Neue Leichenfunde in der Ostukraine »Ich möchte das nicht Butscha nennen«

Die in Isjum gefundenen Gräber sind wohl nicht Teil einer Massenbestattung nach einem Kriegsverbrechen. Nach ukrainischen Angaben wurden dort Soldaten und Zivilisten beigesetzt, die beim russischen Angriff im März gestorben waren.
Oleg Kotenko (l.), Beauftragter für Vermisstenfragen unter besonderen Umständen, mit einem Kollegen in einem Wald bei Isjum, wo sich die Gräber befinden

Oleg Kotenko (l.), Beauftragter für Vermisstenfragen unter besonderen Umständen, mit einem Kollegen in einem Wald bei Isjum, wo sich die Gräber befinden

Foto: Evgeniy Maloletka / dpa

Die Leichenfunde in der befreiten ostukrainischen Kleinstadt Isjum sind womöglich doch nicht Zeichen für ein Kriegsverbrechen. Es handelt sich nach Aussagen des ukrainischen Vermisstenbeauftragten nicht um ein Massengrab, sondern um viele Einzelgräber. »Ich möchte das nicht Butscha nennen – hier wurden die Menschen, sagen wir mal, zivilisierter beigesetzt«, sagte Oleg Kotenko dem TV-Sender Nastojaschtschee Wremja in der Nacht zum Freitag.

Die Menschen in Isjum seien wohl gestorben, als Russlands Truppen die Stadt Ende März angriffen und eroberten, sagte Kotenko. »Die Mehrzahl starb unter Beschuss, wir haben das den Daten nach bereits verstanden: Die Menschen kamen um, als sie (gemeint sind die Russen; Anmerkung der Redaktion) die Stadt mit Artillerie beschossen«, sagte Kotenko. Die Bestattungsdienste hätten zum Teil nicht gewusst, wer die vielen toten Menschen seien. Deshalb stünden auf einigen Kreuzen nur Nummern. Derzeit bemühten sich die Behörden, ein Register mit den Fundorten der Leichen zu finden.

Polizeichef Igor Klimenko teilte am Vormittag mit, dass die meisten der bei Isjum bestatteten Menschen offenbar Zivilisten seien. »Obwohl wir Informationen haben, dass sich dort auch Soldaten befinden, haben wir noch keinen einzigen geborgen«, sagte Klimenko auf einer Pressekonferenz.

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Ende März waren in dem Kiewer Vorort Butscha nach dem Abzug russischer Truppen Hunderte getötete Zivilisten teils mit Folterspuren gefunden worden . Butscha gilt seitdem als Symbol für schwerste Kriegsverbrechen im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der am 24. Februar begann.

Selenskyj sprach von »Massengrab«, verwies aber auf weitere Ermittlungen

Der Fund eines Friedhofs mit mehr als 440 Gräbern in Isjum weckte zunächst Erinnerungen an Butscha. Dem Internetsender Hromadske zufolge war darunter auch ein Massengrab, in dem bis zu 25 getötete ukrainische Soldaten liegen. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach in einer ersten Reaktion von einem »Massengrab«, verwies aber zugleich auf weitere Ermittlungen.

Isjum war Ende März von den russischen Truppen erobert worden. In der vergangenen Woche wurden diese unter dem Druck ukrainischer Gegenoffensiven von dort wieder vertrieben.

Wann ist es ein Kriegsverbrechen?

Nicht jeder Tod eines Zivilisten im Krieg ist automatisch ein Kriegsverbrechen. Im »Genfer Abkommen über den Schutz von Zivilpersonen in Kriegszeiten« ist festgehalten, welche Angriffe auf die Zivilbevölkerung zulässig sind und welche nicht. Das Kriegsrecht schützt nicht vor zivilen Todesfällen, es schränkt nur ein, unter welchen Umständen sie zustande kommen dürfen. Welche Verstöße gegen diese Konvention ein Kriegsverbrechen darstellen, ergibt sich aus dem »Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs«.

»Krieg unterscheidet sich von Mord und Massaker dadurch, dass es Regeln gibt«, erläuterte der Völkerrechtler Daniel-Erasmus Khan kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im SPIEGEL-Interview . Im März hat der SPIEGEL bereits Brüche des Völkerrechts durch russische Truppen  dokumentiert. Unter anderem ermitteln der Ankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag und die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wegen möglicher russischer Kriegsverbrechen.

Die »vorsätzliche Tötung« einer zivilen Person steht an der Spitze einer langen Liste von Taten, die nach dem Statut des Internationalen Strafgerichtshofs als Kriegsverbrechen eingestuft werden. Um diese Verbrechen zu verfolgen, müssen sie aber bewiesen werden. Wie schwierig das ist, wurde bereits nach den Gräueltaten im Kiewer Vorort Butscha Anfang April beschrieben .

Die möglichen Kriegsverbrechen in der Ukraine sollten jedenfalls schnell aufgearbeitet werden, riet Ende August die Forensikerin Eva Elvira Klonowski im SPIEGEL-Interview . Die Angehörigen bräuchten Gewissheit – und Trost. Und je früher ein Massengrab exhumiert werde, desto mehr Beweise ließen sich finden, da sich die weichen Gewebeanteile des menschlichen Körpers als Erstes zersetzen.

mgo/dpa/Reuters
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