Massaker von Aksum »Sie erschossen meine Nachbarin. Neben ihren Kindern. Einfach so«

Sie plünderten und mordeten, bis sich die Leichen stapelten: Soldaten aus Eritrea haben in der äthiopischen Region Tigray Massaker begangen. Der SPIEGEL hat mit Überlebenden gesprochen.
Stummes Zeugnis: Zurückgelassene Schuhe von Geflüchteten in Tigray

Stummes Zeugnis: Zurückgelassene Schuhe von Geflüchteten in Tigray

Foto: Nariman El-Mofty / dpa

Zwei Tage vor dem Jahresfest der Maria von Zion kam das Grauen nach Aksum, das Zentrum des christlichen Glaubens in Äthiopien. Es sei wie ein Albtraum gewesen, eine Vision aus der Hölle, sagt Mikael*, der bis dahin in Aksum lebte, einer Stadt in der Provinz Tigray an der Grenze zu Eritrea.

Mikael trug noch die weiße Gabi, das Gewand der äthiopisch-orthodoxen Christen, und war auf dem Weg zur Kirche, als an jenem 28. November vergangenen Jahres Schüsse durch die Stadt hallten.

Er rannte nach Hause und versteckte sich, während eritreische Soldaten begannen, von Haus zu Haus zu ziehen und wahllos zu töten. Der 16-Jährige schaute aus dem Fenster. »Sie suchten hauptsächlich junge Männer, sie erschossen sie auf der Straße und in den Häusern«, sagt er an einem Samstag im Februar an der sudanesisch-äthiopischen Grenze, wohin er geflohen ist. »Aber ich sah auch zu, wie sie meine Nachbarin erschossen. Neben ihren Kindern. Einfach so.«

Wenige Wochen zuvor, am 4. November, hatte Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed der Regionalregierung des Bundesstaats Tigray den Krieg erklärt. Seitdem kämpft die äthiopische Armee auf Befehl des Friedensnobelpreisträgers zusammen mit ihren Verbündeten, unter anderem aus Eritrea, gegen die Verbände der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Und gegen die dortige Zivilbevölkerung.

Viele Wochen erreichten die Berichte aus Tigray den Rest der Welt nur spärlich. Die Telefonnetze blieben lange ausgeschaltet. Hilfsorganisationen haben noch immer nur stark begrenzten Zugang, Journalisten fast gar keinen. Doch nun, da die Telefone immer öfter wieder funktionieren und immer mehr geflüchtete Männer, Frauen und Kinder aus Tigray in den Lagern im Sudan ihre Geschichten erzählen, wird das Bild klarer.

Nun mehren sich Berichte von massiven Plünderungen, Vergewaltigungen, Hinrichtungen und Massakern gerade durch eritreische Truppen. Eine Kampagne, die nach Einschätzung von Experten genozidale Züge trägt.

Aus keinem Ort klingen die Erzählungen so brutal, so blutrünstig wie aus Aksum.

Flucht vor dem Tod: Männer und Frauen an der Grenze zum Sudan

Flucht vor dem Tod: Männer und Frauen an der Grenze zum Sudan

Foto: Nariman El-Mofty / AP

Der SPIEGEL konnte im Sudan mit einem halben Dutzend Augenzeugen sprechen, die das Massaker überlebt haben. Ihre Aussagen wurden mit den Berichten verglichen, die europäische Forscher über verzweigte Netzwerke aus Tigray erreichten. Sie decken sich zudem mit einem Report  von Amnesty International.

Aus den Erzählungen formt sich ein Bild grausamer Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das Bild einer Stadt, die zu einem Schlachthaus wurde, auf deren Straßen sich die Leichen türmten. Deren Besatzer zwei Tage lang auf die schossen, die versuchten, ihre Toten zu beerdigen. Es wurde systematisch geplündert und hingerichtet.

Das Massaker von Aksum scheint das bisher schwerste bekannt gewordene Kriegsverbrechen eritreischer Truppen im Norden Äthiopiens zu sein. Dass Eritrea überhaupt Truppen in sein Nachbarland schickt, um mit der dortigen Zentralregierung einen Aufstand niederzuschlagen, hat auch historische Gründe. Die in der Provinz Tigray starke TPLF ist der Erzfeind von Isayas Afewerki, dem Langzeitdiktator von Eritrea.

»Das Ausmaß der Gewalt durch das eritreische Militär ist unvorstellbar«, sagt Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrikareferentin bei Amnesty International. »In der Annahme, die internationale Gemeinschaft würde davon nichts mitbekommen, wurden Kriegsverbrechen und mutmaßlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.« Aber die Angst war bereits vor dem Massaker nach Aksum gekommen.

Neun Tage bevor sich die Leichen vor Mikaels Tür reihten, fielen Granaten auf die Stadt. An der Seite der äthiopischen Streitkräfte legte die eritreische Armee Aksum am 19. November unter Artilleriebeschuss.

Mikael sah, wie vor ihm eine Granate eine Frau direkt in die Brust traf und zerriss. Andere Anwohner berichten ebenfalls von starkem Artilleriebeschuss ziviler Ziele.

