Nach Schüssen auf Schwarzen Trump plant Besuch in Kenosha

Die Schüsse der Polizei auf einen Afroamerikaner in Kenosha haben die Proteste gegen Rassismus in den USA befeuert. Präsident Trump schürt nun die Angst vor Chaos und will selbst nach Kenosha reisen.
Familie des von der Polizei angeschossenen Jacob Blake

Familie des von der Polizei angeschossenen Jacob Blake

Foto: STEPHEN MATUREN / REUTERS

US-Präsident Donald Trump wird in die Stadt Kenosha reisen, die nach Schüssen in den Rücken eines Schwarzen bei einem Polizeieinsatz von Protesten erschüttert wird. Trump werde sich dort am Dienstag mit Sicherheitsbehörden treffen und den Schaden nach den Ausschreitungen der vergangenen Tage ansehen, sagte ein Sprecher des Weißen Hauses am Samstag.

Eine zentrale Botschaft Trumps im laufenden Präsidentschaftswahlkampf ist das Versprechen von "Recht und Ordnung". Das war auch das Leitmotiv seiner bisherigen Äußerungen zu den Ereignissen in Kenosha.

Schüsse in den Rücken

In der Stadt im US-Bundesstaat Wisconsin hatte vor einer Woche ein Polizist dem 29-jährigen Jacob Blake siebenmal in den Rücken geschossen. Auf einem Video des Zwischenfalls ist zu sehen, wie Blake davor um ein Auto geht, während ihm zwei Polizisten mit gezogenen Waffen folgen. Eine davon ist auf seinen Rücken gerichtet. Als Blake die Fahrertür aufmacht und sich hineinbeugt, greift einer der Polizisten ihn am Shirt und schießt.

Das Video löste in den USA Empörung und Proteste aus. Im Auto befanden sich Blakes Kinder im Alter von drei, fünf und acht Jahren. Am Samstag gab es in Kenosha einen Protestmarsch mit Hunderten Teilnehmern.

Proteste in Kenosha, 24.8.2020

Proteste in Kenosha, 24.8.2020

Foto: STEPHEN MATUREN / REUTERS

Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden und seine Vize Kamala Harris hatten in den ersten Tagen nach dem Polizeieinsatz mit der Familie Blakes telefoniert. Von Trump habe er nichts gehört, sagte Vater Jacob Blake Senior dem Sender CNN am Freitag. Und er lege auch keinen Wert mehr darauf: "Es ist zu spät. Er hätte vor vier Tagen anrufen müssen."

"Kein guter Anblick"

Trump hatte sich am Freitagabend zum ersten Mal nicht nur zu den Krawallen, sondern auch zu den Schüssen auf Blake geäußert: "Wir untersuchen das sehr nachdrücklich. Es war kein guter Anblick." Kenoshas Bürgermeister John Antaramian sagte dazu: "Ich denke, der Präsident sollte sich heraushalten."

Biden, der acht Jahre Vize von Präsident Barack Obama war, ist bei schwarzen US-Amerikanern populär. Trump erklärte in seiner Nominierungsrede auf dem Parteitag der Republikaner am Donnerstag: "Ich sage mit großer Bescheidenheit, dass ich mehr für die afroamerikanische Community getan habe als jeder Präsident seit Abraham Lincoln."

Brennendes Gebäude in Kenosha, 24.8.2020

Brennendes Gebäude in Kenosha, 24.8.2020

Foto: STEPHEN MATUREN / REUTERS

Trump versucht, die Demokraten mit Gewalt bei Protesten in Verbindung zu bringen und Ängste bei potenziellen Wählern zu schüren. Die Krawalle seien ein Vorgeschmack darauf, dass in "Bidens Amerika" niemand sicher sein werde, sagte Trump.

Der genaue Ablauf des Polizeieinsatzes gegen Blake ist nach wie vor unklar. Der Generalstaatsanwalt von Wisconsin, Josh Kaul, der in dem Fall ermittelt, teilte zwischenzeitlich mit, dass im Fahrzeug auf dem Boden der Fahrerseite ein Messer gefunden worden sei.

Er machte aber auf Nachfrage von Reportern keine Angaben dazu, ob Blake ein Messer in der Hand gehabt habe. Zudem hieß es, die Polizisten hätten zweimal versucht, Blake mit einem Elektroschocker zu betäuben, das habe aber nicht funktioniert.

Blake von der Hüfte abwärts gelähmt

Die Polizeigewerkschaft von Kenosha, die nicht an den Ermittlungen beteiligt ist, erklärte am Wochenende, gegen Blake habe zum Zeitpunkt des Polizeieinsatzes ein Haftbefehl wegen des Vorwurfs eines sexuellen Übergriffs vorgelegen, wovon die Polizeibeamten gewusst hätten. Zudem hätten sie ein Messer in seiner Hand gesehen und es habe eine körperliche Auseinandersetzung zwischen Blake und den Polizisten gegeben.

Blakes Anwälte erklärten im Sender CNN, diese Behauptungen seien "übertrieben" und sollten dazu dienen, den Einsatz übermäßiger Gewalt gegen Blake zu rechtfertigen.

Die Anzeige war der Grund dafür, dass der nach den Schüssen von der Hüfte abwärts gelähmte Blake mit einer Fußfessel an das Krankenhaus-Bett gebunden wurde. Nach Kritik der Familie wurde dies aufgehoben.

Trump hatte die Forderungen, in Kenosha schnell für Ordnung zu sorgen, verschärft, nachdem in der dritten Nacht der Proteste zwei Menschen getötet und einer verletzt wurde. Als Schütze wurde im benachbarten Bundesstaat Illinois ein 17-Jähriger festgenommen. Er war unterwegs zusammen mit anderen bewaffneten Zivilisten, die von sich behaupteten, Eigentum vor Plünderungen beschützen zu wollen.

Seine Schüsse auf zwei Menschen wurden von Augenzeugen auf Videos festgehalten. Er wurde unter anderem wegen Mordes und versuchten Mordes angeklagt. Sein Anwalt erklärte am Wochenende, es sei Selbstverteidigung gewesen.

Auf seinem von US-Medien gefundenen Social-Media-Profilen trat der 17-Jährige als Fan der Polizei und Trump-Befürworter in Erscheinung.

Ein Toter in Portland

Auch in Portland kam es bei Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt zu einem tödlichen Zwischenfall. Am späten Samstagabend sei es in der Innenstadt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen gegnerischen Gruppen gekommen, teilte die Polizei per Twitter mit. Eine Person sei in die Brust geschossen worden. Rettungskräften zufolge verstarb das Opfer. Weitere Details wurden zunächst nicht bekannt.

Die Polizei nahm nach eigenen Angaben mehrere Personen fest. Es werde wegen eines Tötungsdeliktes ermittelt. In Portland kommt es seit Monaten zu Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt sowie zu Gegendemonstrationen, die zum Teil in Gewalt umgeschlagen sind.

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