Konfrontation am Evros Türkische Soldaten sollen auf deutsche Frontex-Beamte gezielt haben

Am griechischen Grenzfluss Evros stehen sich türkische und europäische Grenzschützer gegenüber. Nun ist es nach SPIEGEL-Informationen zu einem gefährlichen Zwischenfall gekommen. Auch ein Schuss fiel.
Die türkisch-griechische Grenze nahe des Grenzflusses Evros

Die türkisch-griechische Grenze nahe des Grenzflusses Evros

Foto: HUSEYIN ALDEMIR/ REUTERS

An der türkisch-griechischen Landgrenze ist es zu einem gefährlichen Zwischenfall zwischen türkischen und deutschen Grenzschützern gekommen. Türkische Soldaten haben auf deutsche Beamte gezielt und mindestens einen Schuss abgegeben; unklar ist, wohin die Kugel flog. Das geht aus einem internen Dokument der europäischen Grenzschutzagentur Frontex hervor, das dem SPIEGEL vorliegt. Verletzt wurde bei dem Zwischenfall niemand.

Das deutsche Innenministerium bestätigt den Vorfall. Ein türkischer Soldat habe am Dienstagabend gegen 19.15 Uhr einen Schuss abgegeben, als sich deutsche Beamte auf der anderen Seite der Grenze aufhielten.

Die deutschen Polizisten sind im Rahmen einer Frontex-Mission in Griechenland stationiert. Der Zwischenfall ereignete sich nahe dem griechischen Ort Tychero. Ein deutscher Grenzschützer hörte nach SPIEGEL-Informationen am Dienstagabend einen Schuss von der türkischen Seite der Grenze. Anschließend ging der deutsche Polizist sofort in Deckung.

Erst ein Schuss, dann ein rechter Mittelfinger

Durch ein Fernglas sahen die deutschen Grenzschützer, wie ein türkischer Soldat auf der anderen Seite des Ufers mit einer automatischen Waffe auf die griechische Seite zielte.

Danach habe der türkische Soldat den rechten Mittelfinger gezeigt und sei zurück in sein Zelt gegangen. Andere Soldaten hätten "komm, komm" geschrien. Kurze Zeit später seien sechs weitere türkische Soldaten aufgetaucht und hätten erneut mit ihren Waffen auf die deutschen und griechischen Grenzer gezielt.

Frontex erklärte auf Anfrage, sämtliche Fakten bezüglich des Vorfalls lägen bei den griechischen Behörden. Die türkische Regierung war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Verhältnis zwischen Frontex und der Türkei ist schon lange angespannt

Einen Tag nach dem Vorfall telefonierte der griechische Vize-Migrationsminister George Koumoutsakos mit Frontex-Chef Fabrice Leggeri. Sie diskutierten dabei unter anderem die Möglichkeit, weitere Frontex-Beamte nach Griechenland zu entsenden. Gewöhnlich steigt im Sommer die Zahl der Flüchtlinge, die versuchen, über die Landgrenze oder auf die griechischen Inseln in der Ägäis zu gelangen.

Deutschland beteiligt sich seit mehreren Jahren an der Frontex-Mission in Griechenland. Meist sind es Bundespolizisten, die die griechischen Behörden bei der Kontrolle der Grenze unterstützen, aber auch die Landespolizeien stellen Beamte für die deutsche Frontex-Truppe. Bis März waren es meist um die 60 Beamte.

Nach einem Hilferuf aus Athen sagte Deutschland Anfang März weitere 20 Polizisten und einen seetauglichen Helikopter zu, der Flüchtlingsbewegungen auf dem Mittelmeer beobachten kann. Griechenland fürchtete damals, dass die Türkei die Grenzen vor allem für syrische Flüchtlinge komplett öffnen könnte.

Das Verhältnis zwischen Frontex und der Türkei war bereits nach einem aggressiven Vorfall im März angespannt. Damals hatten zwei türkische Flugzeuge einen dänischen Aufklärungsjet, der im Auftrag von Frontex in der Luft war, über mehrere Minuten verfolgt. In Deutschland wurde die Aktion als aggressiver Akt gewertet, Hintergrund sind aus Sicht der Bundesregierung lange bestehende Streitigkeiten über den genauen Verlauf der Grenze.

Erdogan schickte Tausende Migranten und Flüchtlinge an die Grenze

Ende Februar hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verkündet, die Grenzen in die EU stünden offen. Tausende Migranten versuchten, nach Griechenland zu gelangen. Immer wieder kam es zu Ausschreitungen. Griechische Sicherheitskräfte setzten Tränengas und Wasserwerfer gegen Geflüchtete ein, mindestens zwei Migranten wurden getötet.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat nach SPIEGEL-Informationen Hinweise, dass die Türkei die Ausschreitungen angefacht haben könnte. Unter die Menschenmenge sollen sich auch staatliche Kräfte gemischt haben. Unter anderem wegen der Corona-Epidemie hat Erdogan die Grenze inzwischen wieder geschlossen und das Lager am Grenzzaun aufgelöst.

Die EU verhandelt mit der Türkei derzeit über einen neuen Flüchtlingsdeal. Unter dem alten erhielt die Türkei unter anderem sechs Milliarden Euro, im Gegenzug hielt sie Flüchtlinge von der Überfahrt auf die griechischen Ägäisinseln ab.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.