Zwischen Türkei und Griechenland Schreie der Verzweiflung am Grenzzaun

Rund 15.000 Migranten stehen am türkisch-griechischen Grenzübergang inzwischen den Polizisten gegenüber. Die griechischen Beamten treiben die Geflüchteten mit Tränengas zurück. Premier Mitsotakis bittet um Hilfe von Frontex.
Tränengas und Stacheldraht: Die griechische Polizei vereitelte 4000 Grenzübertritte

Tränengas und Stacheldraht: Die griechische Polizei vereitelte 4000 Grenzübertritte

Foto: UMIT BEKTAS/ REUTERS
Globale Gesellschaft

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Die Migranten, die am Samstag durch die Straßen auf der griechischen Seite der Grenze zur Türkei laufen, haben es eilig. "Wir wollen nach Deutschland", sagt eine Frau aus Algerien. Sie ist mit drei Männern unterwegs, in der Nacht haben sie den Evros überquert, der Fluss markiert die Grenze zwischen Türkei und EU. Ihre Kleidung ist noch nass. Jetzt haben sie Angst, von der griechischen Polizei oder dem Militär festgenommen zu werden. So wie 66 andere Geflüchtete, die es auf griechischen Boden geschafft hatten.

Aufbruch nach Europa: Ein Geflüchteter watet durch den Grenzfluss Evros

Aufbruch nach Europa: Ein Geflüchteter watet durch den Grenzfluss Evros

Foto: Osman Orsal/ Getty Images

Der Grenzposten Kastanies ist zum Mittelpunkt eines Kräfteringens zwischen Türkei und Griechenland geworden. Nach SPIEGEL-Informationen schätzen Behörden, dass inzwischen 15.000 Migranten in der Nähe ausharren. Am Samstag versuchten immer wieder Gruppen von Migranten den Grenzzaun zu überwinden, auf Videos sind ihre Schreie der Verzweiflung zu hören. Die griechische Polizei setzte Tränengas ein, um sie daran zu hindern. 4000 Grenzübertritte verhinderte sie nach eigenen Angaben.

Einige Hundert Migranten wateten durch den Evros, um die griechische Seite zu erreichen. Andere waren in der Pufferzone zwischen dem türkischen und dem griechischen Grenzposten gefangen. Vor ihnen: Stacheldraht und griechische Grenzschützer.

Gedrängel an der Grenze: Migranten vor der griechischen Absperrung

Gedrängel an der Grenze: Migranten vor der griechischen Absperrung

Foto: HUSEYIN ALDEMIR/ REUTERS

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bekräftigte am Samstag in Istanbul noch einmal, was schon am Freitag offensichtlich war: "Wir haben die Tore geöffnet", sagte er. Es ist das faktische Ende des Flüchtlingsdeals zwischen der Europäischen Union und der Türkei.

Sein Land könne so viele Flüchtlinge nicht versorgen, sagte Erdogan. Außerdem habe Europa seine Versprechen gebrochen. Die Türkei spricht von 35.000 Migranten, die es bereits nach Europa geschafft hätten. Das ist wohl übertrieben, wahrscheinlich waren es bisher nur ein paar Hundert.

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"Bitte helft uns"

Foto: BULENT KILIC/ AFP

Erdogan hatte die Anweisung am Donnerstagabend erteilt, nachdem bei Kämpfen in Idlib mindestens 36 türkische Soldaten gestorben waren. Im Syrienkrieg hat er sich in eine Sackgasse manövriert. Wenn er noch eine Chance haben will, die türkische Einflusszone im Norden Syriens zu sichern, braucht er nun amerikanische oder europäische Unterstützung.

Dass die Europäer sich noch in den schon neun Jahre andauernden Bürgerkrieg einmischen wollen, ist unwahrscheinlich. Mit der Grenzöffnung versucht Erdogan nun, die EU zu Konzessionen zu zwingen.

Griechenland ist derweil entschlossen, die Geflüchteten, von denen viele bereits alles verloren haben, an der Grenze aufzuhalten. Die Aktion sei von der Türkei orchestriert, hieß es aus Regierungskreisen. Auf Videos von Samstag ist zu sehen, wie Migranten griechische Polizisten mit Tränengaskartuschen bewarfen. Die griechischen Behörden werfen der Türkei vor, dass es sich dabei um türkische Fabrikate handele, die an die Migranten ausgeteilt würden. Endgültige Beweise gibt es dafür nicht.

DER SPIEGEL

Außenminister Nikos Dendias beantragte eine Sondersitzung der EU-Außenminister. Diese wollten am Donnerstag bei einem schon zuvor angesetzten informellen Treffen in der kroatischen Hauptstadt Zagreb darüber beraten, hieß es aus EU-Kreisen.

Mitsotakis und von der Leyen diskutieren, wie Frontex helfen kann

Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis telefonierte zudem mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Charles Michel, dem Chef des Europäischen Rates. Mitsotakis bat nach Informationen des SPIEGEL in dem Gespräch um Hilfe der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Diskutiert wurde die Möglichkeit, vorerst Frontex-Mitarbeiter von anderen europäischen Grenzen abzuziehen. Die Frontex-Eingreiftruppe von 1500 Grenzschützern zu aktivieren, ist jedoch offenbar keine Option. Sie hätte die griechischen Kräfte wesentlich schneller und effektiver verstärken können.

Am Grenzposten entzündeten die Migranten bei Einbruch der Dunkelheit kleine Feuer, um sich warmzuhalten. Aus Istanbul machten sich weitere Menschen auf die Reise. Teilweise mieteten sie selbst Busse, um zurückkehren zu können, falls sie an der Grenze abgewiesen werden sollten.

Währenddessen rüsteten sich die griechischen Behörden für die Nacht, in der es schwerer ist, die mehr als 200 Kilometer lange Grenze zu überwachen. Der Plan: mehr Fahrzeuge, mehr Polizisten - und mehr Tränengas.

Mitarbeit: Antonis Repanas

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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