Britischer Ex-Premier über Beginn des Ukrainekriegs Deutschland soll laut Johnson zeitweise schnelle ukrainische Niederlage favorisiert haben

Putins Panzer in der Ukraine? Als dieses Szenario im Februar drohte, soll die Bundesregierung gehofft haben, dass »die Ukraine zusammenklappen würde«. Das behauptet der britische Ex-Premier Boris Johnson. Berlin dementiert.
Boris Johnson während einer Visite in Kiew im Juni dieses Jahres, als er noch britischer Premier war

Boris Johnson während einer Visite in Kiew im Juni dieses Jahres, als er noch britischer Premier war

Foto: Ukraine Presidency / ZUMA Press / IMAGO

Einen offiziellen Posten in der britischen Regierung hat der frühere Premierminister Boris Johnson nicht mehr. Seit seinem Rücktritt als Regierungschef im September jettet Johnson zum Teil für üppiges Entgelt als Redner um die Welt – und meldet sich zur Tagespolitik zu Wort. Nun hat er mit Aussagen zum Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine ein wenig schmeichelhaftes Licht auf die Regierungen in Berlin und Paris geworfen.

Bei einer Diskussion des Senders CNN  in Portugal sagte Johnson, unter den europäischen Regierungen habe es vor dem russischen Einmarsch am 24. Februar sehr unterschiedliche Positionen gegeben. Deutschlands Sichtweise sei es an einem Punkt gewesen, dass ein russischer Angriff ein Desaster wäre – und dass »es am besten wäre, wenn die ganze Sache schnell vorüber wäre und die Ukraine zusammenklappen würde«, sagte der britische Ex-Premier.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Für diese Haltung der Bundesregierung habe es verschiedene nachvollziehbare wirtschaftliche und politische Gründe gegeben, behauptete Johnson. Er selbst habe die »desaströse Sichtweise« der deutschen Regierung nicht unterstützt. Er könne aber verstehen, »warum sie dachten und fühlten, wie sie es taten«.

Regierungssprecher Steffen Hebestreit dementierte Johnsons Äußerung. »Johnson hatte immer ein eigenes Verhältnis zur Wahrheit, das ist hier nicht anders«, sagte Hebestreit. »Ich wäre jetzt fast versucht, auf Englisch umzuschwenken und zu sagen: Das ist ›utter nonsense, was Boris Johnson da geäußert hat.«

Frankreich verleugnete Möglichkeit russischen Angriffs

Auch in Frankreich habe man nicht mit einer russischen Attacke gerechnet, sagte Johnson weiter. Es bestehe »kein Zweifel«, dass die Franzosen die Möglichkeit eines Angriffs bis zum letzten Moment nicht hätten wahrhaben wollen, so Johnson. Und auch Italien habe sich mit Verweis auf die massive Abhängigkeit auf russische Energielieferungen nicht in der Lage gesehen, eine harte Linie gegen Moskau zu fahren. Laut CNN wollte die italienische Regierung Johnsons Aussagen auf Anfrage nicht kommentieren.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte sich nur wenige Wochen vor Beginn der russischen Invasion noch in Moskau mit Russlands Präsident Wladimir Putin getroffen. Macrons Bemühungen, Putin von dem Angriffskrieg abzubringen, scheiterten jedoch. Auch ein Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bei Putin blieb erfolglos.

Johnson sagte bei der CNN-Diskussion aber auch, dass sich die Position der EU-Staaten mit Beginn der russischen Invasion schnell geändert hätten. Deutsche, Franzosen, Italiener und auch US-Präsident Joe Biden hätten gesehen, dass es keine andere Option mehr gegeben habe und man mit Putin auch nicht verhandeln könne. Seitdem habe die EU »brillant« gegenüber Russland reagiert, sagte Johnson: »Nach all meinen Befürchtungen (...) zolle ich Anerkennung dafür, wie die EU reagiert hat. Sie waren vereint. Die Sanktionen waren hart.«

Johnson drängt auf Flugzeuge für die Ukraine

Bei dem Gespräch sprach sich Johnson auch für weitreichendere militärische Unterstützung für die Ukraine aus. Neben weiterer Artillerie und Helikoptern müsste die Ukraine auch Flugzeuge erhalten. Diese müssten schnell genug sein, um Drohnen auszuschalten. »Dafür braucht man keine ausgetüftelten Flugzeuge«, sagte Johnson. »Das kann man mit Spitfires machen«, sagte Johnson scherzhaft mit Bezug auf das massenhaft im Zweiten Weltkrieg eingesetzte britische Jagdflugzeug.

Großbritannien hatte am Mittwoch erstmals Hubschrauber an die Ukraine geliefert. Kiew soll insgesamt drei Maschinen vom Typ Sea King bekommen, der erste ist offenbar bereits in der Ukraine angekommen. Sowohl die britische Luftwaffe als auch die Marine hatten Sea Kings eingesetzt, aber 2018 außer Dienst gestellt. Die Hubschrauber können für die U-Boot-Abwehr und für Such- und Rettungsmissionen genutzt werden.

fek
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.