Operation "Tigerkralle" Erdogans Offensive gegen die PKK im Nordirak

Die Türkei verlegt ihren Kampf gegen die PKK stärker in den Nordirak. Unter den Angriffen leiden auch viele Jesiden. Sie waren bereits Ziel der Terrormiliz "Islamischer Staat". Nun wächst ihre Angst erneut.
Eine Analyse von Anna-Sophie Schneider
Verteidigungsminister Akar in der Kommandozentrale: "Unsere Gebirgsjäger und unser Heer werden ein neues goldenes Kapitel ihrer Geschichte schreiben"

Verteidigungsminister Akar in der Kommandozentrale: "Unsere Gebirgsjäger und unser Heer werden ein neues goldenes Kapitel ihrer Geschichte schreiben"

Foto: Uncredited / dpa

Im Krieg gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK streben die türkischen Streitkräfte ein "neues goldenes Kapitel ihrer Geschichte an". Das zumindest hat Verteidigungsminister Hulusi Akar kürzlich angekündigt. Unter seiner Führung hat die Armee in den vergangenen Wochen zwei neue Operationen gegen die PKK gestartet. Die ersten Erfolgsmeldungen der Luftoffensive "Adlerkralle" und der damit einhergehenden Bodenoffensive "Tigerkralle" hat das Verteidigungsministerium medienwirksam verkündet.

Innerhalb kurzer Zeit hat die Türkei eigenen Angaben zufolge Dutzende Ziele der PKK bombardiert. "Es wurden viele Höhlenverstecke der Terroristen vernichtet", sagte Akar und brachte seinen Stolz auf die Soldaten dabei deutlich zum Ausdruck. Auf Twitter sprach das türkische Verteidigungsministerium später von "heldenhaften Kommandos".

Ziel der Luftangriffe waren dabei die Kandil-Berge nahe der iranischen Grenze, rund 100 Kilometer südlich der Türkei. Auch sollen Stellungen in Sindschar, Hakurk, Zap und Avasin-Basyan angegriffen worden sein. Der Kampf der Türken gegen die PKK verlagert sich dabei also zunehmend auch in den Nordirak. Unterstützt werden die Luftangriffe seit vergangener Woche zusätzlich von Hunderten Elitesoldaten.

Seit 1984 kämpft die PKK gegen den türkischen Staat

Als Begründung für die jüngsten Offensiven gibt Ankara offiziell Sicherheitsbedenken an. "Die Operation wurde eingeleitet, um die Sicherheit des türkischen Volkes und der Grenzen des Landes zu gewährleisten", hieß es aus dem Verteidigungsministerium. Dazu sei es nötig, die PKK zu neutralisieren. Zuletzt gab es mehrere Anschläge auf türkische Sicherheitsorgane, auf Stützpunkte im Irak und im Südosten des Landes.

Die PKK kämpft seit 1984 gegen den türkischen Staat. In dem Konflikt kamen seither mehr als 40.000 Menschen ums Leben, darunter auch immer wieder Zivilisten. So explodierten 2016 zwei Autobomben im Istanbuler Stadtteil Besiktas in der Nähe des Stadions und töteten 46 Menschen. Der Kampf gegen die PKK stößt daher in der Bevölkerung auf Zuspruch. In den staatsnahen Medien werden Nachrichten zur aktuellen Lage schon mal mit militärischer Musik untermalt und erinnern an Werbekampagnen türkischer Waffenhersteller.

Die Türkei hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Drohnenmacht entwickelt. Im Einsatz gegen die Terrororganisation PKK brachten die unbemannten Flugobjekte aus heimischer Produktion der Armee entscheidende Vorteile. Und auch jetzt kommen die Drohnen wieder zum Einsatz. Potenzielle Käufer aus dem Ausland dürften auf diesem Weg die Vorzüge der türkischen Drohnen nahegebracht werden. Zugleich gab die Türkei in diesem Zusammenhang an, mit größter Vorsicht vorgegangen zu sein, um Zivilisten "nicht zu schaden".

Angriffe findet im Heimatgebiet der Jesiden statt

Berichte kurdischer Organisationen widersprechen dem allerdings. Sie werfen der Türkei Angriffe auf das große Flüchtlingslager Machmur, 60 km südöstlich von Erbil, vor. Auch seien eine Krankenstation und ein Rückkehrlager von Jesiden im Sindschar-Gebirge angegriffen worden.

Die jesidische Deutsche Düzen Tekkal berichtet Ähnliches. Die Menschenrechtlerin hat die Hilfsorganisation Hawar.help  mitgegründet und steht mit Helfern im Nordirak im ständigen Austausch. "Die Menschen vor Ort sind jetzt stark verunsichert und sie haben einfach Angst", sagt Tekkal. Erst kürzlich waren rund 150 jesidische Familien zurück in ihre Heimat gegangen, aufgrund der aktuellen Aggressionen seien sie nun erneut auf der Flucht.

Tekkal fürchtet, dass die Jesiden, die bereits von der Terrormiliz "Islamischer Staat" verfolgt werden, nun zum geopolitischen Spielball werden könnten. "Die Menschen im Nordirak fühlen sich ausgeliefert", sagt sie. Ihrer Meinung nach versucht die Türkei, über die kurdische Frage hinaus im Nordirak ihre Grenzen zu erweitern. Zudem vermutet Tekkal hinter den jüngsten Offensiven auch innenpolitisches Kalkül.

Die Wirtschaftslage in der Türkei ist schlecht, die Regierungspartei AKP bewegt sich aktuellen Umfragen zufolge bei etwa 30 Prozent. "Der äußere Feind eint", sagt Tekkal. Die Türkei brauche die PKK daher als starkes Feindbild.

Spielen innerkurdische Friedensverhandlungen eine Rolle?

Türkeiexperte Kristian Brakel von der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul weist hingegen darauf hin, dass die Türkei jedes Jahr im Frühling größere Offensiven gegen die PKK startet. Aufgrund der Corona-Pandemie könnte sich das in diesem Jahr verschoben haben. Brakel schließt jedoch nicht aus, dass auch andere Gründe hinter der Operation stecken könnten, etwa Annäherungen zwischen verfeindeten kurdischen Lagern.

Der türkische Verteidigungsminister Akar setzt in jedem Fall auf eine archaische Rhetorik: "Unsere Gebirgsjäger und unser Heer werden ein neues goldenes Kapitel ihrer Geschichte schreiben", sagte er unlängst öffentlich. Dass der jahrzehntelange Konflikt bald zu Ende sein wird, ist jedoch maximal unwahrscheinlich.

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