bett, um acht war sie wieder in ihrer Kneipe. Wenn alles voll war, fühlte Sao sich stark. Jetzt hat sie graue Haare. Sie sagt, die kommen von der Pandemie. Hinter der Theke steht noch eine eimergroße Bastdose mit einem Schild dran, »Tipp Box«. »Quoll mehrmals am Tag über«, sagt Sao. Jetzt ist das Ersparte weg. Manche reden davon, dass bis Juni 2022 wieder alles besser werde. So lange schafft sie's nicht mehr.

Die, die noch da sind auf der Khaosan Road, die noch kein »Zu verkaufen«-Schild vor ihren Laden gehängt haben, sie könnten doch umdenken. Strategie ändern. Nicht mehr auf den Sauftourismus setzen, nicht mehr der alten Zeit nachtrauern, sondern zum Beispiel gesundes Oatmeal für thailändische Jugendliche anbieten. Warum tun sie es nicht?

Weil sie müde sind. Und weil sie wissen, dass es sich, solange es Menschen gibt, am Ende immer gelohnt hat auf welche zu warten, die mal wieder ausrasten wollen.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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