Offener Brief in »Emma« Diese Leute verurteilen uns zum Verschwinden

Ein Zwischenruf von Yevgenia Belorusets, Kiew
Die Autorin Yevgenia Belorusets beschreibt für den SPIEGEL den Alltag in Kiew – hier reagiert sie auf den offenen Brief deutscher Promis an Olaf Scholz. Und fragt, ob die Unterzeichner bereit sind für die Folgen ihrer Forderung.
Bild des ukrainischen Künstlers Nikita Kadan

Bild des ukrainischen Künstlers Nikita Kadan

Foto: Nikita Kadan

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Als ich noch in Kiew lebte, Mitte März, zeigte mir der ukrainische Künstler Nikita Kadan eines seiner Werke. Es war das Bild eines wunderschönen Himmels, mit schwarzer Kohle hatte er darauf in großen Lettern geschrieben: »We are the price«.

Ich hörte mich in den Klang dieser Worte ein. Ich wollte mich gegen ihre Grundsätzlichkeit wehren und empfand sie damals nur als teilweise wahrhaftig. Es war die Zeit, als Forderungen nach einer Flugverbotszone über der Ukraine laut wurden, die von der Nato durchgesetzt werden sollte. Diese Bitte der Ukraine wurde nicht erhört.

Die Worte von Nikita Kadan sollten sagen, dass die Welt uns gewissermaßen opfert, um ihre Ruhe zu haben. Eine Flugverbotszone hätte wohl zu einem Krieg zwischen der Nato und Russland geführt, einem dritten Weltkrieg. Der Himmel blieb deswegen unbeschützt, und nichts hinderte ein menschenfeindliches System daran, unsere Städte mit den Bomben zu zerstören.

Wenn ich die europäischen Argumente gegen die Luftabwehr für die Ukraine hörte, klangen sie manchmal scheinheilig und im Grunde zynisch. Und auch dieser Wunsch nach mehr Zeit, um darüber zu entscheiden, ob man die Ukraine mit schweren Waffen unterstützen will, verstehe ich nicht.

Diese Zeit nutzte der Aggressor, um noch mehr Tod und Verderben zu uns zu bringen. Russische Soldaten deportierten Hunderte Kinder, etwa aus Mariupol. Massenhaft ermordeten sie Zivilisten und warfen sie in Massengräber. Oder vergewaltigten Frauen.

Wandbemalung in Los Angeles

Wandbemalung in Los Angeles

Foto: ETIENNE LAURENT / EPA

Eine zynische Logik

Hinter dem Wunsch nach mehr Zeit steckt die Logik, genau diesen grausamen Aggressor nicht zu provozieren, damit der Rest der Welt keinen Schaden nimmt. Nach dieser Logik könnte man Russland auch wieder »Wandel durch Handel« anbieten, verbunden mit der Garantie, dass, während die Ukraine zerstückelt wird, kein »Weltkrieg« oder sogar ein »Atomkrieg« stattfindet. Auch viele weitere Möglichkeiten, den Frieden zu sichern, wären in ihr denkbar: Moldau, Estland, Litauen könnten sich auf ein Ende als souveräne Staaten vorbereiten. Ich würde diesen Ländern sogar im Voraus alle schweren Waffen wegnehmen, damit Putin sie mit weniger Aufwand und Blutvergießen verschlucken kann.

Es ist diese politische Logik, die in dem offenen Brief an Kanzler Olaf Scholz, in dem 28 Prominente vor der Lieferung weiterer schwerer Waffen warnen, steckt. (Lesen Sie hier  den Brief.)

In meiner Wohnung in Kiew stehen die Bücher von Alexander Kluge, der zu meinen Lieblingsautoren gehört, und der mit seiner Unterschrift unter diesen Brief mich, meine Eltern, meine Wohnung mit seinen Büchern, gewissermaßen zum Verschwinden verurteilt.

Meine Eltern und Freunde und ich leben nur, weil die Ukraine es nicht zugelassen hat, dass Kiew besetzt wurde.

