Thailandurlaub in der Pandemie Das neue Leben der Masseurinnen vom Mai Khao Beach

An einem Strand auf Phuket breiten sechs Freundinnen endlich wieder ihre Massagematten aus. Eine Stunde, 7 Euro – fast wie früher, vor der Pandemie. Nur: Es kommt niemand.
Von Phuket berichtet Maria Stöhr
Die Massagehütten der sechs Masseurinnen am Mai Khao Beach, Phuket

Die Massagehütten der sechs Masseurinnen am Mai Khao Beach, Phuket

Foto: Karl Vandenhole / DER SPIEGEL
Globale Gesellschaft

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Sie sitzen vor ihrer kleinen Holzhütte wie sechs Schwestern, aber sie sind sechs Freundinnen, seit 18 Jahren. Sie sind die Masseurinnen vom Mai Khao Beach, auf Phuket, der großen Insel im Süden von Thailand. Der Sandstrand ist elf Kilometer lang, deswegen sagen sie immer: Mai Khao Beach, Abschnitt drei, wenn jemand fragt.

Thai-Massagen, 200 Baht für eine halbe, 300 Baht für eine ganze Stunde, das sind rund sieben Euro. Die Massagefläche ist schon vorbereitet, es passen acht blaue Matten wie die aus einer Sporthalle nebeneinander, und dahinter, ja dahinter ist das Meer.

Sechs Freundinnen. Bo, Min, Leila, Nana, Ponpan, Maitai. »Wie der Cocktail«, sagt Maitai gleich dazu. Sie sagt es wie einen Automatismus aus einer vergangenen Zeit. Aus der Zeit, in der jeden Tag irgendein Tourist, irgendein Kunde aus Deutschland oder Russland oder Italien, diesen Vergleich zu ihrem Namen gezogen hat, als hätte er gerade einen sehr neuen und sehr lustigen Witz gemacht.

Die Freundinnen an ihrer Massagehütte am Strand: keine Kundschaft

Die Freundinnen an ihrer Massagehütte am Strand: keine Kundschaft

Foto: Maria Stöhr / DER SPIEGEL

Bo ist die Chefin, sie kann am besten Englisch, sie ist die Älteste. Bo ist die, die einen zurechtweist, wenn man zu schnell spricht, »slowly, slowly«, sagt sie dann. Die fragt, wann man zur nächsten Massage kommt.

Vielleicht morgen, gegen halb elf?

»Okay, meine Liebe«, sagt sie dann, obwohl doch gerade sowieso zu jeder Zeit jede Liege frei ist. Aber darum geht es nicht, es geht darum, den Ablauf einzuhalten. Die Kundin fragt und Bo vergibt die Termine.

Wer hätte gedacht, dass der schönste Arbeitsplatz der Welt mal nichts mehr wert sein würde, weil ein Virus die Gesetze der Welt aushebelt?

Früher hatte am Abschnitt drei, Mai Khao Beach, jede der sechs Frauen den ganzen Tag die Arme, Unterschenkel und Nacken von Kundinnen und Kunden in den Händen. Stand jemand von der Matte auf, wurde schnell das Laken getauscht, ein pinkes Tuch gegen ein orangefarbenes mit weißen Hibiskusblüten drauf. Sank schon die nächste Kundin auf den vielleicht noch angewärmten Platz. Wer einmal da war, kam wieder, sagt Bo. So war das, so lief das Geschäft, so muss es sein.

So ist es nicht mehr.

Seit bald zwei Jahren, seit Beginn der Coronakrise, ist am Mai Khao Beach fast niemand mehr vorbeigekommen. Thailand hat die Grenzen geschlossen, strenge Quarantäneregeln eingeführt. Phuket, die Insel, die bis dahin jedes Jahr 15 Millionen Touristinnen und Touristen beherbergte, ist zu einer Insel der verbarrikadierten Strand-Resorts geworden. Manche auf der Insel sind mit den Reisenden reich geworden, viele konnten zumindest leben von dem Geld, das die Leute daließen. Jetzt sehen die Inselbewohner dem Ruin entgegen, weil alle alles auf eine Karte gesetzt haben: Tourismus.

