Analyse von US-Thinktank Ukrainekrieg steuert auf »blutige Pattsituation« zu

Die Russen sind mit ihrer ersten Offensive gescheitert, nun droht Experten zufolge eine neue, noch brutalere Phase des Krieges. Die Kämpfe könnten sich noch über Monate ziehen. Militärisch würde wohl niemand gewinnen – aber viele Menschen würden sterben.
Pure Zerstörung: Ein Mann hockt in Krasylivka, östlich von Kiew, auf Trümmern

Pure Zerstörung: Ein Mann hockt in Krasylivka, östlich von Kiew, auf Trümmern

Foto: Aris Messinis / AFP

Die russischen Truppen kommen nicht voran, nun droht der Ukraine ein Krieg mit wenig Bewegung, aber vielen Todesopfern. Ein »blutiges Patt« sei wahrscheinlich und könne Wochen oder Monate andauern, schreiben die Militärstrategen vom US-Thinktank »Institute for the Study of War« in einer aktuellen Analyse. Die Experten befürchten eine Situation, in der es weder eine Feuerpause noch einen Waffenstillstand gibt, aber beide Kriegsparteien mit ihren Angriffen die Lage nicht wesentlich verändern können. »Im Ersten Weltkrieg wurden die Schlachten von Somme, Verdun und Passchendaele unter diesen Bedingungen geführt, und keine konnte den Stillstand auflösen«, heißt es in der Analyse.

Die Experten berufen sich unter anderem auf Satellitenaufnahmen, die zeigen, wie sich russische Truppen nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew eingraben, um so mutmaßlich die aktuellen Stellungen auf unbestimmte Zeit zu halten. Das Institut sieht drei Ziele der Russen: Eroberte Gebiete sollten politisch kontrolliert werden, zudem sollten die Truppen Nachschub und Verstärkung bekommen.

Satellitenaufnahme, die eingegrabene russische Truppen zeigen soll

Satellitenaufnahme, die eingegrabene russische Truppen zeigen soll

Foto: AFP

Die Ukraine hat es den Analysten zufolge zwar geschafft, den ersten Vormarsch der Russen aufzuhalten, damit jedoch gleichzeitig die Bedingungen geschaffen für eine »zerstörerische Verlängerung und eine gefährliche neue Phase des Konflikts«. Sollte es ein Patt geben, werde das russische Militär die ukrainischen Städte weiter bombardieren, wodurch die Orte zerstört und Zivilisten getötet würden. Das Kalkül könne sein, so den Kampfeswillen der Ukrainer zu brechen, weil Kiews Truppen es nicht schaffen, die Russen aus dem Land zu vertreiben oder auch nur die russischen Angriffe zu stoppen. So könne Moskau bestimmte Ziele erreichen, ohne dafür die Städte einnehmen zu müssen. Der US-Thinktank glaubt allerdings, dass die Russen mit dieser Strategie scheitern werden.

Diverse Militärexperten sind der Ansicht, dass Moskaus ursprünglicher Plan war, mehrere große ukrainische Städte schnell einzunehmen, insbesondere die Hauptstadt Kiew, und so einen Regierungswechsel herbeizuführen. Diese Strategie gilt gemeinhin als gescheitert. Russland sei es nicht gelungen, Kiew, Charkiw oder Odessa einzunehmen, und auch andernorts gebe es nur begrenzte Geländegewinne, so das »Institute for the Study of War«.

Den aktuellen Kampf um wichtige ukrainische Städte bewerten die Experten wie folgt:

  • Russland habe wahrscheinlich seine Pläne aufgegeben, die Hauptstadt Kiew von Westen her einzuschließen oder von dort aus anzugreifen. Vielmehr bereite man sich darauf vor, das Stadtzentrum mit Raketen und Artillerie zu beschießen. Russische Haubitzen hätten eine Reichweite von rund 25 Kilometern. Um den Stadtkern anzugreifen, seien die russischen Truppen demnach noch zu weit weg, etwa am Flugplatz Hostomel. Den Versuch der Russen, den Fluss Irpin zu queren, hätten ukrainische Truppen zurückgeschlagen. Die Stadt Browary östlich von Kiew sei innerhalb der Artillerie-Reichweite. Dies könne erklären, warum die Russen ihre Stellungen in dieser Gegend erbittert verteidigten.

  • Die langwierige Belagerung der wichtigen Hafenstadt Mariupol schwäche die russischen Truppen im Südosten der Ukraine. Hätten sie die Stadt schnell eingenommen, hätten sie weiter nach Westen ziehen und dort weitere ukrainische Großstädte bedrohen können. Nun hingegen müssten sie die Stadt Straßenzug für Straßenzug erobern, was das russische Militär Zeit und Kampfkraft kosten werde. Zwar rechnet das »Institute for the Study of War« damit, dass die Russen Mariupol in den nächsten Wochen einnehmen können oder die Stadt kapitulieren muss. Es sei aber zunehmend unwahrscheinlich, dass dadurch signifikante russische Feuerkraft verfügbar werde, um so den Vormarsch in Richtung Westen zu unterstützen.

  • Im Süden bewegen sich russische Truppen auf die Großstädte Krywyj Rih, Dnipro und Saporischschja zu. Es sei aber unwahrscheinlich, dass sie die Städte in den kommenden Tagen oder Wochen einnehmen könnten, wenn überhaupt. Alle drei Städte seien größer als Mariupol, das die Russen trotz deutlich mehr Feuerkraft bisher nicht einnehmen konnten. Krywyj Rih, die Heimatstadt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, sei zudem gut verteidigt.

  • Im Nordosten der Ukraine versuchen die Russen die Stadt Charkiw einzunehmen. Dort gab es zuletzt keine großen Bewegungen, so der US-Thinktank. Der ukrainische Generalstab berichtete demnach, die Russen verstärkten ihre Truppen, und warnte vor einem neuen Angriff.

Für einen zeitnahen russischen Großangriff sehen die US-Experten derzeit keine Anzeichen. Anstatt Truppen zusammenzuziehen, versuche Moskau offenbar mit kleineren Verstärkungen bereits begonnene Fronten auszubauen. Dies werde aber wahrscheinlich scheitern. Die russischen Truppen würden nun ihre Angriffe mit Raketen, Bomben und Artillerie auf ukrainische Städte ausweiten.

sep
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