Jede von Russland besetzte Stadt erlebt eine Katastrophe. In Berdjansk gibt es keine Lebensmittel, kein Waschmittel. Ein Kilo Getreide kostet bis zu 15-mal mehr als vor der Okkupation. Es gibt keine Medikamente, die Apotheken sind geschlossen. Vergangene Woche sammelte ich etwas Geld, um auf geheimen Wegen Medikamente in die Stadt zu schaffen. Wir konnten einen Teil der Lieferung hineinbringen, aber nicht alles, weil wir die ganze Zeit unter Beschuss stehen. Fliehen kann man nicht, dieser Besetzung kann man nicht entkommen.

Im Gebiet um Tschernihiw haben die Besatzer die Menschen, die in einem der Dörfer geblieben sind, zum Friedhof geführt und einen nach dem anderen erschossen. Butscha, Irpin, Borodjanka, Worsel – jede Ortschaft erzählt eigene Geschichten der Zerstörung und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Eine Frau zwischen Trümmern in Mariupol

Eine Frau zwischen Trümmern in Mariupol

Foto: Alexei Alexandrov / dpa

Waffen beenden den Krieg

Als ich aus Warschau nach Berlin kam, sah ich Zeichen der Solidarität, ich spürte Anteilnahme an unserem Schicksal. So viele Menschen kommen zu den Bahnhöfen und übersetzen, organisieren, verstehen und sind bereit, in das schreckliche Gesicht des Krieges tapfer zu schauen. Dank ihnen sind wir, die Ukrainer, hier nicht allein gelassen. Das Mitgefühl empfand ich als Miterleben, als eine Art, mit uns das Leben zu teilen.

Vielleicht nur dank dieses Gefühls konnte ich einige Tage in Berlin bleiben, die Ausstellung meines Tagebuches in Venedig vorbereiten und die große Biennale-Ausstellung mit den üblichen Ritualen aushalten. Die Schönheit dieser italienischen Stadt wirkte irreal, unerreichbar. Immer wieder gingen düstere Gedanken durch meinen Kopf, und ich fragte mich, wie es wäre, wenn plötzlich jemand auf die Idee käme, diese Straßen, Kanäle, kleinen Sackgassen, über die man nur liebevoll denken kann, mit Bomben zu bewerfen? Etwas so Fragiles in seiner Schönheit wie ein altes Haus, eine Kirche oder einen kleinen filigranen Stadtplatz mit einer Gewalt und Machtgeste zu zerstören.

Demonstration in Kiew

Demonstration in Kiew

Foto: Alexey Furman / Getty Images

Seit Wochen und Monaten bittet mein Land darum, den Himmel über der Ukraine zu schützen. Und Deutschland führt weiterhin die Debatte über die Lieferung der schweren Waffen in die Ukraine.

Man sieht sehr deutlich, dass die Sanktionen noch Monate oder vielleicht sogar Jahre brauchen, um zu wirken. Dieser Krieg wird nicht von selbst aufhören.

Die Ukraine kämpft auf eigenem Boden um das Recht, als politisches Projekt weiterzuexistieren, und um das Leben von Millionen von Menschen, die bedroht sind.

Genau dann beginnen die Verhandlungen

Russland kann nur deswegen weitere Gebiete der Ukraine erobern, weil es der ukrainischen Armee an schweren Waffen mangelt. Waffen setzen den Krieg nicht fort, sondern beenden ihn, indem sie seine Bewegung stoppen. Das zwingt den Aggressor zum Aufhören. Genau in solchen Momenten beginnen die Verhandlungen, wo man über die Rettung der Menschen und einen zukünftigen Frieden sprechen kann.

In diesem offenen Brief, aber auch in der breiteren Debatte, wird mit der düsteren Aussicht auf einen Atomkrieg argumentiert, zu dem sich Putin provoziert fühlen könnte. Welche Frage dabei unbeantwortet bleibt: Welches Entgegenkommen würde Putin sicher davon abhalten, nicht weiter zu eskalieren?

Über Jahre haben andere Länder über die Verbrechen Putins hinweggeschaut, um ihn nicht zu provozieren. Aber man hat keine Mittel erfunden, keine Argumentation, um Putin von diesem Krieg zurückzuhalten.

Was wird kommen, wenn man Putin sein Handeln weiter erlaubt, verzeiht, zulässt?

Sind die großartigen Autoren und Autorinnen, Künstlerinnen und alle, die ihre Meinung in diesem offenen Brief teilen, bereit für die drohenden Konsequenzen?

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