Nana und Maitai beim Frühstück. Auch um Geld zu sparen, bringen die Freundinnen die meisten Speisen von zu Hause mit, manches kaufen sie an der Straße

Nana und Maitai beim Frühstück. Auch um Geld zu sparen, bringen die Freundinnen die meisten Speisen von zu Hause mit, manches kaufen sie an der Straße

Foto: Karl Vandenhole / DER SPIEGEL

Aber wer hätte schon gedacht, dass man hier, wo die Sonne jeden Abend verlässlich in der Andaman-See untergeht, als könnte man sie fast anfassen, einen Plan braucht für eine schlechte Zeit?

Wer hätte gedacht, dass der schönste Arbeitsplatz der Welt mal nichts mehr wert sein würde, weil ein Virus den Gang der Welt aushebelt?

Früher, sagt Bo, seien die acht Liegen von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends belegt gewesen. Die Leute seien auf dem Weg zum Strand oder zum Beach Club gegenüber gewesen, seien stehen geblieben, hätten ein bisschen geguckt, und dann immer direkt in der Schlange gestanden.

Sie selbst gab sieben Thai-Massagen am Tag, siebenmal 60 Minuten. Spätabends ist Bo dann kaputt nach Hause, mit umgerechnet siebenmal sieben Euro fünfzig.

Die Frauen erzählen von früher, von der guten Zeit

Jetzt gehen Bo, Min, Leila, Nana, Ponpan und Maitai an den meisten Tagen mit »zero« nach Hause, mit null. Sie sperren den Laden früher zu, gegen sieben. Und sie kommen erst später zum Strand, so gegen zehn.

Gegen zehn, an einem Donnerstag im September. Eine Motorrollerfahrerin kommt den betonierten Strandweg entlang. Setzt den Helm ab, den Rucksack, nimmt das Korbtäschchen mit den Massageölen aus dem Träger. Setzt sich im Schneidersitz auf die Bank an der Hütte: Nana.

Es knattert wieder, da kommen Leila und Ponpan auf ihren Rollern angefahren. Sie packen den Proviant für den Tag aus. Jede hat zu Hause gekocht, Hühnchen, eingelegte Eier, Reis, ein rotes Curry. Sie teilen später. Als letzte kommt Bo.

Früher, sagt Bo, seien die acht Liegen von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends belegt gewesen

Früher, sagt Bo, seien die acht Liegen von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends belegt gewesen

Foto: Maria Stöhr / DER SPIEGEL

10.30 Uhr: keine Kundschaft.

11 Uhr: keine Kundschaft.

11.30 Uhr: Die Freundinnen, jede in schwarzen Leggins und einem grünen Polo-Shirt, die Haare zurückgebunden, frühstücken. Sie sind schweigsam und ruhig dabei, so wie den ganzen Vormittag, als wollten sie die Kühle des Morgens möglichst lange in sich behalten, bevor die Hitze den Tag übernimmt. Ponpan, die roten Lippenstift und unter den Augen dick Concealer trägt, hat sich ein schwarzes Kopftuch übergezogen. Wenn sie nicht gerade essen, ziehen die Frauen die Masken über, die auch am Strand Pflicht sind.

Die Frauen sind doppelt geimpft, mit dem chinesischen Impfstoff Sinovac, einige haben sogar schon einen AstraZeneca-Booster bekommen. Phuket ist sicher, fast alle Einheimischen sind geimpft, sagen sie. Aber die Touristen bleiben dennoch aus. Thailand hat, um wieder Touristen ins Land zu locken, ein Projekt mit dem Namen »Phuket Sandbox« erfunden; Reisende können sich ohne Quarantäne frei auf der Insel bewegen, wenn sie geimpft oder genesen sind. Doch bisher sind, weil die Bestimmungen so kompliziert sind, nur etwa 37.000  gekommen.

