Europa hat die humanitäre Katastrophe in Idlib bislang weitgehend ignoriert. Erst die Bilder von Migranten, die Richtung Norden ziehen, reißen manche Staaten nun aus ihrer Lethargie. Deutschland und Frankreich beantragten mit Großbritannien und den USA eine Sondersitzung des Uno-Sicherheitsrates. Die EU müsse sofort die humanitäre Hilfe erhöhen und individuelle Sanktionen gegen all jene verhängen, die in Syrien Völkerrecht brechen, fordert die Grünen-Europapolitikerin Franziska Brantner.
Die EU zahlt jetzt den Preis dafür, dass es auch nach Jahren der Verhandlungen keine funktionierende europäische Migrationspolitik gibt. Die Balkanroute ist geschlossen. Die EU-Staaten lassen Griechenland mit den ankommenden Flüchtlingen allein. Ein moderater Anstieg der Flüchtlingszahlen reichte aus, um das griechische Aufnahmesystem seit Juli an den Rand des Kollapses zu bringen.
So hat die EU sich abhängig gemacht von Erdogan. Das lässt der türkische Präsident die EU nun spüren, weil er sich im Syrienkrieg selbst in eine Sackgasse manövriert hat.
Erdogan hat darauf vertraut, dass seine Männerfreundschaft zu Russlands Präsident Wladimir Putin ausreichen würde, um in Idlib türkische Interessen durchsetzen zu können und einen Teil des Territoriums zugeschlagen zu bekommen. Nun muss er feststellen, dass die Beziehung zu Putin weniger belastbar ist als angenommen.
Erdogan hat in den vergangenen Wochen versucht, den Vormarsch des syrischen Diktators Baschar al-Assad in Idlib zu stoppen. Er erhöhte die Präsenz seines Militärs in der Provinz dramatisch. Spätestens mit dem Angriff von Donnerstagnacht dürfte ihm der Preis dafür schmerzlich bewusst geworden sein: Bei dem Angriff wurden so viele türkische Soldaten getötet wie nie zuvor an einem einzigen Tag im Syrienkrieg. Die Fotos der jungen Männer verbreiteten sich in den sozialen Medien.
Weil Putin so ruchlos vorgeht, bleiben Erdogan kaum Handlungsoptionen. Er muss nun um die Hilfe von Partnern buhlen, die er in den vergangenen Jahren wie Feinde behandelt hat: Europäer und Amerikaner.
In Ankara ist man sich offenbar bewusst, wie gering die Bereitschaft gerade in Europa ist, sich in diesen Krieg hineinziehen zu lassen. Deshalb versucht man es direkt mit Erpressung: Entweder ihr helft uns oder wir schicken euch die Flüchtlinge.
Am Grenzübergang in Kastanies drängen sich am Freitag Hunderte Geflüchtete in der Pufferzone zwischen griechischem und türkischem Checkpoint. Eine 19-jährige Iranerin ist eine von ihnen. Sie floh vor Verfolgung durch das Regime. Den ganzen Tag hat sie versucht, die Grenze zu überqueren. Jetzt will sie zurück, aufgeben, zumindest für heute. Doch die türkischen Polizisten ließen sie nicht mehr durch, sagt sie am Telefon. "Bitte helft uns," ruft sie.
Immer wieder heulen die Sirenen der griechischen Grenzschützer auf. Gleich neben dem Übergang beginnt der Evros, der Grenzfluss führt zurzeit nur wenig Wasser, was die Überquerung erleichtert. Die Vertriebenen verstecken sich zwischen den Bäumen, sie warten auf den richtigen Moment, um nach Europa zu gelangen.
Mit Einbruch der Dunkelheit wird es für die Polizei immer schwerer, die Bewegungen der Menschen auszumachen. Auf Videos ist zu sehen, wie auf der türkischen Seite Panik unter den Flüchtlingen ausbricht.