Krieg in Osteuropa Berichte über Explosionen in Odessa – das geschah in der Nacht

Aus der Hafenstadt Odessa sind Explosionen gemeldet worden. Und: Die Region Kiew ist laut ukrainischem Militär offenbar »vom Feind befreit«. Das geschah in der Nacht.
Schwarze Rauchwolken über Odessa: In der Nacht zu Sonntag hat es Berichten zufolge Explosionen in der Stadt gegeben

Schwarze Rauchwolken über Odessa: In der Nacht zu Sonntag hat es Berichten zufolge Explosionen in der Stadt gegeben

Foto:

BULENT KILIC / AFP

Was in den vergangenen Stunden geschah

Aus der strategisch wichtigen ukrainischen Küstenstadt Odessa sind am Sonntag mehrere Explosionen gemeldet worden. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, seien die Detonationen in der Stadt am Schwarzen Meer im Südwesten des Landes am frühen Morgen zu hören gewesen.

Zudem waren mindestens drei schwarze Rauchsäulen und Flammen vermutlich über einem Industriegebiet zu sehen. Die Metropole ist der größte Hafen der Ukraine und zentral für die Wirtschaft des gesamten Landes.

Seit dem Beginn des russischen Einmarschs in das Nachbarland am 24. Februar wurden nach ukrainischen Schätzungen 20.000 Menschen getötet. Fast 4,14 Millionen Menschen flohen nach Uno-Angaben vor den Kämpfen in der Ukraine ins Ausland.

Dutzende tote Zivilisten in Butscha

Ukrainische Truppen haben in der zurückeroberten Stadt Butscha, einem Vorort von Kiew, zivil gekleidete Leichen auf der Straße gefunden. Viele von ihnen seien von russischen Soldaten erschossen worden, twitterte Präsidentenberater Mychajlo Podoljak. »Sie waren nicht beim Militär, sie hatten keine Waffen, sie stellten keine Bedrohung dar«, schrieb er. »Wie viele derartige Fälle ereignen sich gerade in den besetzten Gebieten?«

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Auf einem Foto, das Podoljak in seinem Tweet teilte, waren erschossene Männer zu sehen, bei einem von ihnen waren die Hände auf dem Rücken gefesselt. Die Echtheit des Bildes konnte nicht unabhängig geprüft werden. Auch weitere Berichte ukrainischer Medien über vermeintliche Gräueltaten russischer Soldaten konnten nicht unabhängig überprüft oder bestätigt werden.

Unterdessen berichtete der Bürgermeister des Ortes von 280 Menschen, die in Massengräbern beigesetzt werden mussten, weil die Friedhöfe überfüllt seien. »Alle diese Menschen wurden erschossen«, sagte Bürgermeister Anatoly Fedoruk. Die Straßen der Kleinstadt seien mit Leichen übersät. Es stünden Autos auf den Straßen, in denen »ganze Familien getötet wurden: Kinder, Frauen, Großmütter, Männer«.

Die militärische Lage

Die gesamte Region Kiew ist laut ukrainischem Militär »vom Feind befreit«: Die russischen Truppen haben sich nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums komplett aus der Region um die Hauptstadt Kiew zurückgezogen oder wurden zurückgeschlagen. »Irpin, Bucha und Hostomel und das gesamte Gebiet Kiew – vom Feind befreit«, schrieb die stellvertretende Verteidigungsministerin Anna Maljar am Samstagabend auf Twitter.

Die ukrainische Regierung wertete den »schnellen Rückzug« der russischen Truppen aus dem Großraum Kiew und der weiter nördlich gelegenen Region Tschernihiw als Beleg für den von Moskau angekündigten Strategiewechsel. Die russische Armee wolle sich nun »nach Osten und Süden zurückziehen und dort die Kontrolle über große besetzte Gebiete behalten«, sagte Michailo Podoljak, ein Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Selenskyj erwartet russische Angriffe im Osten und Süden: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erwartet heftige russische Angriffe im Osten und Süden. »Was ist das Ziel der russischen Armee? Sie wollen sowohl den Donbass als auch den Süden der Ukraine erobern«, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft.

»Und was ist unser Ziel? Wir wollen uns, unsere Freiheit, unser Land und unsere Menschen schützen.« Um den russischen Plänen entgegenzuwirken, werde die Abwehr der ukrainischen Streitkräfte in östlicher Richtung verstärkt. »Und das wohl wissend, dass der Feind Reserven hat, um den Druck zu verstärken.«

Hunderten Menschen gelang nach Angaben der Regierung in Kiew die Flucht aus umkämpften Städten: So hätten 765 Zivilisten mit eigenen Fahrzeugen die Hafenstadt Mariupol im Südosten verlassen, teilte Vizeregierungschefin Irina Wereschtschuk via Telegram mit. Fast 500 Zivilisten seien aus der Stadt Berdjansk geflohen. Ziel der Menschen aus beiden Städten sei Saporischschja. Zudem seien in Berdjansk zehn Busse gestartet. Am Sonntag solle die Evakuierung dort fortgesetzt werden, sagte Wereschtschuk.

Für Sonntag plante das russische Militär einen Fluchtkorridor für ausländische Staatsbürger aus dem umkämpften Mariupol und der von Russen besetzten Hafenstadt Berdjansk, ebenfalls am Asowschen Meer. Die Ausländer, überwiegend Besatzungsmitglieder von blockierten Frachtschiffen in den beiden Häfen, könnten auf dem Landweg entweder über die Krim oder in ukrainisches Gebiet in Sicherheit gelangen.

So steht es um die diplomatischen Bemühungen

Nach wochenlangen Verhandlungen zwischen Vertretern Russlands und der Ukraine zur Beendigung des Kriegs zeichnen sich aus Sicht Kiews erste positive Signale ab. Der ukrainische Chefunterhändler David Arachamija sprach im Staatsfernsehen von einem möglicherweise baldigen Treffen Selenskyjs mit Kremlchef Putin.

Sollte es zustandekommen, werde es wohl in der Türkei abgehalten, entweder in Ankara oder Istanbul. Selenskyj forderte wiederholt ein direktes Gespräch mit Putin. Der Kreml lehnt dies bisher mit dem Hinweis darauf ab, dass Putin eine konkrete Grundlage – im Sinne abgeschlossener Vorverhandlungen – für diese Zusammenkunft fordert.

Reaktionen des Westens

Polens Vizeregierungschef offen für amerikanische Atomwaffen: Jarosław Kaczyński sagte, er sei angesichts des Kriegs offen für eine Stationierung amerikanischer Atomwaffen in seinem Land. »Wenn die Amerikaner uns bitten würden, US-Atomwaffen in Polen einzulagern, so wären wir dafür aufgeschlossen. Es würde die Abschreckung gegenüber Moskau deutlich verstärken«, sagte er der »Welt am Sonntag«.

London sagt Ukraine weitere Unterstützung zu: Der ukrainische Präsident Selenskyj hat vom britischen Premier Boris Johnson die Zusage für weitere Unterstützung im Kampf gegen die russische Armee erhalten. »Eine sehr spürbare Unterstützung«, sagte Selenskyj dazu. »Wir haben uns über eine neue Unterstützung für die Verteidigung der Ukraine unterhalten, ein neues Paket«, fasste Selenskyj das Gespräch mit Johnson zusammen. Details nannte er aber nicht. Aus der Downing Street verlautete, dass Johnson »Unterstützung für die Verteidigungsbemühungen zugesagt« habe.

mst/AFP
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