Russlands Angriff auf die Ukraine Gefesselte Leichen in Butscha, Raketen auf Odessa – das geschah am 39. Kriegstag

Im Kiewer Vorort Butscha sind ukrainische Soldaten auf zahlreiche getötete Zivilisten gestoßen. Wolodymyr Selenskyj spricht von einem Genozid. Olaf Scholz droht mit neuen Sanktionen. Der Überblick.
Verwüstung: Ein Mann geht an den Überresten eines russischen Militärfahrzeugs in Butscha vorbei

Verwüstung: Ein Mann geht an den Überresten eines russischen Militärfahrzeugs in Butscha vorbei

Foto: Serhii Nuzhnenko / dpa

Nach dem Abzug russischer Truppen hat die Ukraine nach eigenen Angaben in der Region um die Hauptstadt Kiew die Leichen von insgesamt 410 Bewohnern geborgen. »Das ist eine Hölle, die dokumentiert werden muss, damit die Unmenschen, die sie geschaffen haben, bestraft werden«, schrieb die ukrainische Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa am Sonntagabend auf Facebook. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte Beweise für mutmaßliche Kriegsverbrechen.

Die Ukraine macht für das Massaker russische Truppen verantwortlich, die die kleine Stadt bis vor Kurzem besetzt hatten. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem Genozid. »Das ist in der Tat ein Völkermord«, sagte Selenskyj dem US-Sender CBS laut Übersetzer auf eine entsprechende Frage der Moderatorin.

Das sagt der Kreml

Das russische Verteidigungsministerium hingegen wies die Vorwürfe zurück, einen Massenmord an Zivilisten in der ukrainischen Stadt Butscha begangen zu haben. Wie das Ministerium erklärte, stelle jegliches von der Ukraine veröffentlichtes Bild- und Filmmaterial in diesem Zusammenhang eine Provokation dar.

So reagiert Deutschland

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat weitere Sanktionen gegen Moskau angekündigt. »Die Ermordung von Zivilisten ist ein Kriegsverbrechen«, sagte Scholz am Sonntagabend in Berlin. »Diese Verbrechen der russischen Streitkräfte müssen wir schonungslos aufklären.«

Die Täter und die Auftraggeber der »Gräueltaten« müssten »zur Rechenschaft gezogen werden«, sagte Scholz. »Wir werden im Kreis der Verbündeten in den nächsten Tagen weitere Maßnahmen beschließen.« Russlands Präsident Wladimir Putin und seine Unterstützer »werden die Folgen spüren, und wir werden der Ukraine weiterhin Waffen zur Verfügung stellen, damit sie sich gegen die russische Invasion verteidigen kann«, betonte der Kanzler.

Auch Bundesaußenministerin Annalena Baerbock (Grüne) kündigte härtere Sanktionen gegen Moskau und weitere Hilfen für das ukrainische Militär an. Die Bilder der »hemmungslosen Gewalt« aus Butscha nach dem Rückzug der russischen Truppen seien »unerträglich«, twitterte Baerbock.

Das sagen westliche Politiker

Die Bilder aus Butscha sorgten für internationales Entsetzen. Der britische Premier Boris Johnson, der italienische Regierungschef Mario Draghi verurteilten die mutmaßlichen Kriegsverbrechen mit scharfen Worten. Uno-Generalsekretär António Guterres zeigte sich »zutiefst geschockt« über Gräueltaten an Bewohnern der ukrainischen Stadt Butscha geäußert. »Es ist essenziell, dass eine unabhängige Untersuchung zu effektiver Rechenschaft führt«, sagte er. Die Europäische Union kündigte weitere Sanktionen gegen Russland an.

Polens Vizeregierungschef Jarosław Kaczyński zeigte sich zudem offen für eine Stationierung amerikanischer Atomwaffen in seinem Land: »Wenn die Amerikaner uns bitten würden, US-Atomwaffen in Polen einzulagern, so wären wir dafür aufgeschlossen. Es würde die Abschreckung gegenüber Moskau deutlich verstärken.«

Die militärische Lage

Die stellvertretende Verteidigungsministerin der Ukraine, Hanna Maljar, teilte mit, dass die Armee wieder die volle militärische Kontrolle über die Region um Kiew erlangt habe.

