Erdoğan nimmt Messengerdienst ins Visier Türkische »Whatsappokalypse«

Wegen neuer Nutzerbedingungen hat sich Erdoğan von WhatsApp abgewandt. Millionen Menschen taten es ihm gleich. Kritiker fürchten jedoch, dass die türkische Alternative Ankara die Überwachung leichter macht.
Blick aufs Smartphone: Erdoğan rät seinen Landsleuten, künftig nur noch heimische Messengerdienste zu nutzen (Archivbild)

Blick aufs Smartphone: Erdoğan rät seinen Landsleuten, künftig nur noch heimische Messengerdienste zu nutzen (Archivbild)

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PATRICK DOMINGO/ AFP

Aufwendige Serienproduktionen aus der Türkei gelten bereits seit einigen Jahren als Exporthit. Geschichten rund ums Osmanische Reich  ziehen Millionen Menschen weltweit vor die Bildschirme. Seit Anfang Januar feiert nun ein weiteres türkisches Produkt überraschende Erfolge im In- und Ausland.

Der Messengerdienst BiP der teilstaatlichen Telefongesellschaft Turkcell wurde in den vergangenen Wochen mehr als zehn Millionen Mal heruntergeladen. Regierungsnahe Medien in der Türkei liefern seit dem 6. Januar regelmäßig neue positive Schlagzeilen über die heimische App.

Verkündet werden dabei enorme Zuwachse bei den Nutzerzahlen – und zwar zunächst in der Türkei, wenige Tage später in Indonesien und Bangladesch. Zuletzt hieß es dann, dass sich BiP auch in Bahrain, Saudi-Arabien und Pakistan zunehmender Beliebtheit erfreue.

»Ich mag die Türkei. Ich liebe türkische Serien. Ich mag den mutigen türkischen Anführer Erdoğan. Also habe ich die App als meine App heruntergeladen«, zitiert die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu  dazu einen Studenten aus Bangladesch. Tatsächlich steckt hinter dem Erfolg von BiP mehr als die in einigen islamischen Ländern herrschenden Sympathien für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Der weltweit erfolgreichste Messengerdienst WhatsApp ändert seine Nutzerbedingungen. Die neuen Richtlinien beinhalten einen automatischen Austausch gewisser Nutzerdaten mit dem Mutterkonzern Facebook. Zwar beteuert WhatsApp, dass sich aus der Aktualisierung der Datenschutzrichtlinie keine Änderungen bei der Weitergabe von Nutzerdaten an Facebook ergeben würden. Dennoch sorgte der Anfang Januar angekündigte Schritt international für Ärger. Besonders groß war dieser in der Türkei.

Telegram-Chef begrüßt Erdoğan und Bolsonaro

Wegen der neuen Richtlinien hat Präsident Erdoğan sich von WhatsApp abgewandt und rät seinen Landsleuten, auf heimische Dienste wie BiP und Dedi umzusteigen. Zudem hat er dazu aufgerufen, sich zusammen gegen den »digitalen Faschismus« zu stellen. Offiziellen Zahlen zufolge hat der Appell durchaus gefruchtet.

Quasi über Nacht sind demnach bereits am 6. Januar mehr als eine Million Nutzer auf den empfohlenen Dienst BiP umgestiegen. Auch andere Messenger wie Telegram und Signal profitieren von dem Ärger über WhatsApp und verzeichnet weltweit wachsende Download-Zahlen. Selbst Erdoğan nutzt mittlerweile Telegram.

App-Gründer Pavel Durov hat den türkischen Präsidenten und auch Brasiliens Staatsoberhaupt Jair Bolsonaro kürzlich dort begrüßt – und von der möglicherweise größten digitalen Migration der Geschichte gesprochen. Die regierungsnahe türkische Zeitung »Daily Sabah«  schrieb in diesem Zusammenhang sogar von einer »Whatsappokalypse«.

