Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert Kriegsführung der Ukraine

Amnesty International hat der ukrainischen Armee vorgeworfen, durch ihre Militärtaktik Zivilisten zu gefährden. Kiew reagiert empört – russische Medien zitieren natürlich umgehend aus dem Bericht.
Ukrainischer Soldat

Ukrainischer Soldat

Foto: Efrem Lukatsky / AP

Seit Februar tobt der Krieg in der Ukraine. Nun hat sich die Menschenrechtsorganisation Amnesty International die ukrainische Kriegsführung genauer angesehen – und Vorwürfe gegen Kiews Armee erhoben. In einem Bericht wirft die Organisation den ukrainischen Truppen vor, mit ihrer Taktik gegen Putins Armee zum Teil Zivilisten in Gefahr zu bringen.

Bei der Abwehr der bereits seit mehr als fünf Monaten andauernden russischen Invasion errichteten die Ukrainer Militärbasen etwa in besiedelten Wohngebieten – darunter auch in Schulen und Krankenhäusern – oder bedienten dort Waffensysteme, heißt es in einem am Donnerstag erschienenen Amnesty-Bericht.

Das Kriegsrecht aber verlange von Konfliktparteien, militärische Objekte so weit wie möglich entfernt von zivilen Einrichtungen zu platzieren, mahnte die Organisation. Das ukrainische Vorgehen sei »ein Verstoß gegen humanitäres Völkerrecht«, das nicht durch den »völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg« rechtfertigt werde.

Amnesty-Experten fanden demnach in den Regionen um Mykolajiw im Süden der Ukraine sowie bei Charkiw und im Donbass in der Ostukraine bei Recherchen zwischen April und Juni Beweise dafür, dass ukrainische Streitkräfte von Wohngebieten aus geschossen und in 19 Städten und Ortschaften Militärposten unter anderem in Schulen und Krankenhäusern eingerichtet hätten.

Amnesty zitierte einen Anwohner mit den Worten: »Wir dürfen bei den Entscheidungen des Militärs nicht mitreden, aber den Preis dafür bezahlen wir.«

Die Menschenrechtsorganisation stellte klar, dass die ukrainische Verteidigungstaktik »in keiner Weise« die »vielen wahllosen Schläge des russischen Militärs mit zivilen Opfern« rechtfertige. Russlands Angriffe bezeichnete die NGO als »Kriegsverbrechen«.

Amnesty wirft Russland Kriegsverbrechen vor

Während der Bericht von kremltreuen russischen Medien ausführlich thematisiert wurde, zeigte sich Kiew empört. Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak warf Amnesty eine Beteiligung an einer russischen Propagandakampagne vor, mit welcher die westlichen Waffenlieferungen gestoppt werden sollen.

»Die einzige Gefahr für Ukrainer ist die russische Armee aus Henkern und Vergewaltigern, die in die Ukraine kommen und einen Genozid verüben«, schrieb Podoljak auf Twitter. Er verwies zudem darauf, dass immer wieder Bewohner aus frontnahen Städten evakuiert würden – eben weil das Leben der Zivilbevölkerung für die Ukraine Priorität habe.

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs Ende Februar wurden wiederholt Fälle schwerster Verbrechen an Zivilisten öffentlich, für die die Ukraine – aber auch große Teile der internationalen Gemeinschaft – Russland verantwortlich machen. Zu den schockierendsten Fällen zählen etwa der Fund Hunderter Leichen im Kiewer Vorort Butscha oder ein Raketenangriff, der im April fliehende Ukrainer in der östlichen Stadt Kramatorsk traf.

asc/dpa/AFP
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