Unterdessen griff Russland nach eigenen Angaben Ziele nahe der ukrainischen Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer angegriffen. Von Schiffen und Flugzeugen aus seien Raketen auf eine Ölraffinerie und drei Treibstofflager abgefeuert worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Nach russischen Angaben wurden in der Nacht zum Sonntag in der Ukraine insgesamt 51 Militäreinrichtungen getroffen, darunter vier Kommandoposten und zwei Raketenabwehrsysteme. Die Angaben aus dem Kriegsgebiet lassen sich nicht von unabhängiger Seite überprüfen.

Der Stadtrat von Odessa hatte von Bränden im Stadtgebiet berichtet. Ukrainische Medien veröffentlichten Fotos, auf denen Rauch über der Stadt zu sehen war. Es soll demnach keine Verletzten gegeben haben. Dem Stadtrat zufolge wurden »einige Raketen« von der Luftabwehr abgefangen. In Odessa lebte vor dem Krieg rund eine Million Menschen.

Die diplomatische Situation

Russland hat Hoffnungen der Ukraine auf ein baldiges Spitzentreffen der beiden Präsidenten Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj zur Beendigung des Kriegs gedämpft. Es gebe noch viel zu tun, sagte der russische Verhandlungsführer Wladimir Medinski der Nachrichtenagentur Interfax. »Ich teile leider nicht den Optimismus von Arachamija.« Zuvor hatte der ukrainische Chefunterhändler Davyd Arachamija von einem möglichen Treffen der beiden Staatschefs gesprochen. Die Entwürfe der entsprechenden Dokumente seien bereits so weit fortgeschritten, dass ein »direktes Gespräch der beiden Staatschefs« möglich sei.

Die Pipelines

Der russische Staatskonzern Gazprom setzt nach eigenen Angaben seine Gaslieferungen durch die Ukraine in den Westen in großem Umfang fort. Ungeachtet des Kriegs sollen an diesem Sonntag 108,4 Millionen Kubikmeter durch das Leitungssystem des Nachbarlands gepumpt werden, wie das Unternehmen der Nachrichtenagentur Interfax zufolge mitteilte. Dies entspricht nach russischen Angaben der bestellten Menge. Am Samstag waren es Gazprom zufolge 108,1 Millionen Kubikmeter. Die vertraglich mögliche maximale Auslastung liegt bei 109 Millionen.

Damit gingen auch am Wochenende die russischen Lieferungen nach der Umstellung der Zahlungen auf Rubel weiter. Präsident Wladimir Putin hatte angewiesen, Gas an westliche Staaten nur noch gegen Rubel zu verkaufen, was diese strikt ablehnen. Daraufhin erließ Putin ein Dekret, das westliche Kunden seit Freitag verpflichtet, ein Rubelkonto bei der Gazprombank zu eröffnen und die Zahlungen darüber abzuwickeln. Die Ukraine bezieht aus dem Transit des russischen Gases wichtige Einnahmen in Milliardenhöhe.

Das sollten Sie lesen

  • Unser Reporter Thore Schröder war mit den Klitschko-Brüdern in Butscha unterwegs, wo russische Soldaten bei ihrem Rückzug offenbar zahlreiche Zivilisten getötet haben. Was er vor Ort sah und was die Klitschkos dazu sagten, lesen Sie hier .

  • Der sowjetische Diktator Josef Stalin wollte die Ukraine als Nation zerstören. Das wirkt bis heute nach, schreibt Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel in seinem Gastbeitrag .

  • Trotz Krieg und Gräueltaten wollen viele ältere Menschen in Kiew ihre Wohnungen nicht verlassen. Wie geht man mit ihnen um? Die Autorin Yevgenia Belorusets beschreibt den Alltag in der ukrainischen Hauptstadt.

  • Sind sie für oder gegen Putin? Der Krieg rückt auch die Russlanddeutschen in den Fokus der öffentlichen Debatte. Bisher ist über sie und ihre politischen Ansichten nicht viel bekannt. Katrin Elger hat eine neue Studie ausgewertet .

mpz/dpa/AFP/Reuters
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