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Neben den neuen Richtlinien sorgt in Ankara noch ein weiterer Punkt für Unmut: Den neuen Bedingungen muss in jedem Fall zugestimmt werden, um WhatsApp weiter nutzen zu können. Allerdings soll es in der für die EU und Großbritannien geltenden, überarbeiteten Richtlinie keine Änderungen geben, die das Teilen von Daten mit anderen Facebook-Unternehmen betreffen, wie ein Whatsapp-Sprecher der Nachrichtenagentur dpa erklärte. Für die restlichen Länder gilt eine andere Richtlinie. Außerhalb der EU fließen Whatsapp-Nutzerdaten an Facebook zu Werbezwecken oder zur Verbesserung von Produkten – allerdings bereits seit dem Jahr 2016.

Zudem wirbt Ali Taha Koç, der in Erdoğans Stab für digitale Transformation verantwortlich ist, für die angeblichen Sicherheitsvorteile türkischer Dienste: »Wir müssen unsere Daten mit lokaler und nationaler Software schützen und sie nach unseren Bedürfnissen entwickeln. Lassen Sie uns nicht vergessen, dass die Daten der Türkei in der Türkei dank lokaler und nationaler Lösungen bleiben werden.«

»Die türkischen Behörden möchten offensichtlich einfach und zentral auf die Benutzerdaten zugreifen können«

Yaman Akdeniz, türkischer Internetexperte

Regierungskritiker fürchten jedoch, dass die türkische WhatsApp-Alternative BiP es der Regierung in Ankara leichter machen könnte, Bürger zu überwachen. »Die türkische App hat keine Vorteile gegenüber ausländischen Diensten«, sagte Internetexperte Yaman Akdeniz dem SPIEGEL. Es sei ein Mythos, dass heimische Angebote sicherer seien. Vielmehr könnten Regierungsbehörden die Daten von Nutzern in der Türkei leichter abrufen, wenn sie bei einem türkischen Unternehmen gespeichert seien.

»Die türkischen Behörden möchten offensichtlich einfach und zentral auf die Nutzerdaten zugreifen können. Je mehr Benutzer in einem nationalen Dienst sind, desto besser für sie«, sagte Akdeniz. Ob die Bürger in der Türkei tatsächlich dauerhaft auf heimische Dienste umsteigen, müsse man jedoch abwarten. Als größere Gefahr für die Meinungsfreiheit sieht Akdeniz das neue Social-Media-Gesetz.

Neues Social-Media-Gesetz bedroht die Meinungsfreiheit

Dieses gilt seit dem 1. Oktober in der Türkei. Es verpflichtet soziale Netzwerke mit mehr als einer Million täglichen Nutzern dazu, Verantwortliche in der Türkei benennen, die nach gerichtlichen Anordnungen Inhalte von den Plattformen löschen. Bei Zuwiderhandlungen drohen Geldstrafen, Werbeverbote und letztlich eine Beschränkung der Datenübertragung von bis zu 90 Prozent.

Facebook hat mittlerweile die Ernennung eines Vertreters in der Türkei angekündigt. Zudem hat WhatsApp mitgeteilt, die Einführung seiner neuen Datenschutzregeln um mehr als drei Monate zu verschieben. Bisher musste man bis zum 8. Februar den neuen Bedingungen zustimmen, um den zu den Dienst weiterhin nutzen zu können. Jetzt soll die neue Datenschutzrichtlinie erst vom 15. Mai an gelten.

Andere Social-Media-Plattformen stemmen sich jedoch bisher gegen das umstrittene Gesetz in der Türkei. Twitter, Persicope und Pinterest bekommen nun erstmals die Folgen zu spüren. Anfang der Woche wurde in der Türkei ein Werbeverbot gegen sie verhängt.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, dass die EU und Großbritannien eine Klausel ausgehandelt hätten, die es ihren Bürgern ermöglicht, den Dienst auch ohne Zustimmung weiterzunutzen. Tatsächlich weichen die Richtlinien innerhalb der EU und Großbritannien von denen im Rest der Welt etwas ab. Den neuen Nutzungsbedingungen muss allerdings in jedem Fall zugestimmt werden.

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