Wann wird es wieder wie früher?

Die Freundinnen erinnern sich. Viele würden denken, jeder Körper sei irgendwie gleich, sagen sie; da ist der Rumpf, von dem die Arme abstehen, die Beine enden mit den Füßen, der Hals mit dem Kopf. Also würden die Leute denken, auch jede Thai-Massage sei irgendwie gleich; entlang der Wirbelsäule hinunter zu den Oberschenkeln, den Waden, den Fußballen, wieder hinauf zu den Armen, den Fingern, dem Nacken bis zum Scheitel.

Aber das sei ganz und gar falsch. Sie hätten Körper gesehen, da habe ein Fuß oder ein Zeh gefehlt, oder der Nacken sei so verspannt gewesen, dass ihm ein Schwerpunkt gewidmet werden musste. Eine Kundin hatte Gicht im linken Knie, deshalb musste man es aussparen. Und, sagt Ponpan, jede Masseurin habe ihre eigene Technik, ihre Art, die Muskeln auseinanderzuziehen, die Sehnen zu strecken. Sie seien sechs Freundinnen, aber jede habe mal bei einer anderen Lehrerin zugesehen und gelernt.

Die sechs Frauen haben fast zwei Jahrzehnte ihre Körper gegen die Körper der Kunden gestemmt, die dann dalagen wie Gummi. Sie berührten Narben, die von Operationen stammten, die hätten schiefgehen können. Sahen irre Tattoos an irren Stellen, zum Beispiel durch Reifen springende Delfine auf der rechten Pobacke. Die Frauen erzählen von früher wie von einer guten Zeit.

Bo sagt, sie kehre seit der Coronakrise an vielen Tag ohne Verdienst nach Hause

Bo sagt, sie kehre seit der Coronakrise an vielen Tag ohne Verdienst nach Hause

Foto: Karl Vandenhole / DER SPIEGEL

Zu Beginn der Coronakrise blieben die Frauen einige Monate zu Hause. Die Regierung überwies ihnen hin und wieder mehrere Tausend Baht Soforthilfe, jeweils ein paar Hundert Euro, das half ein wenig bis zum Frühjahr 2021. Seitdem leben sie von Lebensmittelspenden und indem sie sich gegenseitig mit dem Nötigsten aushelfen.

Die Ehemänner, fast alle Taxifahrer, waren auch zu Hause. Bo sagt, sie habe viel geschlafen in dieser Zeit. Weil sich beim Schlafen, wenn es gut läuft, der Kopf ausschaltet und die Fragen aufhören: Wie es weitergeht. Wann es wird wie früher.

Wann wird es wieder wie früher?

»Sag du es mir, meine Liebe«, sagt Bo.

16.30 Uhr: Kundschaft. Ein Ehepaar um die 50. Die Waden des Mannes sehen zerbrechlich dünn aus. Die Frau legt sich auf die Matte neben ihm.

Bo teilt Maitai und Nana zum Dienst ein, sie knien über dem Paar, die kneten die Muskeln neben den Wirbeln. Das Meer und das Kreischen der Vögel in den Palmen sind die Musik dieser Massage.

Bo, an der Holzhütte, sagt: »600 Baht, geteilt durch sechs. Keine geht mit nichts nach Hause heute.«

Natürlich ist die Frage dieser Geschichte, warum sechs Frauen jeden Tag an einen Arbeitsplatz zurückkehren, an dem es nichts zu verdienen gibt. Dabei ist der Abschnitt drei am Mai Khao Beach viel mehr als ein Ort, an dem eine Dienstleistung angeboten wird. Es ist der Treffpunkt von Bo, Min, Leila, Nana, Ponpan und Maitai. Sechs Freundinnen, wartend. Im Sitzstreik gegen ein Virus.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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