Tigrayische Truppen seien nicht in der Stadt gewesen, berichten Zeugen gegenüber Amnesty International. Ein Flüchtling im Sudan berichtete dem SPIEGEL, er habe gesehen, wie eine Frau, die ihr Kind auf dem Rücken getragen habe, von einem Schrapnell in den Rücken getroffen worden sei. Dort, wo ihr Baby festgebunden gewesen sei. Beide seien gestorben. Ein 23-jähriger Überlebender erzählte von panischen Fluchtszenen, von Frauen mit Kindern unter schwerem Artilleriebeschuss.

Bald darauf rückten die eritreischen Truppen in die Stadt ein. Sie taten, was sie in diesem Krieg in den meisten Fällen tun: Sie plünderten Geschäfte und Privathäuser, Autos, Generatoren und Maschinen. Und sie töteten. Schon am Tag des Einmarsches gingen sie wohl auf der Suche nach tigrayischen Kämpfern von Haus zu Haus; junge Männer, die nur im Verdacht standen, TPLF-Kämpfer zu kennen, wurden erschossen. Für ein Todesurteil scheinen Fotos auf dem Handy gereicht zu haben. In den folgenden Tagen plünderten sie weiter die Stadt. Auch Erschießungen gab es weiterhin. Neun Tage voller Angst und Terror hatten begonnen. Doch das Schlimmste sollte noch kommen.

Am Morgen des 28. November griff eine kleine Gruppe tigrayischer Milizionäre eine eritreische Stellung auf dem Berg Mai Koho an, wenige Hundert Meter östlich des Zentrums von Aksum. Zeugen berichteten Amnesty International, es habe sich um nicht mehr als 50 bis 80 Milizionäre gehandelt. Unterstützt wurden sie von einheimischen Jugendlichen. »Viele von uns wollten helfen, unsere Stadt zu retten«, so ein Jugendlicher aus Aksum gegenüber dem SPIEGEL, »mit Steinen und Stöcken.«

Es war ein ungleicher Kampf, der sich in den nächsten Stunden entwickelte. Die Eritreer eröffneten das Feuer mit Sturmgewehren. Und als sie den Angriff zurückgeschlagen hatten, gingen sie hinunter in die Stadt, um Rache zu nehmen. Gleichzeitig, so Berichte von Augenzeugen, seien Panzer und Lastkraftwagen mit Truppen in die Stadt gerollt.

Am Nachmittag zogen eritreische Soldaten in der Stadt von Haus zu Haus. Sie zerrten, so berichten es Anwohner, junge Männer auf die Straßen und erschossen sie. Oder sie drangen in die Häuser ein und erschossen sie dort. Ein Schüler berichtet dem SPIEGEL, er habe am nächsten Morgen mehrere Gruppen toter junger Männer auf seiner Straße liegen gesehen. Sie hatten sich anscheinend nebeneinander hinstellen müssen, bevor sie hingerichtet wurden.

»Fünf meiner Freunde waren bereits tot. Der sechste wurde in den Bauch getroffen. Blut sprudelte wie eine Fontäne aus ihm. Ich brachte ihm ein Laken und versuchte, ihn zu verbinden, während die Kugeln neben mir einschlugen.«

Überlebender des Massakers von Aksum

»Ich sah viele meiner Freunde sterben. Einer bat mich um Hilfe«, berichtete ein traumatisierter junger Mann Amnesty International. »Die eritreischen Soldaten lagen auf dem Boden und schossen aus der Distanz auf uns. Fünf meiner Freunde waren bereits tot. Der sechste wurde in den Bauch getroffen. Blut sprudelte wie eine Fontäne aus ihm. Ich brachte ihm ein Laken und versuchte, ihn zu verbinden, während die Kugeln neben mir einschlugen«, so erzählte es der Augenzeuge und Überlebende den Amnesty-Experten weiter. »Er bat immer wieder: ›Kannst du mich bitte ins Krankenhaus bringen!‹ Aber das konnte ich nicht. Das Krankenhaus war bereits geplündert worden, und sie töteten die Patienten dort. Dann war er tot. Seine letzten Worte waren: ›Ich bin müde, ich möchte schlafen. Rette dein Leben. Renn weg!‹«

Der Diakon einer Kirche in Aksum, der die Ausweise der Toten einsammelte, schätzt, dass rund 800 Menschen massakriert wurden. Amnesty International konnte die Namen von mehr als 200 Toten ermitteln. Ein junger Mann erzählte dem SPIEGEL, er habe am nächsten Tag, als er versuchte, aus der Kirche nach Hause zu seiner Mutter zu kommen, über 100 Tote auf dem Weg gezählt.

Während die eritreischen Soldaten weiter durch die Straßen zogen, verboten sie den Menschen, ihre Toten zu beerdigen. Fast zwei Tage lang lagen die Leichen auf den Straßen. Verwesungsgeruch legte sich über das Zentrum der Stadt.

»Das ist ein Schritt in Richtung Genozid.«

Jan Nyssen, belgischer Äthiopienexperte

Laut Amnesty International wurden am 29. November außerdem Hunderte, wenn nicht Tausende Männer verhaftet. Mehrere Überlebende berichten, eritreische Soldaten hätten sie gewarnt, es werde ihnen, sollten sie jemals wieder aufbegehren, genauso ergehen wie ihren Toten.

»Das ist«, so der belgische Äthiopienexperte Jan Nyssen, »ein Schritt in Richtung Genozid.«

* Der Name von Mikael wurde zum Schutz seiner noch in Tigray lebenden Familie in diesem Text geändert.

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